Zimmer mit Aussicht

Autor: E.M. Forster
OT: A Room with a View
DT: Zimmer mit Aussicht
Genre: Roman, Klassiker
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung (GB): 1908
Verlag: Fischer Taschenbibliothek
Preis: 12 Euro (gebunden)
ISBN: 978-3-596-52143-2
Länge: 413 Seiten

Florenz um 1900:  Die zwei Engländerinnen Lucy Honeychurch und Miss Barlett begeben sich zusammen auf eine Bildungsreise nach Florenz und stellen in der Pension verärgert fest, dass sie entgegen der Planung kein Zimmer mit Aussicht erhalten. Kurz darauf stellt sich heraus, dass sich in der Pension eine handvoll Briten befinden. Unter ihnen ist auch  Vater-Sohn Duo Emerson, welches den Damen ihre Zimmer zu tauschen anbietet – ein gesellschaftlicher Fauxpas! Bald stolpern sie den  Emersons  erneut über den Weg und nach und nach stellt sich heraus, dass sich der Sohn George in Lucy verliebt hat, was sie in einen Konflikt mit ihren eigentlichen Hochzeistsplänen bringt.

Die Ironie und der Zynismus sind in diesem Buch für den modernen Beobachter sehr gut gekennzeichnet, doch wer genauso arrogant ist, wie manche dieser etepete Figuren im Buch, wird vermutlich den Spott nicht erkennen, da er sich erst langsam entwickelt und eher damit deutlich wird, dass der Protagonistin Lucy nach und nach die Augen geöffnet werden, wie oberflächlich und wie sie zurechtrückend wollend ihr Umfeld in großen Teilen ist und dass ihr Verehrer George kein schrecklicher und zu bemiteidenender Sozialist ist, sondern ein emanzipiert denkender junger Mann. Gesellschaftlicher und persönlicher, freier Willen stehen einander gegenüber.

Auch wenn mir die Geschichte gut gefiel, befremdete mich öfter der Schreibstil – was aber auch gut an der Übersetzung liegen kann. Manchmal folgten auf seitenlange Beschreibungen plötzlich Dialoge, wo, da nicht deutlich gekennzeichnet, manchmal man gar nicht wusste, wer denn gerade spricht. Zudem gab es Sprünge in Zeit und Raum, die aber ebenfalls durch plötzliche wörtliche Rede für Verwirrung sorgten, was für mich den Lesefluss leider negativ beeinflusste. Dies merkt man allerdings eher im ersten Teil des Romans, der eine ganz andere, viel leichtere Stimmung besitzt, als die folgenden Kapitel. Zum einen ist dieser Roman für einen Klassiker gut und leicht zu lesen, anderseits verwendet Forster öfter Anspielungen oder Witze, die man nicht immer ganz verstehen kann, da man das Zeitgeschehen nicht persönlich erlebt hat oder diese nicht übersetzbar sind – allerdings muss ich an dieser Stelle diese Ausgabe loben, da der Übersetzer einige Hinweise als Fußnoten hinterlässt (entsprechend muss man auch nicht verrückt blättern und ist informiert).

Ich muss zugeben, wirklich überrascht und beeindruckt davon zu sein, wie modern dieser Roman ist und wie er einen dazu auffordert, sich selbst von einer geistigen Abhängigkeit zu befreien – vor allem am Beispiel einer jungen Frau, die nur herumgeschubst wird und möglichst mit einer guten Partie verheiratet werden soll. Entsprechend kann ich sagen, dass mich dieses Buch davon überzeugt hat, dass ich mehr von E.M. Forster lesen möchte und muss.

Zu dieser Ausgabe: Was kann ich sagen? Einfach wunderschön und handlich. Besonders das Cover mit dem leichten Metallic-Effekt, das mehr einem goldenem schimmern im Licht gleicht, mit der sommerlichen, italienischen Landschaft passt perfekt zum Inhalt. Ich glaube, dass ich mich ernsthaft in die Fischer Taschenbibliothek verliebt habe.

THE VERDICT: Ein geistreicher Klassiker mit modernem Ton, der viel mehr als eine Gesellschaftskomödie oder eine Liebesgeschichte ist, sondern zu Autonomie des Geistes aufruft und dabei herrlich über die feine britische Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts spottet.  Sehr gute 7.5 von 10 Sternen

Love, Katha

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Komm her und lass dich küssen

Autor: Griet Op de Beeck
OT: Kom hier dat ik u kus
DT: Komm her und lass dich küssen
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung (NL): 2014
Verlag: btb Verlag
ISBN: 978-3-442-71443-8
Länge: 448 Seiten

Achtung: Diese Rezension enthält am Ende einen kleinen Spoiler

Mona ist gerade erst neun, als ihre Mutter bei einem Autounfall stirbt und kaum ein Jahr später heiratet ihr Vater eine jüngere Frau, Marie. Für Mona und ihren Bruder Alexander beginnt ein neues Familienleben. In drei Teilen wird Monas Verlauf von einem Mädchen Ende der 70er, zu einer jungen Frau Anfang der 90er, die sich versucht als Dramaturgin zu etablieren und einer Erwachsenen in ihren in den 2000ern.

