Bibliophiler Jahresrückblick 2017

Erneut ist ein Jahr vergangen und wie letztes Jahr werde ich einen kleinen Rückblick verfassen, was ich dieses Jahr alles gelesen habe und welches meine Highlights waren, neue Entdeckungen, meine erreichten Ziele und leider auch ein paar Bücher, die mich enttäuscht haben. Ich bin auch sehr stolz, dass ich nicht nur meine Goodreads Lesechallenge erst von 25 auf 30 erhöht habe, sondern auch, dass ich die 30 mit 32 gelesenen Büchern geknackt habe. Damit habe ich es sogar geschafft, mehr zu lesen als letztes Jahr. Dabei waren vor allem die Klassiker sehr prägnant. Ich glaube, als ich meinen Betrag zu 100 Büchern, die ich lesen möchte, verfasste, hatte ich noch keinen blassen Schimmer, wie wunderbar motivierend diese Liste auf mich wirken würde.

Was ich gelesen habe:

Delafield, E.M.: Tagebuch einer Lady auf dem Lande
Du Maurier, Daphne: Rebecca
Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame
Fellows, Julian: Belgravia
Foenkinos, David: Charlotte
Fontane, Theodor: Effi Briest
Fontane, Theodor: Frau Jenny Treibel
Fontane, Theodor: Stine
Forster, E.M.: Zimmer mit Aussicht
Gabaldon, Diana: Feuer und Stein
Gárdonyi, Géza: Die Sterne von Eger
Goethe, Johann Wolfgang: Iphigenie auf Tauris
Haruf, Kent: Lied der Weite
Haruf, Kent: Unsere Seelen bei Nacht
Hope, Anthony: The Prisoner of Zenda (Englisch)
Horváth, Ödön: Jugend Ohne Gott
Irving, John: Gottes Werk und Teufels Beitrag
Lennox, Judith: One Last Dance (Englisch)
Morgenstern, Erin: The Night Circus (Englisch)
Murakami, Haruki: Kafka am Strand
Noll, Ingrid: Die Apothekerin
Op de Beeck, Griet: Komm her und lass dich küssen
Orwell, George: 1984 (Englisch)
Perry, Sarah: The Essex Serpent (Englisch)
Sington, Philip: The Valley of Unknowig (Englisch)
Towles, Amor: A Gentleman in Moscow (Englisch)
Wells, Benedict: Becks letzter Sommer
Wilde, Oscar: Das Bildnis des Dorian Gray
Woolf, Virginia: Die Fahrt zum Leuchtturm
Zweig, Stefan: Maria Stuart
Zweig, Stefan: Schachnovelle
Zweig, Stefan: Ungeduld des Herzens

Meine Tops und Flops

Meine Lesehighlights sind in einer beliebigen Reihenfolge, bis auf Ungeduld des Herzens, welches wirklich den Höhepunkt des diesjährigen Lesegenuss‘ markiert und in mir einen bleibenden, überwältigenden Eindruck hinterlassen hat.

Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens

Dieses Buch ist nicht nur mein Highlight des Jahres, sondern beschreibt auch gut, wie sich mein Lesegeschmack über das Jahr entwickelt hat. Herrlich geschrieben mit einer interessanten, aber auch grausame Geschichte und einer tiefgehenden emotionalen Intensität, wie ich sie noch bei keinem Klassiker gefühlt habe. Bei Zweig kommen stets Leid, Wahnsinn, Melancholie und Nostalgie in einer energiegeladenen Kombiantion zusammen. „Ungeduld des Herzens“ hat etwas, was mehr anmuten lässt, als sei es nicht Ende der 1930er, sondern eher in den 1880ern geschrieben worden. Gleich einer Hommage an das Wien in seiner glänzenden Zeit. Dieser Charakter mit der alten, ausschweifenden Sprache und dem extrem interessant konstruiertem moralischen Dilemma, in der jede Figur einen nachvollziehbaren Standpunkt vertritt und man selbst leidet, da man sich nicht entscheiden kann, macht dieses Buch so brilliant.

