Charlotte – Leben? Oder Theater?

Autor: David Foenkinos
OT: Charlotte
DT: Charlotte
Genre: Biografie
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 2014, Frankreich
Verlag: Penguin Verlag
Preis: 10 Euro
ISBN: 978-3-328-10022-5
Länge: 237 Seiten

Biografie über das kurze Leben der Berliner Künstlerin Charlotte Salomon (1917-1943)

Charlotte hatte kein leichtes Leben – stets vom Tode überschattet verliert sie ihre Mutter sehr früh. Doch erst spät wird sie erfahren, dass es ein Selbstmord war. In Zeiten, wo sich der kommende Nationalsozialismus mehr und mehr andeutet, spürt Charlotte nach und nach schließlich das Bedürfnis Künstlerin zu werden und schafft es, obwohl nur eine Hand voll Juden an der Universität angenommen werden dürfen, ihre Leidenschaft zu studieren. Dort, unter Künstlern und Musikern, lernt sie bald einen Mann kennen, der etwas zuvor unbekanntes in ihr regt.

Ich gebe zu, ich kannte Charlotte Salomon zuvor nicht, doch der französische Autor Foenkinos hat es geschafft, mich mit seiner Begeisterung anzustecken.

Zunächst sei gesagt: Dieses Buch liest sich ganz besonders. Aufgebaut wie ein Gedicht, beim kurzen Blick über die Seiten glaubt man, es sei in Versen – doch halt, er schreibt in kurzen, prägnanten Parataxen. Im Zuge des Lesens begründet Foenkinos auch seine Entscheidung diese Biografie auf so außergewöhnliche Weise zu verfassen. Was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist, entpuppt sich schnell als sicheres Stilmittel, Dinge klar auf den Punkt zu bringen, schmerzhafte Worte direkt auszusprechen und mitten ins Herz zu treffen. Schon mit dieser Besonderheit zog mich das Buch an, doch der Inhalt schlägt wie eine Bombe zu.

Charlottes trauriges Schicksal, vom schrecklichen Tod ihrer Mutter, über die heimliche Liebe und das bittere Exil in Frankreich, zu ihrem größten künstlerischen Erfolg, und letztendlich ihrem grausamen Tod in Auschwitz. Keine leichte, aber unglaublich bewegende Lektüre. Nun stellt sich eine wichtige Frage: Ist es Charlottes Biografie, die einen schon bewegt, wenn man sie kurz googelt, oder ist es tatsächlich Foenkinos, der einen das Herz aus dem Leibe reißt?

Natürlich ist es auch die Biografie, aber die spezielle Weise, sich Charlotte zu nähern und sich ihr nah zu fühlen, macht das Buch so lesenswert. So beschreibt Foenkinos in seinen knappen prosaischen Versen nicht nur Charlottes Interaktionen, sondern auch, wie er ihrem Weg folgt – nach Berlin und Frankreich, wie er sie kennengelernt hat. Hie eine Brise Humor, da großer Herzschmerz. Das Buch „Charlotte“ strotzt vor Leben und fasziniert, ja brachte mein Herz zum Klopfen, so dass ich dieses kurze (aber nicht zu kurze!) Büchlein in einer Nacht durchlas.

Wer sich dieses wortstarke, aber auch schmerzhafte Buch zu Gemüte ziehen will, dem empfehle ich, vorher einen Blick in den Zyklus „Leben? Oder Theater?“ zu werfen, in dem sie mit musikalischen, prosaischen und vor allem malerischen Elementen ihr Leben dokumentiert. Leider liegt hier meines Erachtens nach auch die Schwäche in der Biografie: Die Malerei, die besonderen künstlerischen Charakteristika ihrer Werke bleiben unbekannt – so viel, wie von „Leben? Oder Theater?“ gesprochen wird, so wenig erfährt man eigentlich über die Technik, über Themen und Motive. Ich hätte gerne mehr über die Künstlerin Charlotte erfahren, wo ich nun so viel zum Menschen kenne – natürlich kann man das nicht ganz trennen, aber ein bisschen Tiefe in diesem Aspekt hätte dem Buch noch ein Sahnehäubchen aufgesetzt.

Zu guter letzt das Cover: Eine Teilabbildung von Charlottes Selbstporträt, sie blickt zur Seite, aber nur fast, aus den Winkel ihrer Augen starrt sie einen geheimnisvoll an: Wer ist diese Frau? Schlicht, effektiv und passend.

Ein großes Dankeschön an den Penguin Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

THE VERDICT: Wie ein Stoß direkt in mein Herz und meine Faszination traf mich David Foenkinos Biografie zu Charlotte Salomon. Sprachlich sehr schlicht und trotzdem ergreifend geschrieben, geht man mit Charlotte auf eine schrecklich traurige, aber auch insprierende Lebensreise. 8 von 10 Sternen.

Love, Katha

Effi Briest

Autor: Theodor Fontane
OT: Effi Briest
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 1894
Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag
Preis: 12,90 DM (Taschenbuch)
ISBN: 978-3746652665
Länge: 336 Seiten

Effi Briest lebt bei ihren Eltern in Hohen-Cremmen und genießt ihre unbeschwerte Jugend, am liebsten im Garten. Als sie jedoch mit siebzehn Jahren den einundzwanig Jahre älteren Geert von Instetten heiraten und in das tiefste Pommern ziehen soll, ändert sich ihr Leben radikal. Der freie Vogel lebt nun in Kessin an der kalten Küste in einem unheimlichen Hause und ihr Mann ist nur selten da. Das Leben scheint ihr so trist und vereinsamt. Doch alles  ändert sich, als sie Major Crampas auf einer Feier  kennenlernt, einen offensiven Offizier.

Drei Mal habe ich dieses Buch angefangen, bis ich es tatsächlich in nahezu einem Zug durchlas. Mein Wille war groß, wo ich doch viel reizendes über Effi Briest gelesen habe und Theodor Fontanes Schreibstil verehre. Allerdings ist mir nun rückblickend bewusst geworden, dass ich in dieses Buch reinwachsen musste. So gerne ich auch Klassiker lese, glaube ich, das einige erst wirklich verständlich werden und sich einem erschließen, wenn man  ein bisschen „erwachsener“ wird (mir ist das schon mit ein paar Büchern passiert, auch als anderen Gdnres). Ich bin natürlich noch sehr jung, aber nun mit fast 19 Jahren und einem besonderem Faible für das 18. und 19. Jahrundert,  kann ich viel besser mitempfinden und verstehen, wie die Gesellschaft im 19. Jahrhundert gedacht haben muss, als vor drei Jahren, wo ich noch wenig darüber wusste. An dieser Stelle wird mir bewusst auf welch wunderbare Weise Bücher es schaffen, uns Ideen, Werte, Moral, Gedanken, Lebensweisheiten, Erfahrungen und Gefühle zu vermitteln, ohne es direkt zu merken!
Vor drei Jahren hätte ich vermutlich gesagt, dass es eine interessante Geschichte mit einem blumigen Schreibstil ist, die mich aber nicht berühren noch fesseln konnte. Jetzt sehe ich es zum Glück anders!

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Das wunderbare an Fontane ist, das er mit vielen Symbolen arbeitet: Das Rondell der Eltern im Garten, die Schaukel, das Meer in Kessin, der Hund Instettens namens Rollo und ein paar mehr. Auf den ersten Blick erkennt man eindeutig, dass es ein Gesellschaftsroman des Realismus ist: Gegenstände und Personen werden detailliert beschrieben, aber wirken zunächst seltsam oberflächlich. Erst nach und nach werden Effis und später auch Innstettens Charakter und Emotionen  für den Lesenden sichtbar. Genauso wie es in der Gesellschaft Gang und Gäbe war, diszipliniert und nach außen hin stets perfekt zu wirken, agieren die Figuren im Roman. Auf mich wirkte es wie realistisches Portrait der Wilhelminischen Ära, das gleichzeitig seltsam zynisch wirkt, weil es diese Normalität ad absurdum führt. Durch die angedeuteten Witze und Beobachtungen wird offensichtlich, in was für einer gespielten Welt Effi lebt und wie sehr sie unter den affektierten Menschen leidet (wie man es auch selbst tun würde). Ein paar wenige Figuren wachsen ihr ans Herz und ganz still und heimlich trifft sie sich dann und wann mit Crampas, was sie sehr gut vor Instetten vertuscht.

