Becks letzter Sommer

Autor: Benedict Wells
OT/DT: Becks letzter Sommer
Genre: Roman
Ersterscheinung (DE): 2008
Verlag: Diogenes
Preis: 12 Euro
ISBN: 978-3-257-24022-1
Länge: 452 Seiten

Diese Rezension enthält einen Spoiler, der farblich markiert ist.

Ursprünglich wollte Robert Beck kein Lehrer werden und nun unterrichtet er seit Jahren vom Leben ernüchtert an einem Münchener Gymnasium.  Sein Leben wird jedoch plötzlich in Schwung gebracht, als er die junge Kellnerin Lara kennenlernt und sich das erste Mal im Leben richtig verliebt. Außerdem entdeckt er im Musikunterricht ein neues Talent versucht den Außerseiter-Jungen Rauli Kantas zu fördern und endlich aus seiner Mid Life Crisis rauszukommen, merkt jedoch schnell, dass er am liebsten selbst so talentiert wäre. Neid, Liebe und ein neues Leben – alles steuert unweigerlich auf einen verrückten Roadtrip zu.

Bei meinem dritten Wells muss ich zugeben, dass meine Begeisterung leider nicht so großartig ausfällt wie bei „Spinner“ oder „Vom Ende der Einsamkeit„. Ähnlich wie „Spinner“ ist auch „Becks letzter Sommer“ eher verrückt als ernst angelegt und schildert ein buntes Abenteuer, bei welchem die Sprache einfach und die Handlung absurd ist. Zugegeben, als jemand der sich mit „Vom Ende der Einsamkeit“ in diesen Autor verliebt hat, ligt hier zweifelsohne ein krasser Kontrast zu seine früheren, eher jugendlich anmutenden Werke vor. Nichtsdestotrotz ist Becks letzter Sommer auf jeden Fall ein urkomisches Lesevergnügen und macht die ideale Sommerlektüre für Strandtage oder lange Zugfahrten her, bei dem man Lachen, ungläubig den Kopf schütteln und nachdenklich mitphilosophieren kann – denn der Roman hat auch tiefe Töne.

Was ich besonders schön gemacht fand, war die Einteilung des Buches in eine A – und eine B-Seite, ganz wie eine Schallplatte, wobei die einzelnen Kapitel jeweils Songnamen trugen. Ein kleines Detail, welches zum Charme und zu dieser Eigenheit des Romans beitragen. Wells erzählt einfach drauf los und wirkt dabei frisch und einzigartig frei vom normalen, prosaischen Erzählen. Die Mid Life Crisis Becks wird mit einem satten Tempo erzählt, doch greift dabei ernste und alltägliche Lebensthemen und –fragen auf, die jeden früher oder später beschäftigen: Mache ich das richtige im Leben? Eigentlich bin ich nicht zufrieden, aber soll ich aus der Sicherheit heraus weitermachne?

Ich habe den Eindruck, dass man daran auch erkennt, wohin Wells mit seinen späteren Romanen zielen wird. Mir haben die ernsteren Seiten in diesem Buch besser gefallen, aber ich bin mir sicher, dass das eher eine Geschmackfrage ist. Entsprechend würde ich sogar sagen, dass für jeden in diesem Roman ein bisschen dabei ist, weil Wells verschiedene Genres und Thematiken anreißen, die trotz der absurden Handlung, einfach nur sehr menschlich sind.

Ich kann leider nicht ganz spoilerfrei  bleiben, um zu umreißen, dass es ein paar Stellen in diesem Buch gibt, mit denen ich eher weniger glücklich war und die meine Einstellung zu dem Roman ein bisschen verändert haben. Dazu gehört vor allem *VORSICHT SPOILER*, dass gerade die Figur, die ihr ganzes Leben lang Angst vor dem Fliegen hatte, bei ihrem ersten Flug auf grausamste Weise bei einem Flugzeugabsturz stirbt und Benedict Wells anscheinend den Bedarf sah, das emotional ziemlich grausam zu schildern. Wie schon in „Komm her und lass dich küssen“ der niederländischen Autorin Griet Op de Beeck hatte ich Schwierigkeiten mit entwürdigend-abartigen Sterbeszenen und sicherlich tut meine persönliche Angst vor dem Fliegen dazu bei, dass ich kein Fan dieser Szene bin, doch Himmel: War es wirklich nötig, das so zu konstruieren? Und es auch noch brutal ehrlich zu beschreiben? Leider hat es bei mir ein sehr angeekeltes Gefühl hinterlassen, was die restlichen Seiten überschattet hat. *SPOLIER ENDE*.

