Fasanenmörder

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Autor: Jussi Adler-Olsen
DT: Schändung
OT: Fasandræerne
Genre: Thriller, Krimi
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 2008
Verlag: dtv premium
Preis: 14.95 €
Länge: 485 Seiten
ISBN:978-3-423-24787-0

Der zweite Fall für Carl Mørck

Ein Leichenfund in einem Sommerhaus in Rørvig. Ein Geschwisterpaar ist brutal ermordet worden. Der Verdacht fällt auf eine Gruppe junger Schüler eines Privatinternats, die für Gewaltorgien bekannt sind. Erst Jahre nach dem Mord ist einer von ihnen geständig. – Zwanzig Jahre später. Als Carl Mørck vom Sonderdezernat Q für unaufgeklärte Fälle in Kopenhagen aus dem Urlau zurückkommt, hält ihm sein Assistent Hafez el-Assad die alte Rørvig-Akrte vor die Nase. Niemand weiß, warum sie aufgetaucht ist. Der Fall war schließlich geklärt. (…) Als den Ermittlern von oberster Stelle weitere Nachforschungen strikt verboten werden, ist ihnen sofort klar, dass hier etwas zum Himmel stinkt. Die Spuren führen hinauf bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft (…) und die führen ganz weit nach unten, zu Kimmie, einer Obdachlosen (…). Diese Frau scheint etwas zu wissen, das drei höchst einflussreichen Männern zum Verhängnis werden könnte (…) [Klappentext]

Erneut das typische Dilemma von deutschen Titeln „Schändung“, brutal und abartig steht im Kontrast zu dem viel orignielleren dänischen Titel „Fasanenmörder“. Zwar passen beide inhaltlich sehr gut zum Buch, allerdings finde ich es immer fragwürdig, wenn man derart vom Original abweicht. Es wird sogar eher eines Klischees bedient: Oh, ein skandinavischer Krimi – her mit dem Einworttitel! Und das Cover… Hier, Blut und ein Messer: locken wir doch die ganz gewaltgeilen an. Persönlich halte ich es für ein bisschen zu dick aufgetragen.

Aber es gibt sehr viel Gutes zu sagen, um es vorweg zu nehmen: Hier folgt eine Lobeshymne1
Jussi Adler-Olsen schafft es erneut einen schrecklichen Fall zu konstruieren, der nach und nach entkleidet, noch immer furchtbar spannend ist. Besonders im Fokus steht nicht nur das Verbrechen an sich, sondern auch die Perspektivwechsel, welche dieses Katz-und-Maus-Spiel bestärken: Zum einen natürlich aus Mørcks Sicht, er und sein Assistent Assad erhalten eine neue Mitarbeiterin, Rose, und wie nur typisch für Mørck ist er schlichtweg ablehnend. Obwohl Morck wahrscheinlich ein ziemlich anstrengender Mensch ist, grummelig und ein nordischer Bär, schließt man ihn doch durch seine enorme Motivation und Schlagfertigkeit irgendwie ins Herz. Assad und er sind wie Pech und Schwefel, sie ergänzen sich auf eine tolle Art und Weise. Das ist für mich auch ein Grund, weshalb mir die Reihe so gut gefällt, man wird süchtig diese Figuren noch besser kennenzulernen.
Eine weitere Perspektive sind natürlich die ganz Reichen und Feinen, die mehr als nur ein bisschen Dreck am Stecken haben. Manchmal wird hier schon ein das ein oder andere Klischee verwendet (und zugegeben nervt es irgendwann, wenn das Personal zum dritten Mal vergewaltigt wird), aber gleichzeitig ist auch ein Hauch von einer Kritik an der Gesellschaft zu finden: Warum lassen wir es zu, dass die Reichen Poltik und Justiz bestechen, um fröhlich weiter zu – im Extremfall- morden oder Tiere zu quälen?  Ein ganz großes Thema, so dünkt mich, ist bei Adler-Olsen nicht nur das Verbrechen, sondern die schreiende Ungerechtigkeit und der Wille, diese aufzudecken, ein Exempel zu statuieren.
Am wichtigsten jedoch ist Kimmie: Wie bereits im ersten Fall Mørcks ist die Sichtweise des „Opfers“ wichtig. Hier ist es allerdings ein bisschen komplexer, mal ist man in der Vergangenheit, dann in ihren etwas schizophrenen Gedanken – faszinierend und artig –  , nach und nach erfährt man gerade so Details, was sehr spannend ist, kann mitdenken und den Fall verstehen – aber, wie ich schon sagte, es ist mehr als nur das Aufklären.