Nun stellen sich einige Fragen: Kann man mit Effi Mitleid haben? Sie geht doch ohne weitere Bedenken in diese Ehe, obgleich dieser Mann eigentlich der Verehrer ihrer Mutter war? Was definiert man als Ehebruch?

Ich glaube, es ist sehr subjektiv, wie man dieses Buch wahrnimmt. Wir lasen es letztes Jahr in Ausschnitten im Deutsch Leistungskurs und die Meinung zu Effis Verhalten differierte stark. Dennoch macht diese kontroverse und interessante Person den Roman für mich so interessant und lesenswert: Man kann herrlich darüber diskutieren und sich überlegen, was man selbst getan hätte.
So gesehen kann man „Effi Briest“ in eine Reihe mit den anderen großen europäischen Werken, die Ehebruch thematisieren stellen, allerdings ist Effi eine viel sanftere Figur und deutlich weniger selbstmitleidige und egoistische Person als Emma Bovary (Anna Karenina habe ich allerdings noch nicht gelesen), die ich wirklich kein Stück mochte. Wer Werke aus dieser Reihe lesen will, dem lege ich Effi ans Herz.

Der einzig negative Punkt, den ich anmerken muss, ist das man besonders, wenn man den Roman anfängt, sich an den Schreibstil gewöhnen muss – man kann „Effi Briest“ eher nicht in einer lauten Bahn lesen. Fontane schwankt zwischen Berichtartigem Schreiben, blumigen Ausschweifungen, knapper mündlicher Rede und langen Diskussionen – so gesehen trifft man auf fast jede Erzählform, was für eine gewisse Leichtigkeit und Abwechslung sorgt. Allerdings verliert der Roman in der Mitte leider deutlich an Tempo und teils langweilt man sich fast so sehr wie Effi im pommer’schen Kessin. Diese Mitte hat mich zwei Mal zum Abbruch veranlasst, doch sobald sie überwunden ist, kommt der ein großartiges letztes Drittel.

Einer meiner Lieblingssätze und auch wahrscheinlich einer der bekanntesten aus diesem Roman ist ohne Zweifel der Dauerspruch von Effis Vater „Es ist ein (zu) weites Feld…“, der nicht ohne Grund zu einem geflügelten Wort geworden ist.

Zu guter letzt etwas zu dieser Ausgabe: Ich habe sie (und „Irrungen, Wirrungen“)  vor einiger Zeit zu einem spottbilligen Preis auf dem Trödel gefunden und mich sofort verleibt. Es gibt eine ganze Reihe dieser „Berliner Frauenromane“, welche der Aufbau Verlag in den 1990ern aufgelegt hat, jedoch heute leider nicht mehr erhältlich sind. Dabei sind es wahrlich schöne Bücher, von denen ich so gerne die gesamte Reige besitzen würde.

THE VERDICT: Ein wunderbar geschriebener Roman in mit vielen Facetten und faszinierenden CHarakteren. Die Geschichte entwickelt sich eher langsam, aber voll versteckter Symbolik, nur leider ist die Mitte des Buches im Gegensatz zum starken Anfang und Ende etwas dünn, aber darüber sehe ich gerne in der Gesamtbewertung hinweg, da alles in einem es einfach ein tolles und hoch lesenswertes Buch ist, besonders für Klassiker-Liebhaber! 8 von 10 Steren.

Love, Katha

Suffragette

OT: Suffragette
DT: Suffragette – Taten statt Worte
Cast: Carey Mulligan, Helena Bonham Carter, Meryl Streep, Ben Whishaw
Genre: Drama
Regie: Sarah Gavron
Drehbuch: Abi Morgan
Musik: Alexandre Desplat
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

Maud (Carey Mulligan) ist eine arbeitende Mutter, die zunächst eher zufällig in die beginnende Frauenrechtsbewegung um Emmeline Pankhurst (Merly Streep) hineingezogen wird. Mauds Wunsch nach Gleichberechtigung führt dazu, dass sie ihren Job verliert, von ihrem Ehemann auf die Straße gesetzt wird und selbst um das Recht, ihren Sohn zu sehen, kämpfen muss. Aber die Frauen, sogenannte Suffragetten,halten zusammen – um gemeinsam den inspirierenden und herzerweichenden Kampf um Frauenrechte, um Würde und Selbstbestimmung fortzusetzten. [Klappentext]

Als allererstes möchte ich sagen, dass der Klappenext meiner Meinung nach irreführend ist, zwar gibt er den Inhalt richtig wieder, aber er macht den Eindruck, als sei dieser Film eine Shakespear’sche Tragödie. Das ist er nicht, ganz im Gegenteil, denn vielmehr weist „Suffragette“ auf eine schmerzhafte Weise auf eine Wahrheit hin: diese Frauen haben für etwas gekämpft, was für uns hier in Europa selbstverständlich geworden ist, so sehr, dass wir fast schon vergessen haben, welches Privileg diese Form der Gleichstellung ist.

Das ist einer der Filme, auf die ich mich schon länger gefreut habe, vor allem als großer Fan von Carey Mulligan seit ihrer großartigen Performance in „Am Grünen Rand der Welt„. Hier zeigt sie aber nicht die romantische, sondern ihre leidende und kämpferische Seite, welche sie genauso grandios spielt. Die Besetzung hält auch, was sie verspricht: zum einen natürlich die entsprechende Frauenpower und großes, emotionales schauspielerisches Können von Carey Mulligan, die einiges druchleiden muss. Angst, Verzweiflung, Entschlossenheit und vor allem ihre Entwicklung von einer jungen Frau, die sich hat  herumschubsen lassen, zu einer um ihre Würde kämpfende Suffragette.
Dass es manchmal etwas fantastisch werden kann, zeigt Helena Bonham Carter in ihrer Rolle einer sehr engagierten Apothekersfrau. Seltsam fand ich allerdings Meryl Streep, denn obwohl Mrs Pankhurst natürlich eine führende Rolle spielt, thematisiert der Film vor allem die „gewöhnlichen“ Frauen, welche vor allem aus der Arbeiterklasse stammen. Ihr kurzer und plötzlicher Auftritt als eine leidenschaftlich Reden haltende Emmeline Pankuhurst wirkte etwas überdramatsiert und eher als Werbung für Streep als Schauspielerin – was der Film wirklich nciht nötig hat.
Auch Brendan Gleesons Aufritt als gegen Suffragetten ermittelnder Polizeibeamter sorgt für eine gewisse Portion Einschüchterung – dieser Mann schafft es immer, eine gewisse mächtige Erhabenheit auszustrahlen.

Was ich sehr positiv finde ist die Tatsache, dass der Film nicht überwältigend Feministisch ist. Besonders in unserer Zeit wird der Begriff Feminismus falsch verstanden, denn meiner Meinung geht es um eine Gleichstellung – keine Besserstellung! Die Wurzeln einer Bewegung ausgelöst durch Mrs Pankhurst werden in verschiedenen Facetten gezeigt, denn eine Suffragette zu sein war in erster Linie sehr gefährlich. Der im Jahr 1912 spielende Film zeichnet ein sich immer Frauenbild, welches sich im Aufbruch befindet: Mädchen, die es satt haben, missbraucht zu werden, sprechen.. naja,  aber nicht jede kann ihre Stimme erheben. Manche Männer lassen ihren Frauen Freiheit, unterstützen sie bestenfalls, andere werfen sie aus ihren Häsuern. Einige verschiedene Seiten sind vorhanden und zeigen eine brutale Diskrepanz. Dazu kommen die Kämpfe mit der Polizei, die radikalen Suffragetten – kurz und gut: es wird definitiv nicht verschönt und das macht diesen Film so bewundernswert ausdrucksstark, weil die Realität von vor fast 100 Jahren erschreckend mitfühlbar wiedergegeben wird.

Auf der anderen Seite glaube ich, dass man sich vor allem für dieses Thema interessieren muss, um den Film zu mögen, weil er schon sehr speziell und geschichtsgetreu ist – ganz und gar kein Popkornkino, mehr wie eine emotionale Dokumentation, die sehr interessant zu sehen ist.

Ein großes Plus: Mein Lieblingskomponist Desplat leistet mal wieder ganze Arbeit und sorgt mit seinem düsteren, traurigen Soundtrack für Revolutionsstimmung. Dazu die Nahaufnahmen von Mulligans emotionalen Gesichtsausdrücken – das Mifühlen ist perfekt.