Bei mir ist es selten, das bestimmte inhaltliche Wendungen ein Buch in der Gesamtbewertung negativ beeinflussen, aber ich muss leider sagen, dass es hier in kleinen Teilen der Fall ist. Ein bisschen enttäuscht bin ich, weil ich mir mehr etwas wie das neuste Buch von Wells gewünscht habe, aber es ist dennoch keineswegs ein schlechtes Buch. Vor allem, wer einfach ausgelassene, lustige Road-Trips mag mit Abenteuergefühlen und einem musikalischen Hintergrund und sich für nichts zu schade ist, wird wirklich Spaß und Freude an diesem Roman haben. Ich denke, man muss ein bestimmter Typ Mensch für das Buch sein.

THE VERDICT: Eine erlebnisreiche, bunte, verrückte Geschichte eines Lehrers mit Mid-Life-Crisis, die zum Lachen einlädt. Eine angenehme und ausgelassene Sommerleküre für zwischendurch, allerdings für mich nicht nachhaltig beeindruckend und leider hat es nicht ganz meinen Geschmack getroffen. 7 von 10 Sternen

Love, Katha

 

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Tagebuch einer Lady auf dem Lande

Autor: E.M. Delafield
DT: Tagebuch einer Lady auf dem Lande
OT: Diary of a provincial lady
Genre: Erzählung
Ersterscheinung: 1930
Verlag: Manhatten
Preis: 6.99 Euro
Länge: 208 Seiten
ISBN: 978-3442546916

Südengland in den dreißiger Jahren: mitten auf dem Lande schreibt eine Lady ihr Tagebuch, schildert alltäglich Verzweiflung an den spießigen Nachbarn,  Zynismus an der reichen Lady, die sie beneidet, Ernüchterung an ihrem Nichtsnutz an Ehemann und ihren Geldsorgen.

Bei diesem Buch spüre ich ein ähnliches Gefühl wie bei Timur Vermes‘ „Er ist wieder da“ – ich wollte es wirklich mögen, ich habe die ersten 100 Seiten auch genossen und gut gelacht und oft geschmunzelt über die bissigen Bemerkungen der Lady, doch irgendwann war es einfach nur immer wieder dasselbe (zum Glück ist es ein kurzes Buch) mit einem merkwürdig abrupten, unbefriedigendem Ende.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Einträge wunderbar lustig als tägliche Glosse sind und auch wirklich gut das Gefühl und die Dekadenz des Landadels in dieser sich stark wandelnden Zeit darstellt, aber so wiederholend, wie es geschrieben ist – auch wenn ich einsehe, dass diese Leben auf dem Land mindestens genauso wiederholend ist – langweilt es nach einer Weile und verliert den Esprit den es hatte. Um es gerade heraus zu sagen, so vielversprechend, wie es anfing, habe ich wirklich mehr erwartet.

Dabei fällt es recht scher mit überhaupt einer der Personen zu sympathisieren, weil alles so hochgestochen und teils auch sehr falsch schein und unsere Protagonistin auch einige Fehler hat – wie sich selbst stets als das Opfer anzusehen -, welche die wenigen Sympathiefunken wettmachen. Auch wenn es zu den modernen Klassikern gehört und ich die Weitsicht und den Hauch von modernen Ansichten in einer altmodischen Gegend erkannt habe, denke ich keinesfalls, dass es ein Buch ist, dass man gelesen haben muss.