Schon in der Inhaltsangabe zeigt sich, dass dieses Buch definitiv kein leichter Happen ist, sondern ein sehr beklemmendes Portrait von der Entwicklung eines Mädchens zu einer jungen und schließlich erwachsenen Frau und ihrer Familie. Dabei werden schmerzhafte Themen ausgegraben und beobachtet, wie der Verlust von Monas leiblicher Mutter und dem späteren Schweigen über die Verstorbene, was erschreckend authentisch ist.

Als problematisch und entsprechend enttäuschend fand ich, dass das Buch oft an der Oberfläche blieb, doch gerade da, wo die Familie so still scheint von außen, gerade dort brodelt es doch meistens. Dabei sind die Eindrücke und Probleme, die geschildert werden durchaus sehr lebensnah und realistisch. Erfahrungen, wie das Glück des anderen, den man beneidet und eine stagnierende Karriere, die viele Menschen in ihrem Leben früher oder später durchmachen. So gesehen ist „Komm her und lass dich küssen“ mit seinem wunderbar provokanten Titel ein sehr realistisches Buch- Die Erzählerin geht jedoch leider nicht ins Innere des Geschehens, sondern bleibt beobachtend, nie erörternd, mit einem recht nüchternen Blick, was für ein schweres Gefühl im Bauch sorgt, denn die Tiefe, emotional und inhaltlich fehlt.

Sprachlich gesehen habe ich ein ambivalentes Gefühl, zum einen habe ich den ersten Teil des Buches sehr geschätzt: Mona, um die 9 Jahre, geschrieben wie von einem Kind persönlich, jemanden dieses Alters. Man war ihr nah in der Verwirrtheit ihrer Kindheit und ihrer Gefühle zu den Geschehnissen und ward Teil ihrer Gedanken. Wichtige Konflikte dieses Alters aber auch dieser Zeit – Ende der 70er – wurden aufgeworfen und thematisiert und auch, wenn es eher traurig war, gefiel mir diese Authentizität. An dieser Stelle habe ich auch das Buch wahrlich verschlungen. Schade nur, dass es so nicht in den beiden anderen Teilen verläuft, es gibt mehr Stillstand als Bewegung. Und ich sehe, dass gerade dieser Stillstand im Leben so beeinträchtigend und deprimierend der Kern dieses Buches ist, aber dennoch gefällt mir diese klaustrophobische Umsetzung nicht. Statt mich mitzureißen, war ich eher beunruhigt und manchmal verstört und wartete darauf, was mir diese Geschichte eigentlich sagen möchte, denn meiner Meinung nach ist der Kern eines Entwicklungsromans, mit lernen zu können.

Das Buch ließ sich flott lesen, was mir gut gefallen hat. Das Tempo war zum Ende etwas langsamer, aber insgesamt war es ein recht schneller Roman nicht gutem Lesefluss, was den dritten teil, mit dem ich mich leider nicht anfreunden konnte, erträglicher gemacht hat.

Es gefällt mir, wie wichtige Themen bezüglich der Entwicklung in der Kindheit besprochen werden, das auch schwere und harte Themen zu Tage kommen.  Später wird es zunehmend grausamer: Verwirklichung von einem Selbst, Verlust, Angst, Neid, dem Gefühl nicht zu wissen, wo man hingehört, in einer schwierigen Partnerschaft zu stecken, sich selbst etwas vormachen. Es ist beeindruckend, wie diese Themen fast schon grausam gewählt und behandelt werden und definitiv zum Nachdenken anregen, aber – ob es nun an der Übersetzung liegt oder generell an dem Stil der Autorin – es konnte mich nicht wirklich treffen. Oft wirkten die Beschreibungen falsch gewählt, eine missglückte Wortwahl dämpfte die eigentliche Emotionalität, hinderte an Tiefgang und machte manche Momente fast schon lächerlich. Leider hat dies für mich das Lesen dieser bedrückenden Geschichte in Teil 2 und 3 eher unangenehm gemacht, was mich enttäuscht, da der Anfang so vielversprechend war.

ACHTUNG SPOILER! Zu guter letzt möchte ich anmerken, dass ich große Probleme mit den letzten Seiten hatte, da sie auf eine sehr detaillierte Weise – was sonst im Buch mir gefehlt hat – das langsame Ableben eines Menschen beschreiben, vom Todesröcheln übers langsam Blau anlaufen, was für mich einfach zu viel war, da es doch gruselig; zu detailliert und schrecklich zu lesen war und es mir dabei nicht gut ging. Ich würde mit Bauchschmerzen und einem mulmigen Gefühl hinterlassen. ENDE SPOILER!

THE VERDICT: Ein großartiger Anfang, der leider nicht so fortgesetzt wurde und zu einem an der Oberfläche bleibenden und traurigem Buch mutiert. Wichtige Themen werden angebracht und beobachtet, können sprachlich allerdings nicht der eigentlichen Emotionalität gerecht werden, wodurch die Darstellung sich recht merkwürdig liest. 4 von 10 Sternen.