THE VERDICT: Wen die 1910er und die Frauenbewegung faszinieren, für den ist das genau der richtige Film. Carey Mulligan und Helena Bonham Carter, die beide eher aus anderen Genres bekannt sind, beweisen beide, dass sie auch in ganz anderen Rollen brillieren können. 7,5 von 10 Sternen.

Love, Katha

Quellen:
Beitragsbild

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

https://wasliestdu.de/dateien/styles/width-200/public/cover/A/A3/A3C/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben-matt-haig.jpeg?itok=Rm9YIPSmAutor: Matt Haig
DT: Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben
OT: Reasons To Stay Alive
Genre: Biografie, Ratgeber
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 2015
Verlag: dtv
Preis: 18.90 € (Gebunden)
Länge: 304 Seiten
ISBN: 978-3-423-28071-6

Dies ist ein Buch, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn mit 24 Jahren wird Matt Haig von einer lebensbedrohlichen Krankheit überfallen, von der er bis dahin kaum etwas wusste: einer Depression. Plötzlich findet er sich buchstäblich am Abgrund wieder… Dieses Buch beschreibt, wie er allmählich die zerstörerische Krankheit besiegt und ins Leben zurückfindet. Es ist eine bewegende und mitreißende Hymne an das Leben und Menschsein geworden [Klappentext].

Matt Haig schildert ein seinem Buch seine Depression (welche mit einer Angststörung gekoppelt ist) auf verschiedenen Ebenen: Zum einen erzählt er in kleineren Sequenzen von persönlichen Momenten, u.a. wie er sich fühlte, als er nicht mehr leben wollte. Außerdem gibt es häufig Listen, z.B. über Symptome, Dinge, die ihm helfen usw. Ich glaube, in erster Linie ist dieses Buch für jeden, der an einer Depression leidet, oder jemanden kennt, der depressiv ist, sinnvoll. Man darf nicht erwarten, dass Matt Haig großartig mit Ratschlägen um sich wirft, oder wie der Titel suggeriert, Gründen, die einem zum Leben motivieren (es gibt eine Liste mit Twitterbeiträge dazu).
Für mich persönlich wirkte es mehr wie ein therapeutisches Werk, das einem zeigt, dass man mit bestimmten Gedanken und Gefühlen nicht alleine ist. In erster Linie ist dies die Geschichte Haigs, seinem ganz persönlichen Schicksal. Man muss sagen, dass er viel Glück hatte: eine sehr unterstützende Partnerin und eine fürsorgliche Familie, die wür ihn da waren, deshalb ist für Haig die Schlussfolgerung vor allem, dass ihm Liebe gut tut. Nicht jeder, der unter Depressionen leidet, hat solche Personen im Leben und ich habe reichlich Rezensionen u.a. auf Amazon gelesen, wo sich Menschen genau deshalb aufgeregt haben. Letztenendes ist „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ eine Autobiografie mit Ansätzen und Ratschlägen – Haig selbst schreibt häufig genug, dass er sich nicht anmaßt, für alle zu sprechen. Ihm tut das Schreiben und Lesen gut, vielleicht hilft es auch anderen Menschen. Ein schlichter, genialer Gedanke!

Ich sehe es als eine Inspiration oder als einen Einstieg in dieses Thema, denn häufig geht es nicht in die dunkelste Tiefe der Depression, stattdessen schneidet Haig viele verschiedene Aspekte an, z.B. nicht die Kraft zu haben, überhaupt etwas zu tun; wie schwer es für jemanden seien kann, ohne in Tränen auszubrechen, schlichtweg einkaufen zu gehen – oder am schlimmsten: Panikattaken.
Hier möchte ich ein Lob aussprechen, da ich diese Herangehensweise sehr toll finde: jeder, aus welchen Motiven er dieses Buch liest, kann sich einen eigenen Schwerpunkt heraussuchen und für sich reflektieren.
Zusätzlich empfiehlt Haig Literatur, die ihm geholfen hat in gewissen Phasen seiner Depression. Ganz toll fand ich die Gespräche mit seinem früheren Ich, wer würde das eigentlich nicht gerne machen?

Das Schöne ist, dass man im Laufe des Buchs richtig bemerkt, wie sich die Psyche Haigs kräftigt! Ich denke, das gibt nicht nur das Gefühl, dass der unsichtbare Ich-Erzähler Buches für einen da ist, sondern es tatsächlich realistisch und machbar ist ( mindestens ein bisschen) aus seinem Loch hervorzukommen. Matt Haig betont – richtigerweise!- häufig, dass eine Depression eine unsichtbare Krankheit ist mit einer großen Macht. Dazu führt er viele Statistiken an, die mich eher gegruselt haben, aber zeigen, wie ernst man eine Depression nehmen muss, und weil er ein Mann ist, auch das Thema „Boys don’t cry“.

Was tut mir gut? Was nicht? Matt Haig hat mich inspiriert, genauer darüber nachzudenken, denn man tut häufiger Dinge, die eigentlich gar nicht optimal für einen sind. An dieser Stelle kann man mit ein bisschen Liebe anfangen – mit Selbstliebe, egal, ob man selbst unter der unsichtbaren Krankheit leidet.

1. Eine kleine Bemerkung am Rande: Meistens bin ich sehr zufrieden mit dtv-Ausgaben, sie sind einfach in vielerlei Hinsicht richtig: gutes Layout, richtige (angenehme) Schriftgröße, gute und solide Übersetzung, Standardpreise.
Aber die gebundene Version von „Reasons to stay alive“ ist nicht nur preistechnisch richtig happig, sondern in einer Schrift für Senile gedruckt. Natürlich hat dies nichts im dem Inhalt zu tun, trotzdem empfehle ich jedem, der kann, nicht diese Mogelpackung, sondern die englische Version zu kaufen.

„Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ liest sich sehr schnell und angenehm, ich hatte es binnen weniger Stunden durchgelesen. Weshalb ich empfehle, mindestens hineinzuschnuppern, falls man z.B. in einer Buchhandlung die Möglichkeit hat – es geht schnell „zur Sache“.

2. Eine größere Bemerkung: Ich hoffe, dass es nun keinen großen Aufschrei gibt, inwieweit man überhaupt qualifiziert ist, ein Buch über Depressionen zu beurteilen. Ich finde, dass Depressionen etwas sehr Persönliches und Individuelles sind und keine Depression mehr oder weniger ernstgenommen werden sollte. Ich denke, jeder sollte sich um sein Seelenwohl kümmern und dass dieses Buch gewissermaßen auch dazu rät.

THE VERDICT: Eine bewegende Autobiografie mit Ansätzen von Ratschlägen und interessanten Gedanken. Matt Haig thematisiert verschiedene Aspekte einer Depression und hinterlässt eine Spur von warmer Hoffnung. Dieses Buch lebt von einer gewissen Leichtigkeit, hebt aber (zum Glück) nicht ab. Auf jeden Fall empfehlenswert! 8 von 10 Sternen.

Ein großes Danke an Charlie von Keine Zeit für Langeweile für das Leihen dieses Buches!

Love, Katha

Quellen
Cover

Kolumne: Suche nach mir selbst

Was ist das, was einen wirklich ausmacht? Wie würdest du dich selbst definieren?  Was möchtest du machen? Aber vor allem, wer willst du sein?

Es gibt kaum andere Fragen, die mich zur Zeit so beschäftigen wie diese. Es fühlt sich doch an, wie vor einer Gabelung zu stehen, nur dass es eher ein freies Feld ist und der Horizont so fern blutrot glüht. Es ist eine Sache Abitur zu machen, sich durch Prüfungen zu kämpfen und die letzten Wochen störrisch die Zähne zusammenzubeißen, um noch das letzte Tröpfchen Kraft aus mir herauszupressen. Ich wate durch Moore, schlage Gstrüpp aus meinem Weg, klettere über Hindernisse – ich weiß, was ich tue (meistens bin ich auch überzeugt davon), ich weiß bloß nicht in welche Richtung ich eigentlich gehe. Und während ich mich kurz zur Rast unter einen Baum setzte und den nächtlichen Himmel anstarre, hunderttausende kleine Sterne in der Ferne leuchten sehe, fühle ich diese schiere Unendlichkeit, in der ich so fürchterlich klein bin.