Zu dieser Ausgabe: Selten hat mich eine Ausgabe so aufgeregt wie diese. Nicht nur ist dieses in keinerlei Weise passendes Cover eine optische Beleidigung, sondern die Idee die Übersetzungen die französischen Sätze Mademoiselles in einen Anhang (und nicht mal alles zu übersetzten, sondern nur längere Sätze oder ganz inkonsequent dann und dann einzelne Wörter) zu stecken. Ich spreche leider kein Französisch und fand es entsprechend sehr nervig ständig blättern zu müssen – Der Gebrauch von Fußnoten war wohl nicht bekannt.

THE VERDICT: Ein klassischer Fall der U-Bahn-Lektüre: flott, kurzweilig, recht amüsant, aber leider nicht nachhaltig beeindruckend und oft wiederholend. Ich hatte mehr erhofft! 4 von 10 Sternen.

Love, Katha

Unsere Seelen bei Nacht

Autor: Kent Haruf
OT: Our Souls at Night
DT: Unsere Seelen bei Nacht
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Orignial Ersterscheinung: 2015
Verlag: Diogenes
Preis: 20 Euro (Gebunden)
ISBN: 978-3257069860
Länge: 208 Seiten

Als Addie Moore bei ihrem Nachbarn Louis Waters an der Tür klingelt, ahnt er noch nicht, wie sehr das sein Leben verändern wird. Addie macht ihm einen Vorschlag: Da ihre beiden Partner ja verstorben seien und es Nachts doch so einsam sei, könne er dann nicht ab und zu bei ihr übernachten? Etwas verwirrt und von sich selbst überrascht stimmt Louis schließlich zu. Doch in einer Kleinstadt bleibt nichts geheim. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der Stadt und nicht nur die gleichaltrigen Nachbarn schämen sich, sondern auch ihre eigenen Kinder wollen sie überzeugen, dass sie einfach nur peinlich sind. Addie und Louis entpuppen sich jedoch schnell als starkes Team.

In erster Linie hat mich der bezaubernde Titel dieses Buches angelockt, er wirkte so ehrlich und melancholisch. Vielleicht hätte ich das Buch nicht gelesen, wenn ich kein Rezensionsexemplar gewonnen hätte. Deshalb bin ich gleich doppelt glücklich, denn dieser kurze, bewegende Roman ist eine Bereicherung!

Was als erstes sofort auffällt: Es gibt keine Anführungszeichen bei wörtlicher Rede. Zunächst war es unglaublich gewöhnungsbedürftig, mir war, als fehle es dem Buch einfach an Form. Doch spätestens nach 10 oder  15 Seiten wirkte dieser freie, einfache Schreibstil so herrlich echt. Es ist faszinierend, wie Haruf nahe zu nur mit wörtlicher Rede es schafft, zwei tolle Charaktere mit liebevoller Urigkeit und Tiefe zu bilden. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass es mir so gut gefallen könnte. Denn auch wenn ich Dickens, Fontane und Goethe für ihren imposanten, teils ausschweifenden Stil liebe, zeigt Haruf, dass es auch anders geht, ohne dass die Iinhaltliche Qualität oder die Plastizität der Figuren darunter leiden – ganz im Gegenteil!

Außerdem heißt es, dass eine Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford in Vorbereitung sei. Denn gerade auf Grund des Drehbucharigen Charakters dieses kurzen Romans kann ich mir vorstellen, dass eine authentische Verfilmung hier gut möglich seien. Ich bin sehr gespannt auf diesen Film!

Mir gefällt nicht nur die Einfachheit dieses Buches, sondern auch, wie es mich aus der Reserve gelockt hat, meine Vorurteile über „einfach“ geschriebene Bücher in einem Zack verloren gegangen sind. Ich bin mehr als positiv überrascht. Der englische Begriff „Straightfoward“ trifft es wohl am besten, schlicht, direkt, mitten ins Herz.

Andererseits muss ich sagen, auch wenn es eine wunderbare, leichte Geschichte ist, wie ein schöner Sommertag, den man genießt, kann ich es mehr als Lektüre für Zwischendurch empfehlen, wenn man etwas heiteres, was aber auch nachdenkliche, berührende Seiten hat, braucht. Am besten im Sommerurlaub. Denn auch, wenn es mir gefällt fehlt mir ein Funken, damit ich sagen kann, dass ich es wahrlich liebe.