Love, Katha

Ein großes Dankeschön an das Blogger Portal der Verlagsgruppe Random House für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars.

Belgravia

Autor: Julian Fellows
OT: Belgravia
DT: Belgravia
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 2016
Verlag: C. Bertelsmann
Preis: 19.99 Euro
ISBN: 978-3-570-10324-1
Länge: 448 Seiten

Vom Drehbuchautor der Serie Downton Abbey

Die Familie Trenchard, geführt von dem ehrgeizigen Bauleiter James Trenchard, befindet sich im Jahr 1841. Als vor 25 Jahren die Tochter Sophia bei der Geburt ihres unehelichen Sohnes Charles stirbt, versucht das Paar Trenchard alles, um den Ruf der Tochter zu beschützen und gibt das Kind weg. Doch als jetzt Anne Trenchard bei einem Nachmittagstee die Mutter des im Krieg gefallenen Vaters ihres geheimen Enkels trifft, beschließt sie, dass sie ihr Geheimnis nicht länger ungeteilt lassen kann – und damit gerät der Stein ins Rollen.

Vermutlich gehöre ich, wie viele Leser dieses Romans, zu den großen Downton Abbey Fans, die gespannt waren, was Drehbuchautor Julian Fellows noch zaubern kann. Bereits beim Lesen des Klappentextes wurde mir schnell klar, dass es gewisse Ähnlichkeiten mit der preisgekrönten Serie haben würde – besondern in Hinblick auf die Upstairs-Downstairs-Perspektive.

Ein großes Lob geht an die wunderbare Covergestaltung: Ein schlichtes, aber auch edles Design welches das noble Belgravia Viertel in London mit Passanten und Kutschen darstellt und zweifelsohne ein Blickfang ist, der mich angelockt hat. Andererseits muss ich sagen, dass die gebundene Ausgabe des Buches recht dicke Seiten hat und sich das Buch als etwas schwerer erweist, als erwartet.

Julian Fellows hat einen angenehm leichten und etwas blumigen Schreibstil, der besonders die Dialoge sehr angenehm zu lesen macht – sehr lebhaft und spritzig. Ganz deutlich wird auch Fellows jahrelange historisch-gesellschaftliche Expertise nach Downton Abbey, aber auch seinen beiden anderen Romanen „Eine Klasse für sich“ und „Snobs“, so dass er hervorragend das dekadente Leben des Hochadels, die Fauxpas der Emporstrebenden und die Lästereien unter den Dienstboten einfangen kann und ein bisschen an „Vanity Fair“ erinnert. In diesem Punkt hat mich Belgravia gut überzeugt, da ich schon enige Bücher in dieser Periode gelesen habe, war ich positiv überrascht: es wirkt historisch wirklich gut authentisch. Natürlich erkennt man auch eine starke Analogie zu Downton Abbey.

Die Figuren hingegen sind sehr unterschiedlich: Manche sind sehr eindimensional und es wird sofort klar, ob sie böse oder gut sind und dass sich dies innerhalb des Romans nicht ändern wird.  Diese klassische Besetzung vom Sweetheart, der Zofe, die sich für etwas besseres hält, den verwöhnten reichten Kindern und dem Schurken macht den Roman in Teilen wirklich kitschig. Natürlich mag ich den Roman nicht die ganze Zeit mit Downton vergleichen, aber was mir in der Serie durchaus gefallen und hier gefehlt hat, war dass auch mal das „Böse“ eine gewisse Oberhand hat und es auch dunkle Episoden gab.

Andererseits gibt es durchaus ein paar Figuren, deren Charakter sich ändert und entwickelt, zwar um keine 180 Grad Drehung, aber etwas  und die mir recht sympathisch geworden sind. Doch wie bei den Figuren, fehlt mir auch in der Storyline öfters die Tiefe: Die Handlung spielt häufig an der Oberfläche und wirkt manchmal trotz der blumigen Sätze ein wenig wie ein Drehbuch. Nach längerem Überlegen wurde mir auch klar, wie ich dieses ambivalente Gefühl zu diesem Buch am besten ausdrücke: Die Gesichte ist mehr eine Strandlektüre als ein satter Roman, aber ich denke, dass sie in den Händen von ein paar Darstellern und Darstellerinnen zu noch besserem, tieferem und emotionaleren Material werden können. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, da ich in der Geschichte Potential erkenne und sie mich manchmal wirklich mitreißen konnte, aber das gewisse Etwas (vielleicht auch das gewisse „Dunkle“) fehlt. Tatsächlich wäre ich sehr neugierig, wie „Belgravia“ filmisch umgesetzt seien würde, weil ich überzeugt davon bin, dass es mehr aus der an sich ganz interessanten Story machen könnte.

Zu guter letzt möchte ich mich beim Bloggerportal der Verlagsgruppe Random House für die Bereitsstellung dieses Rezensionsexemplares bedanken.