Bis jetzt gab es den Weg, der vorgegeben war, zumindest nur kleinere Abweichungen waren möglich und so sehr es mich freut daran zu denken, bald niemals wieder den Dschungel der Analytischen Geometrie betreten zu müssen oder gar abzuleiten, ich habe keinen Schimmer, was jetzt passiert.

Was will ich überhaupt? Es klingt fast schon luxuriös, wie viel Wahl ich habe. Zumindest kann ich ein paar Dinge ausschließen.

Nun versuche ich darüber nazudenken, was mit mir nach der Schule werden soll und ich stoße auf eine zweite, noch exitenziellere Frage, die meinen dauererschöpften, siebzehnjährigen Kopf doch ganz schön brummen lässt: Wer bin ich überhaupt? Andere können mich beschreiben, sagen, dass ich groß sei, nachdenklich, mürrisch, kreativ, sarkastisch – und diese Adjektive nehme ich auf, wie ein Schwamm und akzeptiere sie. Ein paar dieser ‚Tags‘ füge ich selbst hinzu: rechthaberisch, ungeduldig- Ganz am Ende kleben sie an mir, überall, Adjektive ohne Ende. Aber bin ich einfach ein Produkt aus Wertungen? Ist meine Essenz letztlich das? Ich kann einen Menschen beschreiben, lang und breit, episch wie ein euphorischer Johann Wolfgang von Goethe, wortgewandt und feinfühlig präzise. Aber diese Person zu erleben ist etwas ganz anderes, unsere Sprache ist dafür nicht geeignet, noch weniger dieses kategorisierende Schubladendenken.

Ich verändere mich, flink wie die Moleküle in flüssigem Aggretatzustand, mein Charakter ist kein Zustand – das macht alles aber nur so viel schwieriger! Und das Schlimmste ist, dass sich alles so unfassbar endgültig anfühlt und ich aber gar nicht weiß, ob ich in drei Jahren noch immer davon überzeugt seien werde. Allerdings muss ich dafür herausfinden, was mein „Davon“ überhaupt ist.

Das ist ein guter Anfang. Und danach? Ich scheiß drauf, ich werde mich nicht einsperren lassen und meine Entscheidung einen ‚Tag‘ werden lassen. Diese Angst über meine Zukunft nachdenken zu wollen, muss aufhören – dass es Zeit gibt, kann ich nicht ändern, ebenso wenig, dass sie erbarmungslos voranschreitet. Angst ist kein gutes Motiv, Respekt ist eine bessere Einstellung.

So viel zu den Dingen, die ich weiß. Mal sehen, wie es mit der Umsetzung klappt. Wahrscheinlich ist dieser etwas persönlichere Artikel ein kleine Entschuldigung für die Zukunft, dass ich weniger schreiben kann. Mir steigt alles zu Kopfe – und den brauche ich gerade.

Alles Liebe und hoffentlich bis bald!

Katha

 

Die Sucht nach Stress

Oder eine Erinnerung an mich selbst.

Es ist gar, als stünde ich ständig unter Strom, müsste ständig tun, um in Bewegung zu bleiben, höher, schneller, weiter. Zufriedenseien ist Aufgeben in dem ständigen, täglichen Kampf des Besserwerdens. Sich auf einen Erfolg auszuruhen ist ein Wimpernschlag, bevor ich begreife, dass ich das beim nächsten Mal auch schaffen muss, wenn nicht gar besser. Es ist fast lächerlich: Ich klage darüber, wie schrecklich gestresst ich bin, dass mir der Kopf sonstwo steht, doch gleichzeitig entwickelt man auf eine paradox-perverse Weise eine Art Stockholmsyndrom zu diesem Leiden. Es ist die Droge, der Adrenalinkick, etwas auf den letzten Drücker machen zu müssen und freudetaumelnd, fast schon übermüdet in der Nacht endlich fertig zu sein! Wer braucht schon Schlaf, wenn man von Kaffee leben kann?

Doch dann kommt etwas überaus absurdes: ein ruhiger Tag, an welchem man die Füße hochlegen kann. Ein sanftes Lächeln bei dem Gedanken, doch kaum habe ich es mir am Fenster bei mildem Samstagslicht mit einem Buche gemütlich gemacht, da pulsiert die Schläfe, die Gedanken gehen verloren, man fragt sich was man doch machen könnte, was fehlt.
Fast schon eine leere Enttäuschung, mal entspannen zu müssen.
An den Tagen, wo ich weiß, dass ich noch später etliches zu tun habe, da lege ich gerne die Füße hoch, um den Moment abzuwarten, wo es nahezu zu spät ist, um anzufangen. Es ist die Sucht, die einen ergreift, das Spiel mit der Zeit zu spielen in der festen Überzeugung, es gewinnen zu können. Ein Packt mit dem Teufel. Nur, dass ich nicht Faust sein möchte.

Das ist Schwachsinn. Das Aufschieben, das nächtliche Arbeiten, die bittren Tränen der Angst, die man weint aus reiner Verzweiflung. Das Leben ist nicht die Aufreihung von Erfolgen, das Leben ist nicht die Schule oder das Studium, und doch muss man auch hinfallen, denn Glück fühlt man nur im Kontrast intensiv. Es ist keine Schande, hinzufallen und zu scheitern, es tut weh, doch nur wer liegen bleibt, ist gescheitert. Zufriedenheit ist eine Belohnung, die man sich selbst schenken sollte. Ich möchte ein bisschen mehr lächeln, einfach tief einatmen und an mich glauben, ohne psychopathisch zuckend in der ständigen Angst des Versagens zu leben, die ich mit der Sucht nach Stress, den ich mir selbst aussetzte mache.

Sagte ich Schwachsinn? Unsinn. Wahnsinn!

Das wird schon. Stress hilft zur Motivation, aber die Motivation sollte nicht alleinig aus Stress hervorgerufen werden.
Ich möchte nicht mehr sagen: ich bin der unentspannteste Mensch auf Erden.
Ich möchte sagen – nein, ich werde jetzt einfach schmunzelnd nicken.

Love, Katha

Schiffsmeldungen

OT: The Shipping News
DT: Schiffsmeldungen
Genre: Drama
Cast: Kevin Spacey, Cate Blanchett, Judi Dench, Julianne Moore, Rhys Ifans
Regie: Lasse Hallström
Drehbuch: Robert Nelson Jacobs, E. Annie Proulx (gleichnamiger Roman)
Musik: Christopher Young
Erscheinungsjahr: 2001
Länge: ca. 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

Der scheue Drucker Quoyle (Kevin Spacey) ist ein Totalversager: Rt schiebt Frust im Job, ist für Tochter Bunny (Alyssa Gainer) ein lausiger Vater und lässt sich von seiner Frau (Cate Blanchett) jahrelang betrügen. Als sie stirbt, weiß Quoyle alleine nicht weiter. Seine schrullige Tante Agnis (Judi Dench) überredet ihn, nach Neufundland in der Heimat seiner Vorfahren zu ziehen. Langsam lernt er das ungastliche Land lieben. Er ergattert einen Job als Lokalreporter und verliebt sich in die schöne Wavey (Julianne Moore). Der Neuanfang scheint geglückt – bis Quoyle davon den Dämonen seiner Vergangenheit heimgesucht wird. [Klappentext]

CacharELLESUm es kurz und bündig zu machen: Dieser Film ist in jeglicher Hinsicht atemberaubend. Eine schwere, melancholische aber überaus berührende Story, gebettet in der faszinierenden Landschaft Neufundlands, den rauen Küsten und der beißend kalten Winde, trifft auf eine hochkarätige Besetzung. So viele ausgezeichnete Schauspieler! Doch ist es hier nicht ein Haufen großer Schauspieler, der den Wert des Filmes ausmacht, es ist ein Haufen großer Schauspieler, die wunderbar und sehr überzeugend interagieren. Und es ist eine wunderbare Abwechslung für alle, die Kevin Spacey als nettere Figur sehen wollen und nicht Francis Underwood.
Dazu unterstützt von einem etwas, wie soll man sagen, nordisch-keltischen Tönen von Christopher Young und fertig ist ein Meisterwerk. Ich muss zwar gestehen, dass mich der Film erst bei zweiten Sehen umgehauen hat, was allerdings eher daran liegt, dass ich ihn das erste Mal vor Jahren sah, noch deutlich jünger und vielleicht die Bedeutung und den Wert des Filmes nicht verstand. Denn so viel sei gesagt: Dies ist nicht ein Drama, das nach dem Sehen vorbei ist, vielmehr denkt man noch darüber nach, nimmt es in sich auf. Vielleicht braucht man etwas Zeit, um das Salzwasser und stürmische Gezeiten zu begreifen, aber es ist es wert!

