Klassiker lesen

Moinsen!

Ich werde heute einfach ins kalte Wasser springen und ein Herzensthema aufgreifen, über das ich schon lange schreiben wollte: Klassiker. Ich weiß, dass es da draußen einige Blogger und Bloggerinnen (die ich nicht namentlich nennen werde) gibt, die Klassiker nicht mit Sternen bewerten, weil es Klassiker sind – ich bin natürlich der festen Überzeugung, das jeder auf seinem Blog so bewerten und schreiben soll, wie er möchte, und ich will keineswegs diese BloggerInnen damit angreifen, vielmehr hat mir diese Entdeckung eher einen Denkanstoß gegeben, mal über Klassiker zu schreiben, denn auch wenn ich hier gern welche rezensiere, scheint es mir, als gäbe es wenige, die darüber schreiben. Manchmal komm ich mir vor, wie ein Fossil oder eine etwas staubig gewordene Uhr in einer dunklen Ecke eines Raritätenladens: Mein Blog ist mein kleines Hobby, aber gleichzeitig auch mit dem tiefsten Wunsch verbunden, andere Menschen für Dinge, die mich begeistern, anstecken zu können. Ich möchte gern davon überzeugen,  dass Klassiker ganz fern ab von obligatorischer Universitäts- oder Schullektüre begeistern können, dass es viele Nischen gibt und genauso wie bei den frischesten Neuerscheinungen ordentlich Diskussions- und Austauschpotential herrscht!

Ein kleiner Exkurs: Ganz oberflächlich gesprochen, glaube ich generell sagen zu können, dass es sehr schwierig ist, präzise mit Sternen zu bewerten. Bei mir geschieht es oft eher aus dem Bauchgefühl heraus (und manchmal vergleichend mit anderen Büchern) als nach einer festen Regel. Warum man Sterne-Bewertungen kritisch betrachten sollte, hat meine beste Freundin Charlie auf ihrem Blog bereits vor einigen Monaten erörtert, wen das interessiert, dem lasse ich gerne den Link dazu hier.

Dennoch finde ich es schwierig pauschal zu sagen, dass abzulehnen, Klassikern im Gegensatz zu allen anderen Genres die Bewertung zu verweigern, unter der Begründung es seien nun mal Klassiker. Das kann man auf verschiedene Weise interpretieren, ob es nun an ihrem hoheitlichen Status liegt oder an etwas anderem, ich weiß es nicht genau.

Nicht jeder Klassiker ist gleich, nur weil sie alle unter der Kategorie „Klassiker“ in einer Buchhandlung gefunden werden können –  und moderne Klassiker sind meistens eine ganz andere Geschichte. Klassiker zu sein ist keineswegs ein Gütekriterium für hochwertige Literatur, meines Erachtens nach gibt es sicherlich genauso viel Schund wie glänzende Literatur wie unter jeder anderen Genre-Kategoie.

Ich glaube auch, dass viele Respekt vor Klassikern haben und vielleicht ist gerade das manchmal auch zu viel des Guten. So frei nach dem Motto „es ist ein Klassiker, es ist unantastbar“. Ich glaube daran nicht: schließlich ist das so als würde man sagen, dass man momentan gehypte Bücher nicht schlecht bewerten könne – nur, dass Klassiker ihre Beliebtheit über lange Zeit behalten haben. Was heute ein Klassiker ist, kann in 50 Jahren zwar noch immer einer sein, der aber langsam in der Versenkung der Unbekanntheit verschwindet. Klassiker sind keine besseren Bücher – es sind einfach alte Bestseller, wenn man es grob sagen will. Deshalb glaube ich, muss man Klassiker auf jeden Fall auch bewerten, wie jedes andere Buch auch (was nicht zwangsläufig in Form von Sternen / Herzen / glitzernden Einhörnern o.Ä. passieren muss). Sie enthalten keinen Bonus.

