Reise im Mondlicht

Autor: Antal Szerb
OT: Utas és Holdvilág
DT: Reise im Mondlicht
ISBN: 978342324370

Als Mihály und Erzsi auf ihrer Hochzeitsreise in Italien unerwartet einem alten Freund Milhálys begegnen, bricht bei jenem plötzlich die frischvermählte Idylle zusammen und Erinnerungen und Konflikte seiner Jugend, die er zu vergessen haben glaubte, jagen ihn Heim. Kurzer Hand beschließt Milhály abzutauchen und seiner hitzigen Angst und Rastlosigkeit zu folgen, die ihn in ein umbrisches Kloster führen – alles, um sich endlich von der Liebe seiner Jugend endgültig zu befreien.

Auch in diesem Jahr will ich mein Vorhaben, mehr ungarische Literatur zu lesen, um meiner Heimatkultur ein bisschen näher zu kommen, weiterführen. Nachdem ich auf Empfehlung einer Freundin im letzten Jahr die „Sterne von Eger“, einen der Klassiker der ungarischen Literatur schlechthin, gelesen und genossen hatte, war ich umso neugieriger, als sie mir bei unserem Treffen dieses Jahr in London die deutsche Ausgabe von „Reise im Mondlicht“ schenkte – ein Klassiker, den sie sehr mochte. Zugeben, ich kenne mich noch immer nicht besonders gut aus in der ungarischen Literatur, deshalb kannte ich auch diesen Titel auch nicht, aber nachdem ich schon ein paar Dinge auf ihre Empfehlung gelesen hatte und mochte, war ich natürlich sehr gespannt auf diesen Roman.

Oft wird man nach Lesen eines Romans gefragt, ob man das Buch mochte. Aber bereits hier stoße ich an meine Grenzen. Ich muss sagen, ich weiß nicht, ob der Begriff des Mögens hier angebracht ist, denn Reise im Mondlicht ist zwar ein guter Roman, aber doch sehr merkwürdig und einzigartig, deshalb würde ich eher davon sprechen, dass mich der Roman nachhaltig beschäftigt und fasziniert hat. Auch, wenn ich zugeben muss, dass ich mir noch immer nicht sicher bin, ob ich die rechten Worte finden kann, um dieses einzigartige Leseereignis passend zu beschreiben. Deshalb werde ich hier auch keine Sternebewertung abgeben.

Szerbs Schreibstil erinnert mich an meinen geliebten Stefan Zweig, den ich so für seine nostalgische Melancholie schätze – hier aber trifft man auf diese dunkle Sehnsucht in einer viel intensiveren, ja manchmal sogar poetischen Form. Es ist schwer auszudrücken, was für ein dunkler, mystischer Reiz von diesem Roman ausgeht, der es schafft, sowohl beklemmend in der Brust als auch gleichzeitig anziehend  in Herzen zu wirken und mit einer außergewöhnlich philosophischen Schönheit zu glänzen. So stellt Szerb ganz offen Fragen um Tod und Selbstmord, macht etwas so unaussprechliches für diese Zeit einfach und schreibt es, geht aber auch unseren Gefühlen zu diesem Thema auf den Grund.

Es ist ohne Zweifel: dieser Roman stellt auf merkwürdige Art und Weise etwas mit einem an – vielleicht liegt es daran, dass Szerb so an die Menschlichkeit in uns appelliert, indem er die ganze düstere Vergangenheit Mihálys heraufbeschwört und zeigt, wie schwer es ist, wenn man nicht ordentlich mit etwas abschließen konnte und noch immer Rechungen offen hat. Die Gefühlsdichte des Romans ist sagenhaft intensiv, aber für mich war es oft auch so stark, dass mir war, als müsse ich mich von der ganzen Fülle dieses Buches erholen, von dem dunklen Abgrund der philosophischen Tiefe an die frische Luft. Selbstfindung ist ein schwerer Prozess und Szerb schafft es, dies so fühl- und miterlebbar zu machen, wie ich es noch nie zuvor gelesen habe.

Allerdings muss ich auch sagen, dass so faszinierend es auch ist, die  Gefühlsumwälzungen Milhálys mitzuerleben, es manchmal schlichtweg anstrengend und grausam ist, ein derart nicht aufbauendes Buch zu lesen – es ist harter Tobak, man muss darauf gefasst sein und sich die Zeit nehmen, sich mit der Reise im Mondlicht auseinandersetzten. Die Figurenkonstellation ist wunderbar zusammengewebt und sorgt für die Spannung und den Antrieb des Romans, auch wenn ich zugeben musste, dass die mangelnde Sympathie mit manchen Figuren dann und wann das Lesen nicht einfach gemacht hat.

Einige Rezensionen auf Goodreads meinen, dass man den Roman keineswegs als negativ und nihilistisch verstehen und deuten darf und ich möchte sagen, dass ich auch nicht glaube, dass er das ist, der Roman lüftet sich gerade vom Nachdenklichen zu etwas unfassbar Lebensbejahenden, aber es geht meiner Meinung nach etwas undefinierbar Dunkles von ihm aus. Vielleicht habe ich den Roman auch nicht richtig verstanden, ich weiß es beim besten Willen nicht, aber ich glaube, das jede und jeder Leser dieses Romans ein Stück von sich selbst darin finden kann und ebenso aus den vielen sarkastischen, bewegenden und interessanten Zitaten (manchmal auch Lebensweisheiten) eins findet, das Potential zum Lieblingszitat hat.