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Mit ausgeklügelten Sarkasmus, symbolischem Zynismus und einer herrlich blumigen Sprache schafft Wilde einen zu schockieren – und zu begeistern! Einerseits ist es amüsant Henrys überhebliche Einstellungen zu lesen, doch langsam lernt man als Leser die Gefahr. Sowohl inhaltlich als auch sprachlich ist dieser Roman ein Genuss – alleridngs ein sehr düsterer und teils auch abartiger. Ich würde dieses Buch am liebsten jeden ans Herz legen, nicht nur, weil es genial geschrieben und wunderbar böse ist, sondern weil so unglaublich viel Menschlichkeit daraus spricht.

Daphne Du Maurier: Rebecca

Dieser Roman lebt förmlich von seinen Drehungen und Wendungen, die einen teils eiskalt erwischen. Spannend wie ein Thriller und geistreich wie ein Klassiker mit einigen Zügen einer Romanze. Es ist wirklich schön, wie mehrere Genres in „Rebecca“ aufeinandertreffen.Ein extrem spannendes, unheimliches Buch, welches mit seiner Unberechenbarkeit einen sofort in einen Sog zieht. Eine literarisch-psychologischer Hochgenuss, den ich nur empfehlen kann!

George Orwell: 1984

Ich habe noch nie etwas so abartig verstörendes gelesen. was mich gleichzeitig aber auch positiv geprägt hat. Orwell zeichnet eine Welt, wo alles kontrolliert wird, erschreckenderweise sogar die Sprache: Beklemmend, beunruhigend, erschreckend, abartig und dennoch ein Meisterwerk. Ein Spiegel für eine Gesellschaft, die auf den Überwachungsstaat zu läuft und eine zeitlose Kritik. Für meinen Geschmack war es etwas zu unheimlich, aber dieses Werk ist zweifelsohne wichtig und ein Lesemuss.

Sie haben es zwar nicht in meine Top-Auswahl geschafft, aber ebenfalls begeistert haben mich Effi Briest, die Schachnovelle, Charlotte, The Valley of Unknowing, Gottes Werk und Teufels Beitrag, Unsere Seelen bei Nacht, Kafka am Strand und der Night Cirucs. Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich dieses Jahr einige hervorragende und noch mehr ziemlich gute Bücher gelesen habe.

Meine Leseflops fallen dieses Jahr glücklicherweise nur spärlich aus, jedoch muss ich auch sagen, dass die Bücher, die mir nicht gefallen haben, mir wirklich sehr stark missfallen haben und sich deshalb eher als Zeitverschwendung in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Leider.

Griet Op de Beeck: Komm her und lass dich küssen

Selten hat mich ein Buch so geärgert, wie dieses. Gerade weil der Anfang wirklich toll ist, aber leider nicht so fortgesetzt wurde und sogar das Buch immer schlechter wurde zu einer an der Oberfläche bleibenden Geschichte. Wichtige Themen werden angebracht und beobachtet, können sprachlich allerdings nicht der eigentlichen Emotionalität gerecht werden, wodurch die Darstellung sich recht merkwürdig liest und es manchmal eher absurd und abartig ist, als hochemotional. Es ist eines dieser Bücher mit einer Menge nicht ausgeschöpftem Potential.

Judith Lennox: One Last Dance

Diese Art von romantisch-historischer Familiensage gehört zu den Büchern, die furchtbar klischeebelastet sind, aber ab und zu einfach Spaß machen zu lesen, weil es so eine leichte Lektüre ist. Zwar habe ich den Roman wirklich schnell und teils amüsiert durchgelesen, weil es hervorragend zum Abschalten ist zum anderen kenne ich auch andere Bücher zum Abspalten, die inhaltlich viel mehr zu bieten haben, denn so stereotypisch und platt (und teils auch dumm) wie die Figuren sind, ist nur in kleinem Maß erträglich. Es gibt so viel bessere, leichte Lektüre dieses Genres.

Viginia Woolf: Die Fahrt zum Leuchtturm

Ich glaube bei diesem Klassiker liegt es eher an mir und dass ich mit Woolfs sehr anspruchsvollem Schreibstil des Stream of Consciousness nicht besonders gut klar kam. Gedanken und Beschreibungen vermischen sich in ein sehr kunstvolles, aber unheimlich verwirrendes Durcheinander. Vielleicht werde ich mich irgendwann Woolf zu wenden, wenn ich den Eindruck habe diese hoch komplizierten Lektüre mehr gewachsen zu sein.

