Unsere Seelen bei Nacht

Autor: Kent Haruf
OT: Our Souls at Night
DT: Unsere Seelen bei Nacht
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Orignial Ersterscheinung: 2015
Verlag: Diogenes
Preis: 20 Euro (Gebunden)
ISBN: 978-3257069860
Länge: 208 Seiten

Als Addie Moore bei ihrem Nachbarn Louis Waters an der Tür klingelt, ahnt er noch nicht, wie sehr das sein Leben verändern wird. Addie macht ihm einen Vorschlag: Da ihre beiden Partner ja verstorben seien und es Nachts doch so einsam sei, könne er dann nicht ab und zu bei ihr übernachten? Etwas verwirrt und von sich selbst überrascht stimmt Louis schließlich zu. Doch in einer Kleinstadt bleibt nichts geheim. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der Stadt und nicht nur die gleichaltrigen Nachbarn schämen sich, sondern auch ihre eigenen Kinder wollen sie überzeugen, dass sie einfach nur peinlich sind. Addie und Louis entpuppen sich jedoch schnell als starkes Team.

In erster Linie hat mich der bezaubernde Titel dieses Buches angelockt, er wirkte so ehrlich und melancholisch. Vielleicht hätte ich das Buch nicht gelesen, wenn ich kein Rezensionsexemplar gewonnen hätte. Deshalb bin ich gleich doppelt glücklich, denn dieser kurze, bewegende Roman ist eine Bereicherung!

Was als erstes sofort auffällt: Es gibt keine Anführungszeichen bei wörtlicher Rede. Zunächst war es unglaublich gewöhnungsbedürftig, mir war, als fehle es dem Buch einfach an Form. Doch spätestens nach 10 oder  15 Seiten wirkte dieser freie, einfache Schreibstil so herrlich echt. Es ist faszinierend, wie Haruf nahe zu nur mit wörtlicher Rede es schafft, zwei tolle Charaktere mit liebevoller Urigkeit und Tiefe zu bilden. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass es mir so gut gefallen könnte. Denn auch wenn ich Dickens, Fontane und Goethe für ihren imposanten, teils ausschweifenden Stil liebe, zeigt Haruf, dass es auch anders geht, ohne dass die Iinhaltliche Qualität oder die Plastizität der Figuren darunter leiden – ganz im Gegenteil!

Außerdem heißt es, dass eine Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford in Vorbereitung sei. Denn gerade auf Grund des Drehbucharigen Charakters dieses kurzen Romans kann ich mir vorstellen, dass eine authentische Verfilmung hier gut möglich seien. Ich bin sehr gespannt auf diesen Film!

Mir gefällt nicht nur die Einfachheit dieses Buches, sondern auch, wie es mich aus der Reserve gelockt hat, meine Vorurteile über „einfach“ geschriebene Bücher in einem Zack verloren gegangen sind. Ich bin mehr als positiv überrascht. Der englische Begriff „Straightfoward“ trifft es wohl am besten, schlicht, direkt, mitten ins Herz.

Andererseits muss ich sagen, auch wenn es eine wunderbare, leichte Geschichte ist, wie ein schöner Sommertag, den man genießt, kann ich es mehr als Lektüre für Zwischendurch empfehlen, wenn man etwas heiteres, was aber auch nachdenkliche, berührende Seiten hat, braucht. Am besten im Sommerurlaub. Denn auch, wenn es mir gefällt fehlt mir ein Funken, damit ich sagen kann, dass ich es wahrlich liebe.

Was mir das Herz bricht ist, wie viel Liebe in den Charakteren steckt und wie gerne man noch viel mehr von ihnen und mit ihnen erfahren möchte, aber man weiß, da es Harufs letztes Buch ist, dass keins mehr erscheinen wird. Allerdings – das sei gesagt – weiß ich jetzt schon, dass ich mehr von diesem Autor lesen möchte.
In dieser Hinsicht kann man das Buch als vielfach erfolgreich bezeichnen: Es hat geschafft mich zu begeistern und für mehr zu inspireren.

Zu dieser Ausgabe: Das schlichte Diogenes-Cover mit der gelben Hauswand und den sommerlichen Lichtflecken passt gut zu der warmen, frischen Stimmung des Buches und dessen Inhalt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich den Preis für ein recht dünnes und groß gedrucktes Buch etwas happig finde, auch wen der Inhalt wunderbar ist.

Zu Guter letzt möchte ich der Seite „Vorablesen“ danken, dass ich dieses tolle Rezensionsexemplar erhalten habe.