THE VERDICT: Ein intensives, philosophisches, erschütterndes Buch, das zu mögen schwer ist, aber zu lesen zweifelsohne bereichernd. Es gleicht mehr einem Kunstwerk, das einen nachhaltig beschäftigt, als einer Unterhaltung. Eine einzigartige Leseerfahrung, die man aber auch erstmal verdauen muss. Lest es einfach selbst und lasst euch verzaubern und erschreckend, was der Roman mit euch anstellt.

Love, Katha

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Vom Ende der Einsamkeit

Autor: Benedict Wells
OT/DT: Vom Ende der Einsamkeit
Genre: Drama
Ersterscheinung: 2016
Verlag: Diogenes
Preis: 22 Euro (in Leinen gebunden)
Länge: 368 Seiten
ISBN: 978-3-257-069587

Ausgezeichnet mit dem Europäischen Preis für Literatur

Jules und seinen älteren Geschwistern Liz und Marty, welche ihre Eltern durch einen Unfall im Kindesalter verlieren und in den 1980ern in einem Internat in Süddeutschland großwerden. Grundverschieden, bekäpmft jeder Charakter den Verlust anders, doch im Mittelpunkt steht Jules, einst selbstbwusst, zieht er sich nun zurück.

Ist das Leben ein Spiel, in dem Glück mit Pech bestraft wird, eine Art Nullsummenspiel? Dieser Frage geht Benedict Wells Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ nach. Der Roman erzählt von Aufarbeitung, Verlust, verpassten Chancen, großen Hoffnungen, Einsamkeit und vor allem Liebe.

Mit den Worten „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich“ beginnen, wirft Wells einen sofort in die Erzählung – ein ganz großartiger erster Satz, der mich sofort neugierig machte. Ein Mann wacht nach einem Motorradunfall im Krankenhaus auf und erinnert sich plötzlich, warum er dort liegt. Doch dann beginnt der Roman chronologisch mit seiner Kindheit.

Jules‘ Erwachsenwerden wird von grundlegenden philosophische Fragen des Seins begleitet, sowie kleinen Zitaten von Rainer Maria Rilke oder Zeilen aus Liedern wie Paolo Contes „Via Con Me“, welches ein wiederholendes Motiv ist. Dabei sorgen diese überlappenden Momente für eine mitfühlbare Lebenswirklichkeit, als würde man sich mit Jules miterinnern. Häufig scheinen Kapitel wie Fragmente aus seinem Leben, die wie Puzzelteile aneinandergereiht das Bild vom verwirrten Mann mit dem Motorradunfall klarer werden lassen – um ihn nicht nur zu verstehen, sondern auch mitzufühlen! Denn genau das Fühlen steht bei diesem Roman im Vordergrund, mal Schmerz, mal Aufregung oder die reinste Freude, welche durch Wells sehr ruhigen, poetischen Schreibstil untermalt werden. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die Beschreibung vom Jules Schwester, die während seiner Kidnheit im Heim unglaublich fern und unerreichbar war: „Sie redete, wie ein Verdurstender trinken würde: gierig nach jedem einzelnen Wort“

Es sind die Sehnsüchte und das Innenleben der Menschen, welche Wells sehr gut zu verstehen scheint. So wird von der äußeren und innen Welt gesprochen und wie Jules nicht mehr den Zugang zu ersterer findet. Ständig stellt er sich die Frage, was wäre wenn… Dese Menschlichkeit und die Liebe für das Detail lassen die Figuren in diesem Roman sehr plastisch wirken, als würde man sie kennen – aber irgendwie auch nicht, wie im echten Leben.

Auch die große Frage nach einem Beruf, einer Lebensaufgabe ist ein wichtiges Thema: Kaum ein Mensch kommt an Jules rann, er trottet erfolglos durch das Leben und weiß nicht, was er will, nur die Erinnerung an die geheimnisvolle Alva, die er bereits aus Schulzeiten kennt, scheint ihn nicht loszulassen. In seiner Jugend pflegten sie eine besondere Freundschaft, doch werden die beiden sehr lange nicht über ihre Gefühle sprechen. Berührend und mit Erinnerungsfragmenten erzählt Wells von den intensivsten Momenten einer Liebesgeschichte.
Überwältigend schön und gefühlsintensiv kreiert Wells in seinem Roman eine Geschichte, die mit ihrer zarten Melancholie, aber auch der leuchtenden Freude wie aus dem Leben gegriffen scheint.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist eines dieser Bücher, die man fast schon langsam lesen will, um jede Seite auszukosten und die ein merkwürdiges Gefühl von Leere und Erfüllung hinterlassen, wenn man es durchgelesen hat. Ich bin noch immer absolut berührt und möchte diesen Roman jedem ans Herz legen.