Zudem ist es ein wunderbarer Beweis, dass Lasse Hallström nicht nur romantische Komödien oder Nicholas Sparks Verfilmungen kann – und sich meines Erachtens nach immer wieder als toller Regisseur behauptet.

THE VERDICT: Ein überaus wertvoller, berührender und sehr gut gemachter Film, den ich nur empfehlen kann und deshalb vergebe ich 9 von 10 Sternen.

Love, Katha

Was Shakespeare a Fraud?

DT: Anonymus
OT: Anonymous
Genre: Tragödie, Drama
Cast: Rhys Ifans, Jamie Campell Bower, Vanessa Redgrave, David Thewlis, Derek Jacobi, Sam Reid
Regie: Roland Emmeric
Drehbuch: John Orloff
Musik: Thomas Wander, Harald Kloser
Länge: ca. 131 Minuten
Erscheinungsjahr: 2011
FSK: ab 12 Jahren

Manche Dinge vermögen einen enormen Zauber auf uns zu haben und so ergeht es mir bei diesem Film, den ich vor einigen Jahren das erste Mal sah – und nicht ganz verstand. Die Thematik war ohne Zweifel interessant, doch erst nun, ergreift sie wirklich mein Interesse!
Shakespeare, der nicht Shakespeare ist, sondern Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford. Bereits vor Jahrhunderten flammte die Debatte auf, wem wohl die Urheberschaft von Werken wie Hamlet, Romeo und Julia, Viel Lärm um Nichts oder Macbeth gehöre, Namen wie Francis Bacon fielen und so auch der von Edward de Vere. Eine unglaublich umstrittene These, ein gefährliches Projekt.

So beschäftigt sich der Film „Anonymus“ von Roland Emmerich mit der Oxford-Theorie und setzt diese auf ebenso grandiose, wie düstere Weise um. Der Film beginnt wie ein Sprecher (der gute alte Derek Jacobi) auf eine Bühne tritt und dem Publikum von Shakespeare erzählt, dem Mann, der so weltberühmte Stücke geschrieben hatte, dass der Nachhall bis heute international ist, und anzweifelt, dass dieser Mann wirklich William Shakespeare war.
So reisen wir zurück.

Wir sehen, wie Edward de Vere bei den Cecils, den Unterstützern Elisabeth I., auswächst und lernt, ihm es alleridngs ebenso verboten bleibt, zu schreiben, was seine größte Leidenschaft ist. So gerät er in einen Konflikt zwischen Cecil und seiner selbst, der seinen Höhepunkt dabei erlangt, dass er sich in Elisabeth verliebt. Intrigen werden gesponnen, Edward versucht einen Dramatiker zu finden, der unter seinem Namen seinem Stücke veröffentlichen wird, findet sogar einen, jedoch gerät dieser Vertrag außer Kontrolle und so wird der einst reichste Mann der Insel von Shakespeare erpresst, denn die Stücke dürfen keinesfalls unter seinem Namen erscheinen! Gleichzeitig bahnt sich ein Umschwung in der Politik an und das Ende des elisabethanischen Zeitalters.

Emmerich legt sich mit Literaturwissenschaftlern an, die in ihrer Mehrheit die Urheberrechte an andere Schriftsteller oder Persönlichkeiten dementieren, und sorgt ebenso für Gesprächsstoff, dass doch ein Film, wie dieser, nicht vom selben Mann stammen kann, wie z.B. von „2012“ – er liebt die Provokation. Doch ganz gleich, wie viel Wahrheit in dieser Oxford-Theorie steckt, so glänzt der Film als Eigenwerk sehr wohl! Intrigen, Dramatik, wundervolle Kostüme und auch der Filmpark Babelsberg, der hinter diesem optischen Fest steckt, leistet ganze Arbeit.

Bis zu diesem Film war mir Rhys Ifans kein Begriff – muss ich zu meiner Schande behaupten, denn er verleiht der Figur des Edward de Vere, dem ‚wahren‘ Shakespeare, eine intelligente, traurige Arroganz, sowie Leidenschaft, in seiner Kunst, die man als Zuschauer in der Tat zu spüren bekommt. Auch die Grand Dame Vanessa Redgrave adelt den Film in ihrer Rolle als Elisabeth I.

Etwas verwirrend fand ich die Zeitsprünge in den Filmen, da der junge Edward de Vere dem jungen Southampton (der jedoch dessen Sohn ist) unheimlich ähnlich sieht, musste ich mich erst etwas sortieren. Ansonsten lässt sich dem Plot ziemlich flüssig folgen.

Untermalt wird dieses Werk durch die melancholische, aber auch von mittelalterlichen Tönen geprägte Musik von Thomas Wander und Harald Kloser. Ein besonders schönes, trauriges Stück daraus ist ‚Edward’s Theme‘ – anhören lohnt sich!

THE VERDICT: Was soll ich noch an Lobgesang singen? Mit welchen Worten meine Begeisterung beschreiben? Ich kann den Film von tiefstem Herzen empfehlen, es ist eine nachdenkliche Tragödie und passt doch irgendwie zu Shakespeares Genie – ganz gleich, wie viel Wahrheit hinter dieser unglaublichen Idee steckt, mich hat sie jedenfalls dazu angeregt, mehr wissen zu wollen.  Echt episch: 9 von 10 Sternen

Love, Katha

Quelle:
Beitragsbild

Mr Morgan

OT: Mr Morgan’s Last Love
DT: Mr Morgan’s Last Love
Genre: Drama
Cast: Sir Michael Caine, Clémence Poésy, Justin Kirk, Gillian Anderson, Jane Alexander
Regie: Sandra Nettelbeck
Drehbuch: Sandra Nettelbeck, Francoise Dorner
Musik: Hans Zimmer
Erscheinungsjahr: 2013
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 6 Jahren

Beginnend mit dem Tag, an dem Pauline (Clémence Poésy) ihm im Bus ihre Hilfe anbietet, stolpert der sture, vom Leben erschöpfte Matthew Morgan (Michael Caine) zurück ins Glück. Die Lebensfreude und der unerschütterliche Optimismus der jungen Frau erobern sein altes Herz. Auf ihren alltäglichen Abenteuern mit Spaziergängen durch Paris, Mittagessen im Park und Reisen aufs Land entdeckt das ungewöhnliche Paar zahlreiche Schätze: Freundschaft, Gemeinschaft – und die Bedeutung von Familie. Dank Pauline nähert sich Matthew zum ersten Mal seit langem wieder seinem Sohn Miles (Justin Kirk) an. Gerade rechtzeitig lernen Vater und Sohn, sich wieder gegenseitig zu respektieren – und finden beide, jeder auf seine eigene Weise, wieder Liebe und Hoffnung. [Klappentext]

Ich muss sagen, dass der Text den Film positiver und klischeehafter suggeriert, als er es denn eigentlich ist. Man hat weniger diese hoffnungsvolle feel-good-Stimmung, als eine ruhige Melancholie, die sich durch den ganzen Film zeichnet.
Denn dieser beginnt mit dem Tod von Morgans Frau, der ihm die Lebensfreude nimmt. Ab und an sieht man auch seine Frau, wenn er nachdenkt oder sich erinnert, aber nicht in der Weise, dass sie ein Geist der Vergangenheit ist, der in seinem Leben spukt, viel mehr als etwas Positives.
Zudem muss ich sagen, dass ich wirklich zufrieden mit der Synchronisation bin, denn Michael Caines Synchronstimme ist sehr angenehm und unterstreicht gut den Charakter, Sowieso spielt er die Rolle dieses alten, sturen, vielleicht emotional verwirrten und doch weisen Mannes sehr authentisch und strahlt eine unbeschreibliche ruhe aus.
Eben diese Ruhe zeichnet den Film meiner Auffassung nach auch aus, es geht um keine große Tragödie , sondern die stillen Momente, die den Film manchmal einen Hauch von Tragik verleihen – aber mehr auch nicht, Deshalb versinkt er auch nicht in Kitsch oder Klischee, was mir ziemlich gut gefällt.
Die Drehorte Paris, Bruxelles, Köln und die Bretagne, wobei das ganze nur in Paris und der Bretagne spielen soll, sind schön gewählt und jedes Mal, wenn Mr Morgan durch seinen Altbau ging und man diese Architektur von Wohnung betrachten konnte, schlug mein Herz höher. Da wird man doch glatt neidisch!