Wer bestimmt, was ein Klasssiker ist?

Aber was macht eigentlich einen Klassiker? Ist es nur das Beliebtheitskriterium? Hier kann ich nur aus dem Gefühl heraus sprechen, ich habe keinerlei empirisches Material oder literaturwissenschaftliche Fachkenntnis. Schaut man sich in einer Buchhandlung oder in den Untiefen des Internets um, wird man feststellen, dass manche Bücher immer als Klassiker gelten, wie „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen. Andere Werke, besonders fantasy- und science fiction-spezifische Klassiker findet man meist wo anders. Außerdem gibt es auch die Frage nach dem Kanon, also: Was soll gelesen werden? Es gibt etliche dieser Listen, die sich meist genau in einer Sache unterscheiden: Den Menschen, die dahinterstecken. Schaut man sich die ZEIT Liste der 100 Bücher auf Wikipedia an, entdeckt man Rezensenten wie Marcel Reich-Ranicki, die sagen, was man lesen sollte (unabhängig des persönliches Geschmacks). Wirft man jedoch einen Blick auf Beliebheitslisten, sind Einordnungen oft verzerrter und bieten mehr Überblick über das was tatsächlich gelesen wird. Es gibt meines Erachtens nach nicht die eine geniale und über alles stehende Liste, aber es ist doch hilfreich, auf diese „professionellen“ und laienhaften Listen, wie es sie auch auf Goodreads gibt, zu blicken und sich Inspiration zu suchen.

Klassiker finden

Was  wichtig ist, wenn man anfängt, sich in die Klassiker-Welt zu bahnen, ist, dass man nicht Bücher zwangsläufig liest, weil sie „ein Muss“ sind, wenn sie einen nicht im geringsten interessieren (es ist natürlich ganz anders, wenn man dies aus germanistischen Gründe tun möchte). Vielmehr ist es wichtig, nach ähnlichen Themen zu greifen, die man in der zeitgenössischen Literatur auch lesen würde. Beispielhaft wäre hier mein Faible für Liebesgeschichten, entsprechend würde ich zu AutorInnen wie Jane Austen oder den Brontë Schwestern greifen. Wenn mich Detektivgeschichten faszinieren, dann dürfe einem vielleicht Sir Arthur Donan Coyle oder Agatha Christie gefallen. Wenn mich gesellschaftskritisches fasziniert, dann sei es „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Selbiges gilt für Familiensagen, Schauerwerke, Science Fiction und Fantastisches – man wird genauso fündig und ich denke, es erleichtert einen den Einstieg in die Welt der „alten“ Literatur. Es ist einfach, als würde man ein Archiv besuchen und statt eines historischen Romans über die Regency Zeit einfach einen Zeitzeugenbericht lesen. Für mich liegt darin der Charme eines Klassikers: Zeitreisen, alte Wörter entdecken, andere Denkweisen und Konventionen kennenlernen oder einfach gesagt: eine neue Perspektive gewinnen.

Zunächst etwas ganz offensichtliches: Moderne und „alte“ Klassiker lesen sich ziemlich unterschiedlich, aber man kann keineswegs sagen, dass ein Roman, der näher an unserer Zeit liegt, leichter zu lesen sei. Manchmal kann gerade die moderne, etwas experimentelle Literatur sogar deutlich schwerer zu lesen sein, als deutlich ältere Bücher, was ich bei Virginia Woolfs „Fahrt zum Leuchtturm“ feststellen konnte. Pauschal lässt sich wenig bis nichts über den Zusammenhang von Alter eines Romans und den Schwierigkeitsgrad des Schreibstils sagen, denn wo ein Theodor Fontane eine Landschaftbeschreibung nach der nächsten setzt und Charles Dickens eine Figur in aller Ausführlichkeit charakterisiert, ist ein E.M. Forster ganz strikt und arbeitet reichhaltig mit schlichten Dialogen.