THE VERDICT: Eine nette, unterhaltende und leichte Lektüre mit guter historischer Exertise, die sich flott lesen lässt, aber meines Erachtens als Film mehr Wirkung hätte entfalten könne, statt in Form eines Romans. Leider fehlte mir die ausreichende Tiefe. 6 von 10 Sternen

Love, Katha

Der Leuchturm und das Kind

Autor: M.L. Stedman
OT: The Light Between Oceans
Genre: Drama
Sprache: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Ersterscheinung: 2012
Verlag: Scribner / Simon and Schuster
Preis: 17 US Dollar
ISBN: 978-1-4516-8175-8
Länge: 345 Seiten

Auf Deutsch unter dem Titel „Das Licht zwischen den Meeren“ erschienen.

„The light between oceans“ erschien gleichnamig 2016 als Film mit Michael Fassbender, Alicia Vikander und Rachel Weisz in den Hauptrollen.

Als Tom Sherbourne nach Jahren an der Front des Ersten Weltkrieges, eine Stelle als Leuchtturmwärter auf der Insel Janus Rock erhält, verfolgen ihn noch immer traurige Erinnerungen. Dann und wann fährt ein Boot ihn zur Küste, in den nächstgelegene Stadt Partageuse, wo er eines Tages die junge Isabel Greysmark kennenlernt. Auf eine ganz besondere Weise schafft sie es wieder, das Totgeglaubte in ihm zum Leben zu erwecken. Bald heiraten sie und ziehen gemeinsam auf die isolierte Insel. Isabel wünscht sich neben ihrem geliebten Mann unbedingt ein Kind und träumt davon, als Mutter aufzublühen, doch nach zwei Fehlgeburten, ist sie nicht mehr die alte. Als jedoch eines Tages auf mysteriöse Weise in einem Boot ein toter Mann und ein lebendes Baby angespült werden, weiß Isabel, dass das ein Zeichen Gottes ist und so tauft sie das Kind liebevoll Lucy. Tom hingegen plagen schreckliche Schuldgefühle, besonders als sich herausstellt, dass eine Frau namens Hannah Roennfeld auf dem Land ihren Mann und ihr Baby vermisst…

Wer vielleicht den Trailer der Verfilmung gesehen haben mag, wird glauben, dass der Plottwist in meiner Zusammenfassung schon gesagt worden ist – so ist es definitiv nicht. Im Grunde erledigt sich diese Vorgeschichte auf gut ein drittel des Buches und wird ziemlich schnell angedeutet und bildet somit den Grundstein für dieses Drama.

M.L. Stedmans Roman ist in drei Teile gegliedert: Zum einen das herrlich romantische und zarte Zusammentreffen von Tom und Isabel, welches sich beim Lesen anfühlt, als sie man selbst verliebt.
Im zweiten Teil deutet sich die Tragödie an und bildet die zwei Seiten, zwischen denen Tom steht und verzweifelt versucht die Gerechtere zu finden: Seine Frau, die von nichts mehr träumt, als eigene Kinder zu haben, allerdings keine haben kann und ohne Lucy in eine schwere Depression fallen würde und Hannah, die Tochter eines reichen Tycoons, die einen Deutschen geheiratet hat, welcher von der ganzen Stadt gehasst und auf das Meer getrieben wurde, da er von wütenden Veteranen verfolgt wurde und seither samt Kind aus ihrem Leben gerissen wurde.
Im dritten schließlich, nun, ich will nicht spoilern.

Besonders durch den Schreibstil werden die schönen Momente wie in leuchtendem Licht darstellt, die Kargheit eines Insellebens genauso trocken ausgedrückt und irgendwo dazwischen liegt eine seltsame Grundstimmung, welche sich wie ein Gewitter aufbaut.

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Das fiese an dem Roman ist, dass aus diesen drei Perspektiven geschrieben wird und man sich sehr gut in Isabel, Tom und Hannah hineinversetzten kann, da man von jeder Figur ihre Wünsche, Gedanken, Hoffnungen und Gefühle direkt mitbekommt und der Roman dadurch nicht nur inhaltlich grausam tragisch ist, sondern auch der*die Lesende selbst, weil es unfassbar schwer ist, selbst zu entscheiden, mit wem man sympathisieren soll. M.L. Stedman hat ein Drama von einem sehr authentischen Gefühlschaos mit viel Tiefe konstruiert und ist dabei keineswegs kitschig, sondern strikt und knallhart. Was die Charaktere besonders real macht, ist die Tatsache, dass sie alle ihre Ecken und Kanten haben und stellenweise auch ziemlich unsympathisch seien können.

„Das Licht zwischen den Meeren“ ist dramatisch aufgebaut wie eine griechische Tragödien, nur mit dem Unterschied, dass nicht alle am Ende sterben – stattdessen ist das eigene Herz gebrochen und einige Tränen vergossen.

Insofern lässt es sich nicht anders ausdrücken, als zu sagen, wer diese Art von Roman lesen will, muss schon masochistisch verlangt sein (zumindest lesetechnisch), weil es einfach nur unglaublich wehtut, verzweifelt und hilflos dieser drei Schicksale ausgeliefert zu sein.
Ich habe dem ersten Teil des Buches für seine besonders zarte Seite sehr geliebt, doch im tragischen Teil wurde es mir manchmal auch einfach zu viel, ich war den endlosen Kreisbewegungen der Frage um das Kind einfach nervlich nicht gewachsen.