Nägelkauend auf der Couch sitzen und Seite um Seite umblättern, um endlich erlöst zu werden, um endlich eine Klarheit zu erfahren. Das ist das Geniale an Adler-Olsen. Er verwendet jedoch auch ziemlich brutale Mittel und mir kommt es fast schon fragwürdig vor, dass ich derartige Literatur gut finde, in der Vergewaltigung und Schändung das Leitthema sind.
Ich bin definitiv gespannt auf den nächsten Fall, jedoch muss ich sagen, dass ich zwischendurch auch andere Literatur für mich brauche, um nicht komplett verrückt zu werden von dieser grässlichen Welt.

THE VERDICT: Ein sehr gelungener, spannender, grässlich-brutaler zweiter Fall für einen wunderbaren Kommissar und seinen schrulligen Assistenten. Empfehelnswert für jeden, der nicht vor schonungsloser Gewalt zurückhält: 8 von 10 Sternen.

Love, Katha

Quellen
Cover

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Es gibt kein Erbarmen

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Autor: Jussi Adler-Olsen
DT: Erbarmen
OT: Kvinden i buret
Genre: Thriller
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 2009
Verlag: dtv
Preis: 9.95€ (Taschenbuch)
Länge: 432 Seiten
ISBN: 978-3423212625

Der erste Fall für Carl Mørck

Als die dänische Politikerin Merete Lynggaard 2002 wie vom Erdboden verschluckt wird, bleiben die ratlosen Ermittler vor einem schwierigen Fall – der ungelöst in die Akten geht. Fünf Jahre später wird durch die Regierung veranlasst ein Sonderdezenat gegründet, um alte Fälle aufzurollen, den Job erhält der wieder in das Berufsleben findende Carl Mørck und stellt schon schnell fest, dass Lynggaards Verschwinden kein Selbstmord war.

Diese Geschichte ist der absolute Albtraum einer Frau: Eingesperrt in eine dunkle Druckkammer, über Jahre hinweg gequält. Der Plot teilt sich in zwei Stränge auf: zum einen die Sichtweise der entführten und leidenden Merete, auf der anderen Seite der etwas griesgrämige Kommissar Carl Mørck, so dass der Fall für den Leser nach und nach aufgerollt wird, kleine Hinweise gegeben werden und man sehr gut nachvollziehen kann, wie sich das Ereigniswirrwarr zu einem logisch-grausamen Konstrukt ergibt.
Denn wie der Titel „Erbarmen“ unschwer erkennen lässt, ist dies kein einfacher Thriller. Es ist absolute Grausamkeit, sowohl körperlich brutal, als auch psychologisch und absolut nichts für leicht besaitete.
Und dennoch, so sehr es den Leser auch quält, was das Opfer Merete durchmachen muss, kann man kaum loslassen von diesem Roman. Besonders schrecklich in Erinnerung geblieben ist mir die Szene, in der Merete Zahnschmerzen hat und ihre Entführer ihr durch eine Art Schacht eine rostige Zange hochschicken – denn das Opfer, obgleich sie sich in der blinden Dunkelheit befindet, wird beobachtet und sobald sie etwas falsches tut, zieht das Konsequenzen, wie z.B. dass der Druck im Raum erhöht wird.
Ich glaube, man kann es kaum anders sagen als grausam und pervers – und dennoch so schrecklich fesselnd, denn der Glaube an Gerechtigkeit und diese Kraft Carl Mørcks stecken an, man hofft unentwegt und fiebert mit Zähnen aufeinandergebissen auf eine Lösung hin. Denn warum bzw. wofür muss Lynggaard leiden?

„Erbarmen“ lebt nicht nur durch die Storyline, sondern auch seinen urigen, etwas eigenen und nicht immer so sympathischen Ermittler – der im Laufe des Romans Unterstützung durch den sehr lustigen Assad erhält. Ein sehr gegensätzliches, aber tolles Paar!

THE VERDICT: Dieses Buch ließ mich nicht in Ruhe und noch viel schlimmer, mir stockte gar der Atem. Ich bin selbst erschrocken, wie mich etwas so Böses, Ekeliges begeistern kann und so muss ich nur sagen, dass ich „Erbarmen“ wirklich empfehle – allerdings nicht als Einschlaflektüre! 8,5 von 10 Sternen.

Love, Katha

Quellen
Cover