Kritisches Lesen

Noch wichtiger: Man muss sich auf jeden Fall auch kritisch mit Klassikern auseinandersetzten, nicht nur, weil sie möglicherweise rassistische Begriffe verwenden, sondern meist auch ein Meinungsbild einer Gesellschaft zeichnen – manche Autoren arbeiten mit Sarkasmus und Metaphern, andere weise auf die Folgen von gewissem Verhalten und Taten, wie Ehebruch bei Madame Bovary, auf tragische Weise hin. Stets mit seinen modernen Augen einen Schritt zurücktreten und sich mit diesen Werken kritisch auseinanderzusetzten ist meines Erachtens nach wichtig: Ist das historisch überhaupt korrekt? Aus welcher Sichtweise wird dieser Klassiker geschrieben? Natürlich gilt das genauso gut für moderne Literatur!

Bei Klassikern tritt Rassismus und andere Formen von Diskriminierung ganz anders auf, als in zeitgenössischen Literatur: die Meinungen  gehen auseinander, wie man damit umgehen kann und sollte, es fängt bei beispielsweise rassistische, sexistische, homophobe, antisemitische (die Liste ist lang) Bemerkungen, Kommentare oder Wörter an und geht hin zur verzerrten oder brutalen Darstellungen.

Gerade diese Erfahrung habe ich in Géza Gárdonyis Werk „Die Sterne von Eger“ gemacht, wo die political correctness total zweifelsohne auf der Strecke bleibt – jedoch denke ich, dass es irgendwie okay ist, dass wir uns in diese Zeit versetzten müssen und sehen werden, dass früher so gesprochen wurde, dass Klassiker auch ein historisches Zeugnis sind und wir, meiner Meinung nach, diese Bücher auch nicht sprachlich angleichen sollen – wir haben kein Recht in den Büchern, die auch Zeitzeugenberichte sind, rumzufuchteln und zu verändern, um etwas „reinzuwaschen“ und dadurch eigentlich eine Lüge aufzustellen, dass diese Autoren politisch korrekt geschrieben haben, wo fast niemand im 19. Jahrhundert, früher oder später, tatsächlich so war. Was man aber machen kann und da bin ich inspiriert worden von Elifs Beitrag auf dem Blog „The Written Word“ (hier der wirklich spannende Beitrag) ist Vor- und Nachwörter zu schreiben, Hinweise im Anhang zu geben und ähnliches. Ich möchte hier keine Debatte anfangen, wo Rassismus und andere Formen von jeglicher Verurteilung beginnen, ob man rassistische Wört aus Kinderbüchern streichen soll und so weiter, ich möchte nicht politisch auf meinem Blog werden, es soll weiterhin einfach um das Lesen von Klassikern (für Erwachsene und Jugendliche) gehen, deshalb schaut einfach bei dem Beitrag vorbei, wenn euch das weiter interessiert.

Zu guter letzt möchte ich ein paar Empfehlungen aussprechen. Diese haben keinen speziellen Fokus auf ein Genre oder Themenfeld, sondern sind einfach Bücher, die mir gut gefallen haben.

Ich hoffe, ich konnte vielleicht zum Anregen von ein paar Klassikern anregen.

Love, Katha

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Ungeduld des Herzens

Autor: Stefan Zweig
OT/DT: Ungeduld des Herzens
Genre: Roman
Ersterscheidung (DE): 1939
Verlag: Fischer Verlag
Preis: 10 DM (Taschenbuch)
ISBN: 9783596119127
Länge: 456 Seiten

Durch einen Zufall bekommt der junge Leutnant Anton Hofmiller die Möglichkeit einem Abend auf dem Anwesen der reichen ungarischen Familie Kekesfalva zu verbringen. Als er jedoch die Tochter des Hauses, Edith, zum Tanzen auffordert, passiert ihm ein schrecklicher Fauxpas, denn er hatte zuvor nicht gemerkt, dass sie an den Beinen gelähmt ist. Aus Mitleid  wird er sie besuchen später, um sich zu entschuldigen. Immer wieder und wieder kommt er aus Mitleid vorbei und verstrickt sich in einen Kampf mit seinem Gewissen.