Überrascht war ich von Clémence Poésy (die ja in der Tat einen wirklich schönen Namen hat), denn ich kannte sie eigentlich nur als Model und wusste dementsprechend nicht ganz, was ich von der Besetzung halten sollte – und war positiv überrascht!

Was mir ebenfalls sehr gefallen hat, waren die Dialoge, manchmal weise und philosophisch wie z.B. das Zitat von Leonard Cohen („There is a crack in everything, that’s how the light gets in“) , dann wieder lustig, wie beispielsweise als zwei Verkäuferinnen sich über den alten Mann klischeebedient lustig machen – Franzosen, die bloß nicht englisch sprechen , beziehungsweise es vorgeben. Herrlich!

So gesehen muss ich sagen, dass mir der Film wirklich gefallen hat. Er ist ruhig, fast schon impressionistisch, die Kameraführung mochte ich aus unbeschreiblichen Gründen irgendwie genauso wie das Setting. Die Musik ist kein großer Knüller, ein ruhiger, bescheidener Hans Zimmer und zum Abschluss ein schöner Norah Jones Song. Es ist kein Film, den man zwei Mal sieht, er verleitet zum Nachdenken, stimmt aber auf eine melancholische Weise traurig – nicht wirklich hoffnungsvoll.

THE VERDICT:
Berührend, ruhig, gute Darsteller. Mir fehlt dieses gewisse etwas, was ihn prägnanter macht, doch mögen tue ich „Mr Morgan’s Last Love“ definitiv. Dementsprechend 6,5 von 10 Sternen.

Love, Katha

P.S. Huch! Das ist schon mein fünfzigster Beitrag!

Von großen & hohen Erwartungen

Ahoi!

Irgendetwas verbindet mich mit Charles Dickens, was mich dazu brachte, diesen Roman lesen zu wollen.
Vielleicht ist es, weil ich eine Vorliebe für Bandwurmsätze habe oder weil ich selbst gerne ausschmückend und detailliert schreibe, vielleicht, weil mich Gesellschafts (kritische) Romane faszinieren und natürlich auch das 19. Jahrhundert, oder gar weil ich in meiner Kindheit viel mit seiner Weihnachtsgeschichte konfrontriert wurde, ja gar terrorisiert, vielleicht weil ich Großbritannien liebe, aber vielleicht ist es, weil ich am gleichen Tag Geburtstag habe wie er.
Und so war mir, dass ich einen Roman von ihm lesen wollte. Ganz unbedingt und meine Wahl fiel auf Große Erwartungen – und ich hatte „große“ Erwartungen.

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Autor: Charles Dickens
DT: Große Erwartungen
OT: Great Expectations
Genre: Klassiker, Bildungsroman
Sprache: Deutsch
Übersetzer: Paul Heichen
Ausgabe: Taschenbuch
Ersterscheinung: 1861
Verlag: Insel Taschenbuch
Preis: 9.99€
ISBN:978-3458357780
Länge: 740 Seiten

Philip Pirrip, gennant Pip wächst in der kargen, traurigen Welt der englischen Küsten, der nebeligen Landschaft der Marschen auf. Der Waisenjunge lebt bei seiner Schwester, die ihn „mit der Hand aufzieht“, wie es immer so schön heißt, und ihrem Mann, Joe, der sein bester Freund wird. Als er als Kind das Garb seiner Eltern besucht, begegnet er einem furchteinfößenden Häftling, der von einem Gefangenenschiff geflohen war, der ihn zwingen wird, Essen und Werkzeug für ihn zu stehlen, was er auch tut.
In den armen Verhältnissen, in welchen er lebt, beginnt er bald von Reichtum und Ansehen zu träumen, als er die schöne aber arrogante Estella kennenlernt, die Tochter von der mysteriösen Miss Havisham, Pips Aufgabe ist es, mit ihr spielen (er dient also als Gesellschafter) und von Zeit zu Zeit verliebt er sich unsterblich in sie und schämt sich für seine Herkunft. Doch wie durch ein Wunder taucht eines Tages, schon als er fast erwachsen ist, nicht mehr mit Estella spielt und seine Ausbildung als Schmied fast beendet hat, der Londoner Anwalt Mr Jaggers auf und eröffnet ihm, dass er große Erwartungen habe, denn eine Person, deren Name nicht bekannt werden noch hinterfragt werden dürfe, habe ihm sehr viel Geld vermacht – und von da an stellt sich sein Leben auf dem Kopf: er wird in die Welt, die er sich erträumt hatte, eingefüht, verändert sich mit ihr, begegnet natürlich Estella und wird in ein düsteres Geheimnis verwickelt.

Diese traurige, tiefgehende aber auch zugleich ungemein spannende Geschichte wird auf eine wundervolle Weise erzählt: Sprachlich kann man kaum mehr erwarten! Man glaubt den Nebel auf den Marschen sehen zu können, das Klopfen von Pips Herzen zu fühlen.

„Der Himmel weiß, dass wir uns niemals unserer Tränen schämen müssen, denn sie sind der Regen auf den blind machenden Staub der Erde, der über unserem harten Herzen liegt.“ – Große Erwartungen, 19. Kapitel

Fakt ist, dass ich Charles Dickens bewundere, bewundere, wie er sich hochgearbietet hat, wie wortgewandt er schreiben mag (ich lese derweilen zwar nur Übersetztungen, aber die tun’s auch) und wie offen seine Augen sind, dass er nicht blind durch die Welt tappt!
So gesehen kann man davon ausgehen, dass „Große Erwatungen“ zu einem sehr persönlichen Werk Dickens‘ gehören. Er veranschaulicht verschiedene Themen die Armut, Kontraste zwischen Arm und Reich, soziale Strukturen, Arroganz und Liebe sehr detailliert und verschieden. Der Protagonist Pip, der aus der Ich-Perspektive berichtet, verändert sich sichtbar während des Verlaufs, mal ist er nachdenklicher, mal gequält, dann und wann leidet man mit ihm und ab und an möchte man auf ihn einreden, er tut einem Leid, vorallem, wie er aufwächst, aber er regt einen auch auf. Besonders die Versessenheit auf Estella idt manchmal zum Haare-herausreßen. Aber genau das scheint der Roman von einem zu Fordern: Emotionen! Und das bietet er.
Besonders die Figuren kann ich loben! Sie sind skurril und arrogant, mysteriös und unheimlich, liebevoll und weise: sehr prägnant gezeichnet, übertrieben aber nie, man hat immer großes Vergnügen daran ihnen zu folgen, weil sie nie platt und eintönig sind
Klassiker werden häuifg als langweilig abgestempelt und in Deutsch-Unterrihcten so verarbeitet, dass man dann lieber keine liest, was echt traurig ist! Dieser Roman ist ohne Zweufel ein Meisterwerk, dass ich jedem empfehlen möchte, weil es so konrastreich, nicht verschönernd von den Schattenseiten, aber auch der Schönheit einer Welt berichtet. Jedoch kann ich auch sagen, dass man für das Buch Geduld aufbringen sollte, denn ab und an, schöner Stil hin oder her, ist er zäh und langatmig, manche Handlungsstränge überziehen 50 Seiten oder mehr und das kann schon anstrengend sein.

THE VERDICT: Zusammenfassend kann ich „Große Erwartungen“ nur empfehlen, denn die Geschichte ist sowohl einzigartig, spannend als auch lehrreich, sowie voll mit kuriosen und schrecklich wundervollen Charakteren, die sehr gut in die seltsame, düstere Welt des 19. Jahrhunderts eingebettet sind. Charles Dickens ist für mich ohne Zweifel ein Zauberer des Romans und der Sprache, der einem aber keinen Wunsch, sondern kalte Realität vorhölt.
Die Übersetztung kann ich nur insofern bewerten, dass es etwas nervig ist, dass sie „Mr“ und „Miss“ etc. tatsächlich mitübersetzt haben, was am Anfang gewöhnungsbedurftnig ist und m.E. nach unnötig.
Zweifelsohne 9 von 10 Sternen.