Die Kehrseite dieses sprachlich auch sehr ungewöhnlichen Romans, zeigt sich im dritten Teil, wo das hin und her von Lucys Schicksal doch deutlich langatmiger ist, als die ersten beiden Teile des Romans. Hier muss man sich als Lesende*r als geduldig erweisen und durchhalten, was echt schade ist, da das den Spannungsbogen ziemlich senkt.

THE VERDICT: Ein tragischer, trauriger, das Herz zerschmetternder Roman, der sich zweiweise echt hinzieht, aber auch zu Tränen rührt und im Innersten schmerzt. Zusammenfassend war es teils einfach zu viel für mich. Deshalb gute 7,5 von 10 Sternen.

Love, Katha

Vom Ende der Einsamkeit

Autor: Benedict Wells
OT/DT: Vom Ende der Einsamkeit
Genre: Drama
Ersterscheinung: 2016
Verlag: Diogenes
Preis: 22 Euro (in Leinen gebunden)
Länge: 368 Seiten
ISBN: 978-3-257-069587

Ausgezeichnet mit dem Europäischen Preis für Literatur

Jules und seinen älteren Geschwistern Liz und Marty, welche ihre Eltern durch einen Unfall im Kindesalter verlieren und in den 1980ern in einem Internat in Süddeutschland großwerden. Grundverschieden, bekäpmft jeder Charakter den Verlust anders, doch im Mittelpunkt steht Jules, einst selbstbwusst, zieht er sich nun zurück.

Ist das Leben ein Spiel, in dem Glück mit Pech bestraft wird, eine Art Nullsummenspiel? Dieser Frage geht Benedict Wells Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ nach. Der Roman erzählt von Aufarbeitung, Verlust, verpassten Chancen, großen Hoffnungen, Einsamkeit und vor allem Liebe.

Mit den Worten „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich“ beginnen, wirft Wells einen sofort in die Erzählung – ein ganz großartiger erster Satz, der mich sofort neugierig machte. Ein Mann wacht nach einem Motorradunfall im Krankenhaus auf und erinnert sich plötzlich, warum er dort liegt. Doch dann beginnt der Roman chronologisch mit seiner Kindheit.

Jules‘ Erwachsenwerden wird von grundlegenden philosophische Fragen des Seins begleitet, sowie kleinen Zitaten von Rainer Maria Rilke oder Zeilen aus Liedern wie Paolo Contes „Via Con Me“, welches ein wiederholendes Motiv ist. Dabei sorgen diese überlappenden Momente für eine mitfühlbare Lebenswirklichkeit, als würde man sich mit Jules miterinnern. Häufig scheinen Kapitel wie Fragmente aus seinem Leben, die wie Puzzelteile aneinandergereiht das Bild vom verwirrten Mann mit dem Motorradunfall klarer werden lassen – um ihn nicht nur zu verstehen, sondern auch mitzufühlen! Denn genau das Fühlen steht bei diesem Roman im Vordergrund, mal Schmerz, mal Aufregung oder die reinste Freude, welche durch Wells sehr ruhigen, poetischen Schreibstil untermalt werden. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die Beschreibung vom Jules Schwester, die während seiner Kidnheit im Heim unglaublich fern und unerreichbar war: „Sie redete, wie ein Verdurstender trinken würde: gierig nach jedem einzelnen Wort“

Es sind die Sehnsüchte und das Innenleben der Menschen, welche Wells sehr gut zu verstehen scheint. So wird von der äußeren und innen Welt gesprochen und wie Jules nicht mehr den Zugang zu ersterer findet. Ständig stellt er sich die Frage, was wäre wenn… Dese Menschlichkeit und die Liebe für das Detail lassen die Figuren in diesem Roman sehr plastisch wirken, als würde man sie kennen – aber irgendwie auch nicht, wie im echten Leben.

Auch die große Frage nach einem Beruf, einer Lebensaufgabe ist ein wichtiges Thema: Kaum ein Mensch kommt an Jules rann, er trottet erfolglos durch das Leben und weiß nicht, was er will, nur die Erinnerung an die geheimnisvolle Alva, die er bereits aus Schulzeiten kennt, scheint ihn nicht loszulassen. In seiner Jugend pflegten sie eine besondere Freundschaft, doch werden die beiden sehr lange nicht über ihre Gefühle sprechen. Berührend und mit Erinnerungsfragmenten erzählt Wells von den intensivsten Momenten einer Liebesgeschichte.
Überwältigend schön und gefühlsintensiv kreiert Wells in seinem Roman eine Geschichte, die mit ihrer zarten Melancholie, aber auch der leuchtenden Freude wie aus dem Leben gegriffen scheint.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist eines dieser Bücher, die man fast schon langsam lesen will, um jede Seite auszukosten und die ein merkwürdiges Gefühl von Leere und Erfüllung hinterlassen, wenn man es durchgelesen hat. Ich bin noch immer absolut berührt und möchte diesen Roman jedem ans Herz legen.

