Lied der Weite

Autor: Kent Haruf
OT: Plainsong
DT: Lied der Weite
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung (US)
Verlag: Diogenes
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-257-07017-0
Länge: 384

Victoria ist siebzehn, als sie plötzlich schwanger wird und ihre Mutter sie aus Zorn vor die Tür setzt. Verzweifelt wendet sie sich an ihre Lehrerin Maggie, bei der sie eine Zeit lang wohnt, sich jedoch schnell Konflikte herauskristallisieren, weshalb Maggie versucht, die McPheron Brüder zu überreden, dass sie Victoria aufnehmen. Unterdessen bahnen sich beim Lehrer Guthrie ebenfalls Probleme an, als seine Frau ihn und ihre zwei Söhne verlässt.

Im Grunde genommen gibt es zwei Stränge: Den von der schwangeren Victoria und den von Guthrie uns seinen Söhnen, letzterer konnte mich leider nicht wirklich packen, zwar war der Konflikt sehr emotional, doch oft wirkten die Ausschnitte aus ihrem Leben eher abgehackt und vermittelten nicht sehr stark das Gefühl von Tiefe. Ich wusste nicht genau, was ich mit der Geschichte anfangen konnte, weil mir die Figuren keineswegs zusagten und es auch keine wirkliche Entwicklung gab, im Gegensatz zu Victoria und den McPheron Brüdern, die mir schnell ans Herz wuchsen.

Nachdem mich  „Unsere Seelen bei Nacht“ unglaublich begeistert und berührt hatte, freute ich mich natürlich zu sehen, dass es einen weiteren ins Deutsche übersetzten Roman Harufs geben würde. Ich möchte „Lied der Weite“ nicht unbedingt mit dem Vorgängerroman vergleichen, weil es sich nicht nur in der Figurenkonstellation und dem Inhalt, sondern auch vom allgemeinen Gefühl erheblich unterscheidet. Insofern ist es generell schwierig zu sagen, ob die beiden überhaupt vergleichbar sind. Allerdings kann ich sagen, um es vorwegzunehmen, dass mir Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ im Gesamtbild besser gefallen hat.

„Lied der Weite“ ist ein ruhiger und bewegender Roman, mit leisen Tönen und einer manchmal drückenden Stimmung, wobei sich die Geschichte langsam nach und nach entfaltet. Insofern muss man mit dem Buch auch etwas geduldig sein, manchmal gibt es sicher lustige und spannendere Stellen, aber es geht meiner Meinung nach mehr um diese scheinheilige Kleinstadtidylle als Portrait, die Haruf hervorragend einfangen kann. Manchmal war ich mir jedoch nicht sicher, ob es melancholisch oder etwas langatmig ist. Man muss diesen speziellen Schreibstil Harufs mögen, sonst wird diese ruhige Art von Roman einem wohl nicht zusagen. Außerdem verwendet er, wie bereits in seinem  „Unsere Seelen bei Nacht“ bei wörtlicher Rede keine Anführungszeichen, was alles ineinander verwischen lässt, wie bei einem impressionistischen Gemälde. Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob ich es als Stilmittel manchmal gelungen und an anderen Stellen für Verwirrung stiftend empfinde. Zweifelsohne ist es gewöhnungsbedürftig und ich muss zugeben, ich präferiere wörtliche Rede mit Anführungszeichen.

Leider hatte ich bei „Lied der Weite“ öfter das Gefühl, dass die Geschichte etwas vor sich hinplätschert und es dauerte ein Weilchen, bis ich den Eindruck hatte, in der Geschichte zu sein. Was Haruf allerdings gut vermittelt, ist zweifelsohne das beengende Kleinstadtgefühl und die Konflikte, die mit diesem verbunden sind. Aus dieser Perspektive, und das ist auch der Punkt, in dem sich „Lied der Weite“ und „Unsere Seelen bei Nacht“ gleichen, ist der Roman hervorragend gelungen.

Zu guter letzt möchte ich mich bei der Seite Vorablesen und beim Diogenes Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares bedanken!