Love, Katha

The fault in our stars

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Autor: John Green
DT: Das Schicksal ist ein mieser Verräter
OT: The Fault In Our Stars
Genre: romantisches Drama, Jugendroman
Sprache: Deutsch
Übersetzer: Sophie Zeitz
Ausgabe: Taschenbuch
Ersterscheinung: 2012
Verlag: Reihe Hanser, dtv
Preis: 9,95€
ISBN: 978-3423625838
Länge: 336 Seiten

„Krebsbücher sind doof“, sagt die 16-jährige Hazel, die selbst Krebs hat. Sie will auf gar keinen Fall bemitleidet werden und kann mit Selbsthilfegruppen nichts anfangen. Bis sie in einer Gruppe auf den intelligenten, gut aussehenden und umwerfend schlagfertigen Gus trifft. Der geht offensiv mit seiner Krankheit um. Hazel und Gus diskutieren Bücher, hören Musik, sehen Filme und verlieben sich ineinander – trotz ihrer Handicaps und Unerfahrenheit. Gus macht Hazels großen Traum wahr: Gemeinsam fliegen sie nach Amsterdam, um dort Peter Van Houten zu treffen, den Autor von Hazels absolutem Lieblingsbuch. Ein tiefgründiges, emotionales und zugleich freches Jugendbuch über Krankheit, Liebe und Tod.“ [Lovleybooks.de]

Ich möchte mich als aller erstes bedanken, bei Charlie @ keinezeitfuerlangeweile, weil sie mich gezwungen hat John Greens „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ zu lesen.

Ich lese Klassiker, seit einem Jahr nur Klassiker und plötzlich schlage ich dieses Buch auf und es ist so voller Wärme und Liebe und dennoch Ernst und ich will behaupten, dass dieser Roman eines Tages ein Klassiker wird. Die Hauptfigur Hazel erzählt ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive, ist dabei offen, witzig und ernst und sieht auf eine wundervolle Weise die kleinen Dinge. Sie begegnet Augustus bereits am Anfang es Romanes, wo er sie während einer Art Gruppentherapie unaufhörlich anstarrt. Es geht nicht in jedem Sinne nur um die wunderschöne, herzzerreißende Liebesgeschichte von Hazel und Gus, denn dieses Buch ist vieles, aber nicht kitschig, denn Krebs, den sie beide haben, kann kaum kitschig sein.

Es ist so schwierig, die richtigen Worte für diesen Roman zu finden, denn er trifft die richtigen Worte und schafft es, einen trotz der unglaublichen Tragik der unheilbaren Krankheit, die Hazel hat, einen zum Schmunzeln zu bringen.

„Wie heißt du?“, fragte er [Gus]
„Hazel.“
„Nein, dein ganzer Name.“
„Hm. Hazel Grace Lancaster.“ (S.20)

Und er sollte sie die ganze Zeit Hazel Grace nennen, was zugleich bürokratisch, aber auch süß klang. Gus ist nicht der perfekte Typ und Hazel schildert dies auch, aber er verzaubert einem trotzdem, denn sein Verhalten ist allzu menschlich: Gus möchte nicht vergessen werden. Als er Hazel davon das erste Mal berichtet, hält sie ihm de facto einen Kurzvortrag über ihre Meinung, der ihm die Sprache raubt. Das ist Hazel! Sie ist wortgewandt, spricht über den falschen Gebrauch von ‚buchstäblich‘, was mehr oder weniger der Running Gag des Buches ist. Und auch wenn man weiß, dass dieses Buch ein tragisches ist, schenkt es mit der Lebensfreude, die Hazel und Gus mittels ihrer Liebe aussprühen, Hoffnung. Am Schönsten finde, wie das Thema des Vergessenwerdens behandelt wird, weil wir Menschen alle Teil davon sind und ich mich persönlich auch davor fürchte.

Ein großer Pluspunkt sind ohne Zweifel die Charaktere, die alles andere als flach sind oder sich auf wenige Eigenschaften, die man im großen und ganze  mit den Adjektiven ‚gut‘ und ‚böse‘ beschreiben lassen, beschränken, was bei einigen Jugendbüchern der Fall ist. Wo wir schon beim nächsten Punkt sind: bei Amazon liegt die Altersempfehlung bei 12-15 Jahre. Dem Mindestalter kann ich zustimmen, aber eigentlich ist es lächerlich zu behaupten, dass mit 15 schluss ist, denn ich glaube, dass dieser Roman verschiedenste Altersklassen anspricht, allen voran, weil die Figuren sehr erwachsen sind.

Ich darf mich glücklich nennen, weil ich nicht krebskrank bin, aber noch glücklicher darf ich mich nennen, weil ich dieses Buch gelesen habe. Lev Großmann vom Time Magazine sagt folgendes: „So ehrlich und intensiv wie nichts sonst, was ich in letzter Zeit gelesen habe, weder in Jugendbüchern, noch in anderen.“

Danke, Charlie. Wer weiß, ob ich dieses Buch ohne dich gelesen hätte, wo ich so lange Jugendbücher (auch berechtigt) abgestempelt habe. Aber irgendwie hat es was von einem Klassiker, denn diese Geschichte ist zeitlos-einzigartig.

THE VERDICT: Ich glaube, dass ich hierbei den Gebrauch des Wortes „episch“ nicht misshandle, denn „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ kann ich nicht anders beschreiben. 9,5 von 10 Sternen – Prädikat Episch!

Love, Katha

Verfall einer Familie

Moin!

Es gibt Bücher, die man gelesen haben muss, weil sie ein Teil der Weltgeschichte sind, aber wenn man keine Lust hat? So erging es mir, als ich das erste mal von den Buddenbrooks hörte. Uhh, dicker Schinken in schwerer Sprache – kann so etwas überhaupt interessant sein? Doch irgendwann im letzten Jahr wurde ich neugieriger und las es schneller durch, als ich erwartet hatte.

Autor: Thomas Mann
Titel: „Buddenbrooks – Verfall einer Familie“
Genre: Gesellschaftsroman, Drama, Klassiker
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 1901
Verlag: Fischer Verlag
Preis: 9,95€ (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-569-29431-2
Länge: 768 Seiten

„Es ist eine hervorragende Arbeit, redlich, positiv und reich“, urteilte S. Fischers Lektor Moritz Heimann nach der Lektüre des Manuskripts über Thomas Manns, ersten Roman, seinen wohl am meisten gelesenen, am meisten verbreiteten. Verfall einer Familie – sein Untertitel scheint ihn einzureihen in eine bestimmte Gattung, aber „der Zug zum Satirischen und Grottesken“, der darin steckt, hebt ihn zugleich davon ab, gibt ihm einen eigenen Charakter, eigene Wirkung bis in die Gegenwart. Thomas Mann erzählt nur wenig verschlüsselt die Geschichte seiner Familie und ihrer Stellung in der Vaterstadt Lübeck, soweit er sie nachvollziehen, in Einzelheiten überblicken konnte, ja sogar noch miterlebt hat. Verwandte, Honoratioren und markante Persönlichkeiten seiner Jugend werden integriert. Den meisten Raum nimmt das Leben Thomas Buddenbrooks ein – „ein modernes Heldenleben“; sein Sohn Hanno wird einen langen Strich unter die Genealogie der Familie setzen und sich rechtfertigen mit den Worten:“Ich glaubte … ich glaubte … es käme nichts mehr …“ In den mehr als hundert Jahren seit seinem ersten Erscheinen hat der Roman unzählige Menschen in seinen Bann gezogen und hat bis heute nichts an Charme und Aktualität eingebüßt.“

Zugegeben, ein wenig hilfreicher Klappentext, doch im Grunde genommen geht es um die verschiedenen Generation Buddenbrook  eingebettet in ihr Familienunternehmen: von dem alten Johann Buddenbrook, über Jean Buddenbrook, dessen Sohn Thomas ein und als letzter erfolgt das kurze Leben des Hanno Buddenbrook.
Von Generation zu Generation wird das Handelsunternehmen übergeben und bringt jedem Oberhaupt Probleme, Konflitke und Herausforderungen. Thomas Buddenbrooks Leben füllt am meisten Platz in den Roman: er wird heiraten, aber nie die wahre Liebe in seiner Frau finden, er wird sich mit seinem psyisch angeschlagenen Bruder Christian abquälen und sich über ihn aufregen, Begräbnisse miterleben und nicht zuletzt an seinem Sohn Hanno verzweifeln, der kein Interesse an dem Handelsunternehmen zu haben scheint, sondern sich mit der Musik beschäftugen möchte – wie seine Mutter.