Was mir das Herz bricht ist, wie viel Liebe in den Charakteren steckt und wie gerne man noch viel mehr von ihnen und mit ihnen erfahren möchte, aber man weiß, da es Harufs letztes Buch ist, dass keins mehr erscheinen wird. Allerdings – das sei gesagt – weiß ich jetzt schon, dass ich mehr von diesem Autor lesen möchte.
In dieser Hinsicht kann man das Buch als vielfach erfolgreich bezeichnen: Es hat geschafft mich zu begeistern und für mehr zu inspireren.

Zu dieser Ausgabe: Das schlichte Diogenes-Cover mit der gelben Hauswand und den sommerlichen Lichtflecken passt gut zu der warmen, frischen Stimmung des Buches und dessen Inhalt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich den Preis für ein recht dünnes und groß gedrucktes Buch etwas happig finde, auch wen der Inhalt wunderbar ist.

Zu Guter letzt möchte ich der Seite „Vorablesen“ danken, dass ich dieses tolle Rezensionsexemplar erhalten habe.

THE VERDICT: Ein besonderer, manchmal lustiger, meist bittersüßer Roman in schlichter, präziser Sprache über das Altern und dass man nie zu alt für irgendwas Neues ist. 8 von 10 Sternen

Love, Katha

Das Celtic Cottage – The Irish Pub

Moinsen!

Es gibt ihm Süden der Stadt ein Pub, in welchem ich mich in letzter Zeit ab und an getummelt habe und eigentlich auch ziemlich begeistert davon bin, dass es mich schon wundert, dass ich erst jetzt davon schreibe. Zugegebenerweise muss ich sagen, dass ich ein Fan von Irish Pubs bin – und das fängt bei der Einrichtung an! Deshalb stelle ich euch heute das traditionelle und urige Celtic Cottage vor.

Wo? Markelstraße 13, 12163 Berlin (Steglitz)
Wann? Täglich ab 9 Uhr
Was? Bier, Whisky, Cider, grandiose Schokomuffins und ein Pubquiz
Preise? Moderat
Webseite: celtic-cottage.de

Somit kann man praktisch mit der U9 bis U-Bahnhof Walther-Schreiber-Platz fahren und die restlichen paar Meter die Schlossstraße hochlaufen, um schließich in die bezaubernde Markelstraße einzutreten, die von hohen, geschnörkelten Altbauten, wie man sie sich nur erträumen kann, gesäumt ist. Eine Prise Klassizismus, ein Hauch Jugendstil weht durch die Straße, an dessen Ende sich bereits von weitem ein gelb-grünlich-irisches Leuchten (zumindest im Dunkeln) bemerkbar macht: Das Cottage.
Und es lässt sich tatsächlich sagen: Nomen est Omen, das Cottage ist ein bisschen eng, aber sehr gemütlich. Mag man rauchen, so soll man es doch vor dem Pub tun, so dass drinnen halbwegs gute Luft herrscht – je nachdem, wie viele Lungen dort ebenfalls Luft schnappen wollen, kann es sehr heiß und stickig werden. Wie für einen Irish Pub typisch ist die Einrichung: ganz viel geschnitzes Holz, sowohl als Täfelung, als auch bei den Möbeln bemerkbar.
Das Highlight des Pubs ist sein berühmtes Pubquiz, welches jeden Montag um 20 Uhr stattfindet und bereits über 10 Jahre besteht. Dabei muss man sich allerdings mindestens 2 Stunden früher einfinden, damit man Platz bekommt, denn das sagenumwobene Pubquiz feiert große Beliebtheit. Besonders schrullig dabei sind die 2 Moderatoren – und wie immer gilt: es wird nicht nach der richtigen Antwort gesucht, sondern nach der Antwort, die die beiden für richtig halten! Der Spaß hat übrigens eine Teilnahmegebür von 1€, aus welcher sich schließlich auch der Jackpot, den man am Ende des Pubquiz‘ gewinnen kann, finanziert. Gefragt beim Quiz ist unnützes Wissen der Art Fakten, die man irgendwann vielleicht man gehört hat und ganz weit hinten im Kopf vergraben in den staubigsten Schubladen auffindet – hoffentlich! Gewinnen kann man übrigens eine Flasche Whisky, die man sich aus drei verschiedenen aussucht. Die Verlierer (niedrigste Punktzahl) hingegen erhalten saure Gurken. Besonders lustig ist, dass wenn man eine besonders dämliche, ja gar absurd-kreative Antwort angibt, auch ein ebenso lusitges Geschenk erhalten kann.
Habe ich schon genug geschwärmt? Ach ja, der Muffin! Es gibt für fast 4€ im Pub einen so göttlichen Schokomuffin, der sogar mit Sahne serviert wird, dass ich ihn jedens Mal bestelle, wenn ich da bin. Theoretisch würde ich sogar für diesen Muffin da hin fahren! Außen mit Schokostücken beschmückt, in seinem Herzen weich und mit warmer Nugatsoße gefüllt, ist dieser Muffin eine Geschmacksexplosion, ein reines Feuerwerk für jedes Naschkatzenherz! Natürlich ist der frischgezapfte Cider und die restliche Alkoholauswahl auch super.
Ab und an kommt auch der sogenannte „Brezelmann“ vorbei, der in einem Korb im Arm, warme, leckere Brezeln aller Art verkauft.
Sagte ich, ich möge diesen Pub? Ich bin herzlich gerne da und kann jedem, der nach Berlin kommt, der in Berlin lebt, der in der Nähe wohnt oder auch nicht, empfehlen besonders am Monatg zum Pubquiz zu kommen. Man trifft tolle Leute, ist megamäßig frustiert von den schweren Fragen und kann dazu den himmlischsten Muffin in Berlin essen – leider bin ich nicht als einzige so begeistert, denn es ist rappelvoll und entsprechend stickig! Doch es lohnt sich! Von ganzem Herzen gebe ich 9 von 10 Punkten.