Zu guter Letzt möchte ich das Cover loben, welches wie die typischen Diogenes Bücher aufgebaut ist und eine Illustration von Elizabeth Peyton zeigt, die hervorragend zur Geschichte passt – schlicht und schön.

THE VERDICT: Ich wüsste es nicht besser auszudrücken, als einfach zu sagen, dass dies eines der besten und berührensten Bücher ist, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. 10/10 Sternen

Love, Katha

Tiefe Melancholie

Autor: Charlotte Brontë
DT: Jane Eyre. Eine Autobiografie
OT: Jane Eyre. An Autobiography
Genre: Klassiker, Liebesgeschichte
Ersterscheinung: 1847
Verlag: dtv
Preis: 9.90
Länge: 656 Seiten
ISBN: 978-3423143547

Zunächst möchte ich sagen, dass sich meine Rezension zu großen Teilen auf den Inhalt des Romans konzentriert, ich in Teilen aber auch diese Ausgabe bewerte. Wie bei vielen Klassikern, kann man auch Jane Eyre in unterschiedlichsten Ausgaben und Übersetzungen erhalten.

Charlotte Brontës Roman erzählt die Geschichte des Waisenmädchens Jane Eyre, welches eine triste Kindheit bei ihrer Adoptivfamilie erlebt und schließlich fortgeschickt wird auf eine strenge Mädchenschule. In Lowood erlebt Jane Eyre eine Welt aus Sparsamkeit, Demut und wird in dieser aufgezogen zu einer stillen, tüchtigen Person. Als sie schließlich die Schule verlässt, um die Stelle als Gouvernante anzutreten, ahnt sie nicht von den Konsequenzen. Die ersten Monate auf Thornfield Hall verlaufen ruhig, Jane fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben wohl und am richtigen Platz. Doch als eines Tages der Hausherr Mr. Rochester eintrifft, verändert sich alles.

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Es gibt manche Bücher, von denen geht ein ganz gewisser Zauber aus, Geschichten, die es schaffen etwas mit mehrdimensionalen Charakteren und einer wunderschönen Prosa in einem erblühen zu lassen. Jane Eyre von Charlotte Bronte ist eines dieser unglaublich schön geschriebenen Bücher, die einen selbst nach dem Lesen noch immer beschäftigen.
Vor ein paar Jahren sah ich das erste Mal den Film zu Jane Eyre mit Mia Wasikowska und Michael Fssbender (Rezension hier!) und war von der Weise der ruhigen,verwunschenen Melancholie total angetan. Entsprechend nahm ich mir vor, den großen Klassiker zu lesen – es sollte nicht lange dauern, dass ich mir die wunderschöne dtv Ausgabe zu legte, aber noch ein ganzes bisschen, bis ich tatsächlich zu lesen anfing.

Zugegebnerweise habe ich etwas länger gebraucht, um mich wirklich in den Roman hineinzufühlen, mehre Male legte ich das Buch für Wochen weg, besonders auf den ersten 100 Seiten packte mich keineswegs die Begeisterung – andererseit waren es genau die tristen Zeit Janes, die so verdammt authentisch waren, dass es grausam traurig war, von der schreienden Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt, zu lesen. In mancherlei Hinsicht, ist dieses Buch nicht leicht zugänglich. Als es dann weg von Lowood ging, konnte ich das Buch nicht mehr weglegen und war hin und weg, Jane wurde immer mehr zu einem wirklichen, greifbaren Charakter, den ich bewunderte! Teils lässt Charlotte Brontë den Leser richtig zappeln, es ist fast schon seltsam, wie spannend ein Liebesroman werden kann.

Ich muss zugeben, dass ich absolut begeistert bin, vor allem die romantischen Szenen, die ich im Film bemängelte, ließen mein Herz beim Lesen höher schlagen, als könne ich selbst in die dunklen, geheimnisvollen Augen von Mr Rochester sehen und bekäme augenblicklich Gänsehaut.
Eine weitere Sache, die mir unglaublich gut gefallen hat, waren die Charaktere, insbesondere Jane Eyre, die von einem rebellischen Kind zu einer sehr zurückhaltenden Dame wird, aber nie ihr Mundwerk mit bissigen, klugen Kommentaren verliert. Sie besitzt eine gewisse Wandlungsfähigkeit, scheint aber eher mit dem Buch zu lernen, ein stärkerer Charakter zu werden. Zu dem besitzt Charlotte Brontë einen unglaublichen Geist, eine Art Weitblick – ich hatte beim Lesen gar das Gefühl mit einer sehr intelligenten jungen Dame zu sprechen, die für ihre Zeit tatsächlich emanzipiert ist. Doch nicht nur Jane Eyre, sondern sämtliche andere Charaktere werden detailgetreu gezeichnet und gewinnen durch Janes Ich-Perspektive noch mehr Fülle durch ihre Kommentare und Beobachtungen.