THE VERDICT: Zusammengefasst hat mir der Roman im Großen und Ganzen recht gut gefallen, konnte mich jedoch nicht so sehr begeistern wie „Unsere Seelen bei Nacht“ . Gerade bei diesem emotionalen Themen fehlte mir oft ein Tiefgang, ein stärkerer Einblick in das Innenleben der Figuren. Eher das Kleinstadtgefühl als die Figuren blieben bei mir als nachhaltige Eindruck, was schade ist, weil es einige tolle Charaktere gibt. Alles in einem ist es ein solider Roman, allerdings kein herausstehender. 6,5 von 10 Sternen

Love, Katha

 

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Unsere Seelen bei Nacht

Autor: Kent Haruf
OT: Our Souls at Night
DT: Unsere Seelen bei Nacht
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Orignial Ersterscheinung: 2015
Verlag: Diogenes
Preis: 20 Euro (Gebunden)
ISBN: 978-3257069860
Länge: 208 Seiten

Als Addie Moore bei ihrem Nachbarn Louis Waters an der Tür klingelt, ahnt er noch nicht, wie sehr das sein Leben verändern wird. Addie macht ihm einen Vorschlag: Da ihre beiden Partner ja verstorben seien und es Nachts doch so einsam sei, könne er dann nicht ab und zu bei ihr übernachten? Etwas verwirrt und von sich selbst überrascht stimmt Louis schließlich zu. Doch in einer Kleinstadt bleibt nichts geheim. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der Stadt und nicht nur die gleichaltrigen Nachbarn schämen sich, sondern auch ihre eigenen Kinder wollen sie überzeugen, dass sie einfach nur peinlich sind. Addie und Louis entpuppen sich jedoch schnell als starkes Team.

In erster Linie hat mich der bezaubernde Titel dieses Buches angelockt, er wirkte so ehrlich und melancholisch. Vielleicht hätte ich das Buch nicht gelesen, wenn ich kein Rezensionsexemplar gewonnen hätte. Deshalb bin ich gleich doppelt glücklich, denn dieser kurze, bewegende Roman ist eine Bereicherung!

Was als erstes sofort auffällt: Es gibt keine Anführungszeichen bei wörtlicher Rede. Zunächst war es unglaublich gewöhnungsbedürftig, mir war, als fehle es dem Buch einfach an Form. Doch spätestens nach 10 oder  15 Seiten wirkte dieser freie, einfache Schreibstil so herrlich echt. Es ist faszinierend, wie Haruf nahe zu nur mit wörtlicher Rede es schafft, zwei tolle Charaktere mit liebevoller Urigkeit und Tiefe zu bilden. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass es mir so gut gefallen könnte. Denn auch wenn ich Dickens, Fontane und Goethe für ihren imposanten, teils ausschweifenden Stil liebe, zeigt Haruf, dass es auch anders geht, ohne dass die Iinhaltliche Qualität oder die Plastizität der Figuren darunter leiden – ganz im Gegenteil!

Außerdem heißt es, dass eine Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford in Vorbereitung sei. Denn gerade auf Grund des Drehbucharigen Charakters dieses kurzen Romans kann ich mir vorstellen, dass eine authentische Verfilmung hier gut möglich seien. Ich bin sehr gespannt auf diesen Film!

Mir gefällt nicht nur die Einfachheit dieses Buches, sondern auch, wie es mich aus der Reserve gelockt hat, meine Vorurteile über „einfach“ geschriebene Bücher in einem Zack verloren gegangen sind. Ich bin mehr als positiv überrascht. Der englische Begriff „Straightfoward“ trifft es wohl am besten, schlicht, direkt, mitten ins Herz.

Andererseits muss ich sagen, auch wenn es eine wunderbare, leichte Geschichte ist, wie ein schöner Sommertag, den man genießt, kann ich es mehr als Lektüre für Zwischendurch empfehlen, wenn man etwas heiteres, was aber auch nachdenkliche, berührende Seiten hat, braucht. Am besten im Sommerurlaub. Denn auch, wenn es mir gefällt fehlt mir ein Funken, damit ich sagen kann, dass ich es wahrlich liebe.

Was mir das Herz bricht ist, wie viel Liebe in den Charakteren steckt und wie gerne man noch viel mehr von ihnen und mit ihnen erfahren möchte, aber man weiß, da es Harufs letztes Buch ist, dass keins mehr erscheinen wird. Allerdings – das sei gesagt – weiß ich jetzt schon, dass ich mehr von diesem Autor lesen möchte.
In dieser Hinsicht kann man das Buch als vielfach erfolgreich bezeichnen: Es hat geschafft mich zu begeistern und für mehr zu inspireren.

Zu dieser Ausgabe: Das schlichte Diogenes-Cover mit der gelben Hauswand und den sommerlichen Lichtflecken passt gut zu der warmen, frischen Stimmung des Buches und dessen Inhalt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich den Preis für ein recht dünnes und groß gedrucktes Buch etwas happig finde, auch wen der Inhalt wunderbar ist.

Zu Guter letzt möchte ich der Seite „Vorablesen“ danken, dass ich dieses tolle Rezensionsexemplar erhalten habe.

THE VERDICT: Ein besonderer, manchmal lustiger, meist bittersüßer Roman in schlichter, präziser Sprache über das Altern und dass man nie zu alt für irgendwas Neues ist. 8 von 10 Sternen

Love, Katha