Love, Katha

Kolumne: In der Thunfischdose

Oder: eine Ode ans U-Bahnfahren.

Berlin hat seinen gewissen Charme, der durch allerlei vertraute und manchmal auch überraschende Liebenswüridgkeiten ausgemacht wird. Manche denken dann an die Hipsterviertel Kreuzberg oder Prenzlauerberg mit ihren alten Straßen, die bunte und sich klimaktisch nach ihrer Exotik steigende Cafés säumen, oder an die vielen schmucken Altbauten. Doch zuerst muss man dahin gelangen – und das ist eigentlich noch viel spannender.

Ich habe, man sehe vom GDL-Streik und anderen winterlichen Weichenkrisen ab, das Gefühl, dass Berlin doch ein recht gutes und meist zuverlässiges Verkehrswesen hat, was einen schnell von A nach B bringt, vorausgesetzt man befindet sich nicht in der absoluten Einöde der Randbezirke, die inoffiziell schon nach Brandenburg aussehen. Bus, im Osten der Stadt Tram, S-Bahn und U-Bahn schleppen einen ganz gut durch die Gegend.

Es gibt viel über U-Bahnfahren in Berlin zu sagen und fährt man erstmal regelmäßig durch dieses Metropolenwirrwarr, bekommt man eine ganz andere Sicht auf die Öffis. Wer mit mir U-Bahn fährt, ist schon von vornerein zu bemitleiden, denn ich rege mich regelmäßig über die nicht vorhandene Ästhetik von optischen Scheusale wie Bayerischer Platz, Halemweg oder Berliner Straße auf. Dazu ein anderes Mal mehr. Jetzt mal wirklich: diese Decke der Berliner Straße ist so beängstigend-erdrückend niedrig, dass man beim Anblick zu ersticken vermag, zudem ist Bahnhof in ein plastikartiges, versifftes Weiß getaucht, dass man sich fühlt wie in einer verschimmelten Psychartriezelle, wobei die blutroten Emaillefliesen noch zusätzlich Torrero-Stier-artige Wutanfälle erzeugen.