Was auf den ersten Blick etwas befremdlich schien, war die religöse Komponente, die allerdingt in Anbetracht der Zeit, in welcher der Roman spielt, keineswegs überraschend ist. Diese wird vor allem auf Janes „Reise“ im letzten Teil des Buchs betont, zeugt gleichzeitig aber auch von der enormen Vielfältigkeit des Romans.

Ein großer Pluspunkt ist, dass der Roman wunderschöne Beschreibungen von Räumen, Landschaften und Personen enthält, die das Buch förmlich zum Gedankenkino werden lassen. Natürlich – wie auch bei fast jedem Klassiker – gibt es Momente, da sind diese fast schon zu romantisch und man wünscht sich mehr wörtliche Rede, die kommt zum Glück aber auch nicht zu kurz. Meiner Meinung nach leben diese Romane allerdings auch von dieser prosaischen Kraft, präzise beschreiben zu können.

Zu dieser Ausgabe: Zum ersten möchte ich diese wunderschöne Ausgabe, die nun neben anderen Klassikern mein Bücherregal ziert, loben. Das Format ist in eine Art Stoff gebunden, dennoch ein sehr handlichen Taschenbuch. Für manche mögen die Buchstaben möglicherweise etwas klein gedruckt sein, ich empfand es nicht als störend. Zur Übersetzung ist mir aufgefallen, dass der Stil teils recht modern klingende Wörter verwendet und dadurch der Roman recht frisch und flüssig lesbar daher kommt. Wie bei jedem Klassiker empfielt es sich natürlich, dass jeder, der kann, dieses Meisterwerk im Original liest. Alles in einem also sehr gelungen und einem mehr als gutem Preis. Ich bin ehrlich begeistert und würde mich freuen, wenn der dtv zu mehr als nur Jane Austen und den Bronte Schwestern so tolle Ausgaben zaubern würde!

THE VERDICT: Ich muss nicht viel mehr sagen, als dass ich dieses Buch liebe, denn es hat mich verzaubert durch seine Charaktere und den wunderbaren Schreibstil, da verzeiht man auch gerne ausufernde Landschaftsbeschreibungen. Nun ist es eines meiner Lieblingsbücher. Unbedingt lesen! 10 von 10 Sternen.

Love, Katha

The Musician’s Daughter

3798707

Autor: Susanne Dunlap
OT: The Musician’s Daughter
Genre: Jugendroman, historischer Roman
Ausgabe: Taschenbuch
Erscheinung: 2010
Verlag: Bloomsbury USA Childrens
Preis: £7.99
Länge: 352 Seiten
ISBN: 978-1599904528

Bisher nicht auf Deutsch erschienen.

Als Theresas Vater tot auf den Straßen Wiens des 18. Jahrhunderts auffindet, stehen Familie und Freunde vor einem Rätsel. Der Geiger des Kapellmeisters Haydns hatte nie einem Menschen etwas schlechtes getan – und doch wurde er umgebracht. Die Freunde halten es für einen Raubüberfall, doch Theresa ist skeptisch: Warum wurde die Geige gestohlen?
Theresa ist neugierig und stützt sich in ein Abenteuer, das ungeahnt Konsequenzen mit sich bringt und erlebt das bei rauschende Bälle der Wiener Gesellschaft, kommt aber auch in den Kontakt mit den Roma.

Auf dem Cover heißt es, dass der Mord an ihrem Vater zur wahren Liebe leite – dieser Satz ist jedoch mehr als irreführend. Nicht nur, weil das ein wenig gruselig klingt, sondern auch, weil „The Musician’s Daughter“ eher ein Abenteuerroman ist, als eine Liebesgeschichte. Man mehrt schüchterne Andeutungen von Verliebtheit, doch es werden nur Blicke getäuscht. Man wartet vergeblich auf die wahre Liebe.
Dennoch muss ich sagen, dass ich das Cover wirklich schön und passend finde! (Und es mich auch zum Kauf verleitet hat)

Im großen und ganzen ist „The Musician’s Daughter“ eine nette, abenteuerliche Geschichte im Wien des 18. Jahrhundert, die durchaus authentisch, aber auch ziemlich lieb und unschuldig erzählt wird. Deshalb würde ich auch eine Altersempfehlung von 12-15 Jahren geben (natürlich ist jeder anders, ich hab mit 15 die Buddenbrooks gelesen) weil mir leider in diesen vermeintlich spannenden Szenen das gewisse Etwas fehlt, das mich richtig ans Buch fesselt – wenn ich schon die versprochene Liebesgeschichte nicht bekomme. Leider scheitert dies jedoch an der sehr glatten, eindimensionalen, naiven Hauptfigur Theresa, die zwar ganz nett ist, aber mir haben die Ecken und Kanten gefehlt.

THE VERDICT: Für mich ist „The Musician’s Daughter“ eine klassische U-Bahn-Lektüre, die ganz nett unterhält, aber ohne besonderen Anspruch. Vielleicht hatte ich auch etwas hohe Erwartungen, weil ich mehr Hoffnung in die „Lebendigkeit“ der Geschichte gesteckt hat. Was mir jedoch wirklich gefallen hat, war der musikalische Bezug und die historische Authentizität. 4 von 10 Sternen.