Zu guter Letzt möchte ich das Cover loben, welches wie die typischen Diogenes Bücher aufgebaut ist und eine Illustration von Elizabeth Peyton zeigt, die hervorragend zur Geschichte passt – schlicht und schön.

THE VERDICT: Ich wüsste es nicht besser auszudrücken, als einfach zu sagen, dass dies eines der besten und berührensten Bücher ist, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. 10/10 Sternen

Love, Katha

Mr Morgan

OT: Mr Morgan’s Last Love
DT: Mr Morgan’s Last Love
Genre: Drama
Cast: Sir Michael Caine, Clémence Poésy, Justin Kirk, Gillian Anderson, Jane Alexander
Regie: Sandra Nettelbeck
Drehbuch: Sandra Nettelbeck, Francoise Dorner
Musik: Hans Zimmer
Erscheinungsjahr: 2013
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 6 Jahren

Beginnend mit dem Tag, an dem Pauline (Clémence Poésy) ihm im Bus ihre Hilfe anbietet, stolpert der sture, vom Leben erschöpfte Matthew Morgan (Michael Caine) zurück ins Glück. Die Lebensfreude und der unerschütterliche Optimismus der jungen Frau erobern sein altes Herz. Auf ihren alltäglichen Abenteuern mit Spaziergängen durch Paris, Mittagessen im Park und Reisen aufs Land entdeckt das ungewöhnliche Paar zahlreiche Schätze: Freundschaft, Gemeinschaft – und die Bedeutung von Familie. Dank Pauline nähert sich Matthew zum ersten Mal seit langem wieder seinem Sohn Miles (Justin Kirk) an. Gerade rechtzeitig lernen Vater und Sohn, sich wieder gegenseitig zu respektieren – und finden beide, jeder auf seine eigene Weise, wieder Liebe und Hoffnung. [Klappentext]

Ich muss sagen, dass der Text den Film positiver und klischeehafter suggeriert, als er es denn eigentlich ist. Man hat weniger diese hoffnungsvolle feel-good-Stimmung, als eine ruhige Melancholie, die sich durch den ganzen Film zeichnet.
Denn dieser beginnt mit dem Tod von Morgans Frau, der ihm die Lebensfreude nimmt. Ab und an sieht man auch seine Frau, wenn er nachdenkt oder sich erinnert, aber nicht in der Weise, dass sie ein Geist der Vergangenheit ist, der in seinem Leben spukt, viel mehr als etwas Positives.
Zudem muss ich sagen, dass ich wirklich zufrieden mit der Synchronisation bin, denn Michael Caines Synchronstimme ist sehr angenehm und unterstreicht gut den Charakter, Sowieso spielt er die Rolle dieses alten, sturen, vielleicht emotional verwirrten und doch weisen Mannes sehr authentisch und strahlt eine unbeschreibliche ruhe aus.
Eben diese Ruhe zeichnet den Film meiner Auffassung nach auch aus, es geht um keine große Tragödie , sondern die stillen Momente, die den Film manchmal einen Hauch von Tragik verleihen – aber mehr auch nicht, Deshalb versinkt er auch nicht in Kitsch oder Klischee, was mir ziemlich gut gefällt.
Die Drehorte Paris, Bruxelles, Köln und die Bretagne, wobei das ganze nur in Paris und der Bretagne spielen soll, sind schön gewählt und jedes Mal, wenn Mr Morgan durch seinen Altbau ging und man diese Architektur von Wohnung betrachten konnte, schlug mein Herz höher. Da wird man doch glatt neidisch!

Überrascht war ich von Clémence Poésy (die ja in der Tat einen wirklich schönen Namen hat), denn ich kannte sie eigentlich nur als Model und wusste dementsprechend nicht ganz, was ich von der Besetzung halten sollte – und war positiv überrascht!

Was mir ebenfalls sehr gefallen hat, waren die Dialoge, manchmal weise und philosophisch wie z.B. das Zitat von Leonard Cohen („There is a crack in everything, that’s how the light gets in“) , dann wieder lustig, wie beispielsweise als zwei Verkäuferinnen sich über den alten Mann klischeebedient lustig machen – Franzosen, die bloß nicht englisch sprechen , beziehungsweise es vorgeben. Herrlich!

So gesehen muss ich sagen, dass mir der Film wirklich gefallen hat. Er ist ruhig, fast schon impressionistisch, die Kameraführung mochte ich aus unbeschreiblichen Gründen irgendwie genauso wie das Setting. Die Musik ist kein großer Knüller, ein ruhiger, bescheidener Hans Zimmer und zum Abschluss ein schöner Norah Jones Song. Es ist kein Film, den man zwei Mal sieht, er verleitet zum Nachdenken, stimmt aber auf eine melancholische Weise traurig – nicht wirklich hoffnungsvoll.

THE VERDICT:
Berührend, ruhig, gute Darsteller. Mir fehlt dieses gewisse etwas, was ihn prägnanter macht, doch mögen tue ich „Mr Morgan’s Last Love“ definitiv. Dementsprechend 6,5 von 10 Sternen.

Love, Katha