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Es ist das erste Buch, in dem ich viele „…“ sah, mir erschien es erst komisch, aber man gewöhnt sich dran, obgleich ich zugeben muss, noch immer nicht wirklich schlau daraus geworden zu sein. Ich muss zugeben, manchmal reichlich angeödet gewesen zu sein, es war langatmig und manchmal ein Kampf, aber dann wieder verschlang ich es! Besonders die Geschichte von Tony Buddenbrook mit ihrem Rauf und Runter, ihrem überschwänglichem Leiden und Aufgeben einer Liebe – eine moderne, extravagante Frau, die sich scheiden lässt. Doch auch die anderen Charaktere, wie Christian zeichnen sich von außerordentlicher Originalität wie Realität aus. Das ist wichtig bei einem Roman wie diesem, der unheimlich viele Charaktere vorstellt. Aber durch diese Zuordnung und exakte Beschreibung bleibt einem so gut wie jeder Darsteller (es hat was von einem Theaterstück!) in Erinnerung.

Der Roman beschreibt in einer exzellenten Sprache die Tragödie einer Generation, einer großen Familie, die mit ihrem letzten Sohn zusammenbricht. Thomas Mann schafft es hypotaktische Sätze zu einem Vergnügen zu machen, er wählt die Wörter bedacht und arbeitet mit hervorragenden Nuancen der Sprache, baut sogar Dialekte ein, was die Charaktere umso lebendiger erscheinen lässt – was manchmal aber auch nicht wirklich einfach zu verstehen ist. Nun, warum sollte man es lesen, wenn man mit dem Untertitel bereits weiß, was geschieht? Vlt sollte man es lesen, weil es ein Klassiker ist, weil man beginnt, die Welt mit offeneren Augen zu erblicken, wenn man den Roman gelesen hat? Das Buch veranlasste mich sogar dazu, Lübeck (T.Mann erwähnt zwar nie den Ort Lübeck, aber irgendwie weiß man es anhand der Beschreibungen ziemlich gut einzuordnen) zu besuchen, weil mir das Lesen kaum noch reichte, ich wollte es endlich sehen! Schade nur, dass vom eigentlichen Buddenbrookhaus nicht sehr viele Zimmer im Originalzustand eingerichtet sind, was etwas enttäuschend war.

Besonders muss ich die Ausgabe des Buches loben, sie ist nämlich nicht allzu schwer, in einer angenehmen größte gedruckt, und man kann es knautschen und knicken, der Buchrücken bekommt nicht diese schrecklichen Rillen – ich bin da ein bisschen pingelig:D

THE VERDICT: Diese wortwörtlichen Wucht zu bewerten ist letztlich schwer, da obgleich ein Meisterwerk, der Roman kann auch ziemlich langatmig und öde seien kann. Dennoch: Man sollte sich definitiv die Zeit nehmen, ihn zu lesen, da er einen auf gewisse Weise lehrt. 7,5 von 10 Sternen.

Love, Katha


„Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, wann sie wiederkommen?“ – Oscar Wilde

„Lies mir vor, Jungchen“

Ahoi!

Bei Schullektüre scheiden sich die Geister, während der eine Lehrer eher philosophisch gerichtete Bücher lesen lässt (z.b. „Nichts“ von Janne Teller, was ich ganz grausam fand, aber ich möchte mich jetzt nicht darüber aufregen), zwingt der andere einem ein staubiges Drama wie „Antigone“ auf. Natürlich sieht der Rahmenplan auch bestimmte Werke vor… Aber ganz selten – jedenfalls in meiner bisherigen schulischen Laufbahn – gibt es gute Lektüre.

Autor: Bernhard Schlink
OT: Der Vorleser
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 1995
Verlag: Diogenes
Preis: 9,90€ (Taschenbuch)
ISBN: 978-3257229530
Länge: 207 Seiten

Sie ist reizbar, rätselhaft und viel älter als er… und sie wird seine erste Leidenschaft. Sie hütet verzweifelt ein Geheimnis. Eines Tages ist sie spurlos verschwunden. Erst Jahre später sieht er sie wieder. Die fast kriminalistische Erforschung einer sonderbaren Liebe und bedrängten Vergangenheit.“

Copyright© Diogenes Verlag
Copyright© Diogenes Verlag

Ein Klappentext, wie er leibt und lebt, will ich fast schon sagen, er deutet auf Dinge hin, sagt aber auch nicht zu viel und macht meiner Auffassung nach sogar neugierig – Und er protz von begeisterten Pressestimmen. Bevor ich zum inhaltlichen komme, will ich noch über das Drumherum des Buches reden, denn das Cover ist alles andere als ansprechend. Natürlich ist der Roman gestaltet, wie alle anderen Diogenes Bücher auch, dieses eierschalenweiß an Vorder- und Hinterseite, mit dem Unterschied das vorne noch lieblos ein recht hässliches, aber passendes Bild (E. L. Kirchners „Nollendorfplatz“ aus 1912 hingeklatscht wurde.

Zum inhaltlichen: Michael Berg verliebt sich in die sehr viel ältere Hanna –  dabei will der nur zu ihr, um sich zu bedanken, dass sie ihm geholfen hatte, als ihm mitten auf der Straße schlecht wurde. Doch er besucht sie, sie schlafen miteinander, das Verhältnis bricht und Jahre später, bereits als Michael Jura studiert und einem Prozess als Beobachter beiwohnt, trifft er sie. Es handelt sich um einen KZ-Prozess.

Mehr möchte ich nicht verraten!

Es ist hervorragend, wie sich die Schuld, Unschuld und Gewissensfragen auftun (obwohl wie diese sogar in einer Klausur durchgekaut haben). Man stellt sich während des Lesens selbst fragen , wird selbst nachdenklich, aber auf gewisse Weise stört es keineswegs den Lesefluss.

„Genügt es, dass der Paragraph, nachdem z.B. KZ-Wächter verurteilt wurden, schon zur Zeit ihrer Taten im Strafgesetzbuch stand, oder kommt es darauf an, wie er zur Zeit ihrer Taten verstanden und angewandt wurde und dass er damals eben nicht auf sie bezogen wurde? Was ist Recht, was im Buch steht oder was in der Gesellschaft tatsächlich durchgesetzt und befolgt wird? Oder ist Recht, was, ob es im Buch steht oder nicht, durchgesetzt und befolgt werden müsste, wenn alles mit rechten Dingen zuginge?“ [B.Schlink, „Der Vorleser“ S.86, Copyright © 1995 Diogenes Verlag AG Zürich] – Ich LIEBE diese Passage, wie er es formuliert, wie die Fragen einem echten Gedankenfluss folgen, aufeinander aufbauen!

Doch irgendwie störte mich Michaels  sehr distanzierte Haltung zu sich selbst ab und an, obwohl sie auf der anderen Seite faszinierend ist. Er scheint sich selbst ein Fremder zu sein, vlt ist insofern eine Ich-Erzählhaltung nicht sehr sinnvoll. Was mir bereits zu Anfang aufgefallen ist, ist der Kontrast zwischen Sprache und Inhalt. Denn letzterer ist eher wie eine Impression, Schlink beschreibt ihn schnörkellos; präzise setzt er perfekt abgestimmte Striche auf seine Leinwand. jedoch muss ich mich als Freund von hypotaktischen, ellenlangen Bandwurmsätzen á la Theodor Fontane oder Thomas Mann aussprechen, es war also in der Abwechslung gut zu lesen, aber auf Dauer würde ich Schlinks Werke, wenn sie denn alle im selben Stil verfasst worden sind, nicht mögen – sprachlich.

Alles in einem ein Roman, der zum Grübeln und Nachdenken einlädt, manchmal etwas befremdlich, ja sogar unsympathisch ist und dessen Stil akzeptabel ist. Ich denke, dass man thematisch betrachtet, ein richtig gutes Buch vorliegen hat, perfekt umgesetzt wurde es aber nicht. Nichtsdestoweniger bin ich der Auffassung, dass man, den Film mit der hervorragenden Kate Winslet sehen sollte, er bietet ab und zu mehr Gefühl als der Roman. 3,5/5 Sternen.

Love, Katha


„Von allen Welten, die der Mensch geschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.“ -Heinrich Heine