Mit diesem teils grausamen, oft bewegenden und immer grandios geschriebenem Roman hat sich Stefan Zweig definitiv einen Platz in meinem Herzen gesichert. Der englische Titel „Beware of Pity“ zeigt meiner Meinung nach noch stärker, die gefährlich das Ausmaß von Mitleid werden kann, welches Anton Hofmiller nach und nach stärker beherrscht.

Zeigs Buch hat etwas, was mehr anmuten lässt, als sei es nicht Ende der 1930er, sondern eher in den 1880ern geschrieben worden, eine Hommage an das Wien in seiner Glänzenden Zeit, an Offiziere, an Festlichkeiten und eine alte, eigentlich schon heile Welt, die verloren gegangen ist. Dieser Charakter mit der alten, ausschweifenden Sprache und dem extrem interessant konstruiertem moralischen Dilemma, in der jede Figur einen nachvollziehbaren Standpunkt vertritt und man selbst leidet, da man sich nicht entscheiden kann, macht dieses Buch so unglaublich wichtig und brilliant.

Wunderbar ist auch die psychologische Einsicht in den Protagonisten, den Mitleid und Wahnsinn befällt und wie es die satte Wortwahl, die langen Sätze und das Sprachgefühl Zweigs es möglich machen eine so starke emotionale Dichte und Intensität zu erzeugen, das man wortwörtlich mitleidet.

Letztendlich habe ich lange überlegt, was eine angemessene Bewertung für dieses Werk ist, um meine Begeisterung auszudrücken, aber es trotzdem nicht ganz das perfekte Buch nennen zu können, weil das meinem Gefühl nicht gerecht wird. Zum einen bin ich fest davon überzeugt, dass dieser ellenlange, Metaphern- und Nostalgiereiche Schreibstift nicht jedem gut bekommen wird. Ich, wo ich wirklich diesen langen prosaischen Stil schätze, hatte dann und wann auch Momente, wo ich mir durchaus etwas mehr Tempo gewünscht hätte, da der Spannungsbogen durch lange Abschweifungen etwas leidet.

Auch das moralische Dilemma wirkt erstmal banal, doch wenn man von den Gefühlen in der Geschichte ergriffen wird, erscheint es höchst authentisch. Leider war ich nicht ganz überzeugt vom Ende des Romans, denn es fehlte sich so abrupt an, als würde man nach einer langen Reise einfach urplötzlich, vielleicht einen halben Kilometer vor dem Ziel  von etwas überfahren werden. Zwar ist es ein schlaues Ende, aber wie es eingeleitet wurde, ward nicht dem Rest der Geschichte gerecht. Mir gefiel der Anfang mit dem Beobachtenden Literaten, der die Geschichte Hofmillers erfährt extrem gut und ich hatte gehofft, dass wenigstens ein paar Worte von dieser Konversation am Ende zur Abrundung aufgegriffen werden. Vielleicht wäre das auch zu viel gewesen, Stefan Zweig wird seine Gründe dafür gehabt haben, ich möchte nur betonen, dass mir ein abgerundeter Schluss besser gefallen hätte.

Eins steht zweifelsohne fest: Ich kann nicht anders als zu verkünden, als mehr von Stefan Zweig lesen zu müssen!

THE VERDICT: „Ungeduld des Herzens“ wird sich von nun an unter meinen liebsten Klassikern befinden. Herrlich geschrieben mit einer interessanten, aber auch grausame Geschichte und einer tiefgehenden emotionalen Intensität, wie ich sie noch bei keinem Klassiker gefühlt habe. 9 von 10 Sternen.

Love, Katha