Aber eigentlich möchte ich von meinen schönen U9-Erlebnissen berichten. Für alle Nicht-Berliner: Die ca. 13km lange charakteristisch orange-markierte U-Bahnlinie pendelt zwischen Osloer Straße (im Norden Berlins) und Rathaus Steglitz (Süden Berlins) und trifft dabei im Herzen der Stadt auf den sagenumwobenen Zoologischen Garten. Aus mir unersichtlichen Gründen ist diese Linie immer voll. Sagte ich voll? Überfüllt. Zugegebenermaßen, keine Tokio’schen Zustände, aber durchaus voll. Wenn ich Freitag abends gen Steglitz fahren will oder um drei Uhr nachmittags am Dienstag zur Turmstraße möchte, stets fühlt man sich wie in einer Thunfischdose – um ehrlich zu sein, manchmal auf olfaktorisch.

Dennoch fahre ich gerne mit dieser Linie. Vielleicht, weil ich mich gerne über den U-Bahnhof Berliner Straße aufrege, vielleicht weil ich das bereits eingegraute Babyblau des Bundesplatzes mag, oder einfach die bunten Kacheln der Spichernstraße heimlich feier, vielleicht steh ich auf die grauen Wände des Hansaplatzes oder diese wunderbare Blau-Orange-Augenkrebskombi der Schloßstraße, oder ich fahre einfach gerne mit den uralten Wagen der Berliner U-Bahn, wo die Bezüge der Sitze markenzeichlich mit rot-blauen Fleckchen besprenkelt sind.

Und dann soll jemand sagen, man sieht beim U-Bahnfahren nichts. So ein Blödsinn.

Love, Katha

P.S. Verantwortlicher für dieses optische Scheusal ist Rainer G. Rümmler.

Nadelstreifenanzüge der Tafelrunde

DT: Kingsman – The Secret Service
OT: Kingsman – The Secret Service
Genre: Action-Trash-Komödie, Agentenfilm
Cast: Colin Firth, Taron Egerton, Samuel L. Jackson, Mark Strong, Michael Caine
Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn
Musik: Henry Jackman, Matthew Margeson
Erscheinungsjahr: 2014
Länge: ca. 129 Minuten
FSK: ab 16 Jahren

Nachdem Agent Lancelot getötet wurde, sucht Harry Hart alias Galahad (Colin Firth) , ebenfalls Geheimagent bei den Kingsmen, welche im Verborgenen die Welt retten, einen Nachfolger und schlägt dessn Sohn Eggsy (Taron Egerton) vor. Dieser lebt jedoch in einem Londoner Slum und als er auf die anderen vorgeschlagenen Kingsmen trifft, findet er einen äußerst elitäre Gruppierung vor, in welcher er sich hochkämpfen muss, denn  nur einer wird weiterkommen.
Unterdessen versucht der Milliardär Valentine (Samuel L. Jackson) mit einem heimtückischen Plan, die Weltbevölkerung zu minimieren mittels eines globalen Komplotts, gegen welches Harry und auch bald Eggsy ankämpfen – wie ein Gentleman.

Colin Firth als schicker Geheimagent in einem Nadelstreifenanzug mit einem kugelsicheren Regenschirm, Samuel L. Jackson als ein lispelnder Bösewicht in pseudo-Rapperkleidung mit einem sehr verrückten Plan und Mark Strong in der Rolle des strengen nicht bösen, aber sehr strikten Agenten. So gesehen also ein wildes Kuddelmuddel an Agentenparodie vom feinsten! Betrachtet man diese wundervolle Besetzung (man vergesse nicht Michael Caine!), so lohnt sich schon hier der Gang ins Kino.

Man kann natürlich sagen, dass man alles schon mal ein bisschen gesehen hat, z.B. den Kugelschreiber mit Gift, die Ausbildung mit dem Jungen aus dem Slum gegen die reichen Schnösel, Männer in Anzügen, die die Welt retten und alles ziemlich übertrieben, überzogen und urkomisch – und genau das ist der große Pluspunkt! Es ist ein bisschen wie eine moderne Version der Ritter der Tafelrunde mit ein wenig James Bond Flair.
Obgleich der Humor manchmal wirklich überaus unter der Gürtellinie ist, kann man einfach nicht anders, als Lachen und ein bisschen verwirrt gucken. Dabei geht Harry Hart auch über Leichen und das irgendwie auch nicht gerade wenig…

Dazu ein solider Score , der aus einer saftigen Mischung actionreicher Melodien sowie Oldies besteht, nicht ganz mein Geschmack, passt aber ganz gut zur Stimmung des Filmes.