Love, Katha

Bild verwendet im Beitrag:
Cover

Die dunkle Welt der Madame Bovary

Autor: Gustave Flaubert
DT: Madame Bovary
OT: Madame Bovary : Mœurs de province.
Genre: Klassiker, Drama
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 1856
Verlag: Insel Klassik
Preis: 8,99€ (Taschenbuch)
ISBN: 978-3458362333
Länge: 455 Seiten

Die wohlbehütet aufgewachsene Emma hat ihre ganz eigene Vorstellung von der Liebe: romantisch und erfüllend stellt sie sich ihre Zukunft als Madame Bovary vor. Doch schon bald folgt die Ernüchterung. Aus Lebens- und Liebeshunger entfiehlt sie der ehelichen Langeweile – und stürzt sich in ein Abenteuer, das unvorhergesehene Konsequenzen nach sich zieht…

Ein Klassiker, den man gelesen haben muss, dachte ich mir bereits beim ersten Anblick. Mit Effie Briest und Anna Karenina gehört Emma Bovary nicht nur zu den großen Höhepunkten der Weltliteratur, sondern auch zu den großen, berühmten Ehebrecherinnen. Liest man diesen Roman, muss man allerdings immer bewusst sein, was diese Handlung für die damalige Zeit bedeutet hat – heute: ein hässliche Untat, damals jedoch: ein unfassbares Verbrechen. Wieso also bricht jemand eine Ehe – besonders in dieser Zeit?
Emma ist ein zartes Wesen und lebt von einer romantischen Vorstellung zu Ehe und doch wird genau diese zerstört.
Dabei ist sie nur anfangs Mitleidsträgerin: Sie lebt in einer unglücklichen Ehe, ihr Mann behandelt sie nicht sonderbar liebevoll und sie vermisst den Ruhm und Glanz in ihrem Leben, den sie sich für diese Zeit ausgemalt hat: Bälle, schöne Kleider. Stattdessen lebt sie mit einem langweiligen Mann in der öden Provinz. So lässt sich Emma von einem prunkvollen Herrn verzaubern für einen großen Preis – ihr Leben verändert sich unaufhaltsam und sie lässt sich fast leidenschaftlich in das Gestrick der Lügen ein, man glaubt fats sie ist fanatisch! Doch statt großer, tiefromantischer Gefühle, hat Emma fast schon etwas psychopathisches, habgieriges, egoistisches, sie stürzt sich in ihre Gefühle und möchte immer nur noch mehr. Das macht sie jedoch auf eine nahezu perverse Art für den Leser interessant – und erneut ruft man sich in den Kopf: eine Frau in dieser Zeit, eine Frau die auch ihre Sexualität leben will. Verboten! Es begeistert mich, wie revolutionär dieser Roman in der Hinsicht ist. Inzwischenzeit spielt ein anderer alter Herr mit ihr, der Stoffhändler, und nutzt ihr blankes Unwissen über Kredite herzlos aus. Die Tragödie ist perfekt.
Flaubert wählt die Worte sorgsam, präzise umschmiegen sie die traurige Welt des kleinen Dorfs, so dass der Leser in die Handlung gut reinfällt. Wunderschön geschrieben, meist etwas ausgeladen, wird einem die tiefe, innere, dunkle Welt Emmas erklärt – sie zu verstehen ist dabei weniger die Aufgabe, als aus ihren Fehlern zu lernen. Sympathisch wird sie nicht. Aber das soll sie auch nicht, worin ich jedoch eine Schwierigkeit sehe, da man als Leser häufig nach einer Figur sucht, mit der man sich identifizieren kann.

Es gibt so eine seltsame indirekte Verpflichtung, sich mit Klassikern auseinanderzusetzen und man muss es, wie ich denke auch mit einer gewissen Vorsicht tun, denn schließlich darf man nie vergessen, dass der heutige Blickwinkel ein ganz anderer ist. Genau darin sehe ich die Schwierigkeit von Madame Bovary, die sich zwar von gesellschaftlichen Konventionen befreien lässt, aber keinesfalls Opfer davon wird, es ist ihr Fehler und sie lebt ihn bewusst. Ich finde es sehr schwierig, Emma als eine Heldin zu betrachten – und ich glaube auch nicht, dass sie von Flaubert als solche angelegt war. Sie sollte schocken, entsetzen.

Als Beitragsbild habe ich ein Foto aus der neusten „Madame Bovary“-Verfilmung gewählt, welche wahrscheinlich gegen 2016 in Deutschland erscheinen wird. Ich bin neugierig!

THE VERDICT: Madame Bovary ist ein trauriger, faszinierender, manchmal recht langatmiger Roman, der zu den Klassikern schlechthin gehört. Manchmal möchte man das Buch genervt in die Ecke werfen, manchmal verfällt man in der Spannung. Diesen Roman liest man nicht nebenbei. Bewusst und mit Pausen. Ich gebe 6,5 von 10 Sternen, da es eine interessante Geschichte ist, aber mich leider nicht mit Herzblut begeistern konnte.

Love, Katha