THE VERDICT: Ein besonderer, manchmal lustiger, meist bittersüßer Roman in schlichter, präziser Sprache über das Altern und dass man nie zu alt für irgendwas Neues ist. 8 von 10 Sternen

Love, Katha

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The Circle

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Autor: Dave Eggers
OT: The Circle
Genre: Sci-Fi, Dystopie
Sprache: Englisch
Ersterscheinung: 2014
Verlag: Penguin
Preis: £6.29
Länge: 512 Seiten
ISBN: 978-0241146507

Auf deutsch unter „Der Circle“ erschienen

Mae Holland, eine jungere Amerikanerin erhält durch ihre Studiumsfreundin Annie einen Job bei der begehresten Firma ihrer Zeit: Der Circle, welche sich durch raffnierte Innovationen immer mehr etabliert. Schnell findet Mae sich in der Welt dieser Firma ein, sie wird Teil eines imensen sozialen Netzwerkes. Doch ihre Eltern, ihr Exfreund und ein mysteriöser, scheinbar identitätsloser Mann wirbeln ihr Leben auf – unterdessen wird der Circle immer mächtiger.

Selten hat mich ein Buch so entsetzt. Sagte ich selten? Noch nie. Zugegeben, der Englisch Grundkurs nötigte mich, meiner zweiten Dystopie näher zu kommen, doch ich verschlang den Roman förmlich. Etappenweise, um genau zu sein, da ich finde, dass man den Circle ab und an aus der Hand legen sollte, um nicht komplett verrückt zu werden.
Immer wieder fragte ich mich, wie das seien könne, wie grausam und blind Menschen seien können und musste leider feststellen, dass blinder Gehorsam und die Neigung nichts zu hinterfragen, stark verbreitet sind. In The Circle malt Dave Eggers ein gruseliges Zukunftsbild einer technisch hochentwickelten, ja, eigentlich Technik süchtigen Gesellschaft. Wenn’s neu und krass ist, wieso sollte man da Nein sagen?
Man kann es so oder so sehen, aber man findet im Circle unheimliche Verbindungen zu unserer technisierten Welt, wo wir alles sharen und liken und uns eine Identität im Netz erschaffen und unser Selbstwertgefühl dadurch aufflammt, dass jemand einen Smiley oder ein Herz sendet – das ist überspitzt, aber etwas ist dran.

Mae leitet einen druchs Geschehen, man blickt durch ihre Augen, fühlt, was sie fühlt und liest ihre Gedanken. Dabei ist Mae eine impulsive und leicht zu begeisternde Person, anfangs scheint sie naiv und unbeholfen, doch je mächtiger der Circle wird, desto mehr wird sie eingesogen von der Macht und man möchte in dieses Buch springen und schreien sie soll doch endlich zu Vernunft kommen. Sie ist ein sehr egoistischer und meines Erachtens nach stark sexualisierter Charakter, eigentlich zieht sie ihr Ding durch, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken – meist fallen ihr (wenn überhaupt) ihre Fehler im Nachhinein ein. Dadurch ist sie ein ziemlich vielseitiger und realistischer Charakter – ich persönlich habe sie mit jeder Seite mehr gehasst und war auch ein bisschen froh, als ich den Roman beendete, dass ich mich nicht mehr mit ihr befassen muss.
Die Ereignisse jagen sich förmlich: einen Chip in Kinder einpflanzen, um sie vor Kidnapping zu Schützen, überall Kameras intsallieren – jedes Mal, wenn man glaubt, absurder könnte es es nicht werden, fällt man umso mächtiger auf die Nase. Dave Eggers konstruiert eine abartige Welt, die sich als Utopia ausgibt und ständig betet man, wenigstens einer möge zur Besinnung kommen. Es ist die Geschichte von technischer Innovation und blindem Gehorsam, die gar nicht so weit von unserer Zeit weg zu seien scheint, man denke nur an die große Firma, die fast ein Monopol auf alles im Internet hat – Google. Ich meine natürlich den Circle!

Allerdings muss ich einwenden, dass ich Eggers Schreibstil nicht besonders mochte, er lebte von einer eigenartig dikatorischen Wiederholungskraft und den Dingen, die in Maes Kopf vorgehen – dadurch ist es natürlich sehr authentisch und teilweise auch furchtbar nervtötend, vor allem, wenn man an dem Punkt ankommt, wo die absolute Doktrin durch Leitspürche wie „Secrets are Lies“ anfängt. Zudem ist das Buch nur in drei Teile eingeteilt und in keine Kapitel, so dass es schwer ist, sich zu orientieren, manchmal geschieht ganz viel und dann wieder zum vierten Mal, wie Mae durch ihren Zing-Feed scrollt.

THE VERDICT: Der Circle ist ein abartig aufregendes, unheimliches und schockierendes Buch mit technokratischen Zukunftsvisionen und besticht dabei durch eine plastische Authenzität, die einem aber gleichzeitig enorm nerven kann 7 von 10 Sternen.

Love, Katha

Quellen
Cover