THE VERDICT: Eine verrückte, abgedrehte,  recht trashige, aber dabei kein bisschen schlecht gemachte Agentenkomödie mit einer wundervollen Besetzung und vielen herrlichen Lach- und WTF-Momenten – deshalb 6 von 10 Sternen.

Love, Katha

We’re all made of glue

Hallo!

Zunächst wünsche ich jedem Leser natürlich einen guten Start in den Mai 😉

Es gibt immer Bücher, die man liest und zu einer bestimmten Kategorie gehören, die man gerne liest. Bei manchen sind das Abenteuerbücher, Sci-Fi, Thriller, Liebesgeschichten und weiß der Geier was. Bei mir sind es mit Tendenz Abenteuer- und Historienromane bzw. Klassiker. Meistens jedenfalls, denn es gibt diese eine, etwas schräge Autorin, deren Bücher von sehr seltsamer Natur sind, die ich aber dennoch gerne lese, obwohl sie aus der Reihe fallen (oder vlt gerade deshalb?).

Autor: Marina Lewycka
Titel: Das Leben kleben
Genre: Humor
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 2010
Verlag: dtv
Preis: 9,95€ (Taschenbuch)
ISBN: 978-3423213493
Länge: 464 Seiten

Sie begegnen sich zufällig an einem Müllcontainer: Georgie Sinclair, neuerdings alleinerziehende Mutter, und Mrs Shapiro, eine verschrobene alte Dame mit sieben Katzen, einer Vorliebe für Schnäppchenjagd und die großen russischen Komponisten – und einem Geheimnis aus der Zeit des Krieges.“

Copyright©Deutscher Taschenbuch Verlag

Es sollte der Sommer werden, in dem ich alle bis dato von Marina Lewycka verfassten Bücher lesen sollte, ihr damals neustes war mein Erstes. Georgies Leben ist ziemlich verwahrlost und durcheinander: sie schreibt über Klebstoff in einem Fachmagazin und ihr Sohn zieht sich im Internet Weltuntergangwebsites rein. Sie begegnet der sehr komischen und schrulligen Naomi Shapiro, die in einem riesigen Haus lebt, auf welches die Makler ein Auge gefasst haben und sie deshalb unbedingt in ein Altersheim einliefern wollen – ganz gegen ihren Willen. Georgie stürzt in ein Abenteuer, welches wohl das Chaos in Person ist und ihr Leben wird eine 360 Grad Wendung machen.

Die Geschichte wird mit einer enormen Herzenswärme und Selbstironie erzählt, die einen mit jenem genialen Humor aber auch aberkomischer Tiefheit zum Lesen zwingen. Es ist mir, als beweise dieses Buch, das die ganzen verrückten, humorvollen Romane, wie z.B. Jonas Jonassons „Hundertjähriger“ nichts gegen so menschliche Geschichten sind, die einem den wohl schönsten Humor auf die Lippen zaubern. Skurril, urig, eigen – und zauberhaft geschrieben, dieses Buch hat einen eigenen Charakter, was ich nur als hervorragend befinden kann!

THE VERDICT: Manchmal ist der Roman schon heftig, wie z.B. als Georgies Sohn einen epileptischen Anfall bekommt. Aber mit all den Makler Intrigen, des großen Familiengeheimnisses der Mrs Shapiro und der tollen Ich-Erzählerin Gerogie, kann ich dieses Buch nur weiterempfehlen. Denn irgendwie ist er auch Klebstoff für einen selbst.Außerdem ist das Cover, wie bei allen Lewycka-Büchern sehr ansprechend und lustig! Ein kleiner Abzug auf Grund des etwas schmalzigen Endes, das nicht unbedingt mit dem Rest des Romanes harmoniert.  8 von 10 Sternen.

Love, Katha


„Optimismus ist die Fähigkeit, den blauen Himmel hinter Wolken zu ahnen.“ – Madeleine Robinson