Persönliche Eindrücke

Das Jahr 2017 war in Sachen Genres und Neues ausprobieren sicherlich nur ein Anfang, der mir die Tür zu vielen neuen Dingen eröffnet hatte, von denen ich nicht unbedingt gedacht hätte, dass sie mir so gut gefallen würden.

Zum einen habe ich, wie bereits erwähnt und aus meiner Leseliste ablesbar mehr Klassiker gelesen als im Vorjahr. Ich hatte und habe stets Respekt davor, Klassiker zu lesen, weil es manchmal doch etwas anstrengend ist, derart ansprichsvolle Literatur zu lesen und weil oft noch mehr Interpretationsarbeit und durch den Schreibstil quälen dazukommt. Sicherlich sind für mich Klassiker keine Bücher, bei denen ich wirklich abschalten kann, aber ich muss auch sagen, jetzt wo ich mehr von ihnen gelesen habe, auch in einem breiteren Genre-Spekturm, fällt es mir leichter, in die Geschichten reinzukommen. Besonders bei meinem dritten Fontane Roman „Stine“ merkte ich, dass man sich nach einer Weile an blumig-epischen Stil gewöhnen kann. Allerdings bewies mir Woolfs „Fahrt zum Leuchtturm“ auch, dass es noch Werke gibt, denen ich noch nicht gewachsen bin.  Jedoch bin ich mir sehr sicher, dass ich diesen Kurs, mehr Klassiker zu lesen, zweifelsohne weiterfahren werde.

Außerdem bin ich froh, meinen ungarischen Wurzeln nachgegangen zu sein und endlich ungarische Literatur ausprobiert zu haben. Mit Gárdonyis berühmten Werk „Die Sterne von Eger“ habe ich einen eher leichten Einstieg gewählt, aber auch hier nehme ich mir vor im kommenden Jahr mehr Literatur aus diesem Bereich zu lesen. Irgendwann wird sicherlich auch der Tag folgen, wo ich diese Bücher im Original lesen kann und werde.

Gemeinsames Lesen mit einer befreundeten Instagrammerin (@nora.reads) war ebenfalls Neuland für mich, ich muss aber gestehen, dass es mir tatsächlich wirklich Spaß gemacht hat. Ebenfalls durch Nora inspiriert, bin ich ihrer Leseempfehlung nachgegangen (eine Sache, die ich eigentlich viel zu selten mache) und habe einen kleinen Einblick in japanische Literatur bekommen durch Murakamis „Kafka am Strand“, was ebenfalls eine tolle Neuentdeckung war.

An diese Stelle lässt sich also zweifelsohne sagen, dass 2017 definitiv ein Jahr der neuen Wege war, nicht nur literarisch, indem ich neue Genres ausprobierte und meine Klassikerliebe erweiterte, sondern auch persönlich. Ich habe Mitte Oktober einen neuen Studiengang angefangen, der mir derweil sehr gut gefällt, trotz dass es unheimlich anstrengend ist. Außerdem habe ich mich in die Schweiz verliebt und meinem Verhältnis zu Frankreich durch einen kleinen Besuch in Straßburg (Beitrag kommt bald) eine zweite Chance gegeben und zu guter letzt habe ich mir einen kleinen Traum erfüllt und mir ein Industrial Piercing stechen lassen. Entsprechend will ich nächstes Jahr einen ähnlichen Kurs fahren, mehr neues und anderes lesen, mich weiterhin mit Klassikern berieseln lassen und natürlich hoffe ich auch, dass ich wieder die Chance haben (und ergreifen!) werde, ein bisschen mehr zu reisen und auch darüber zu schreiben.

Ich wünsche euch alle einen hervorragenden und schönen Start in das neue Jahr 2018!

Love, Katha

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Utopie als Dystopie? 1984.

Autor: George Orwell
OT: Nineteen Eighty-Four
Genre: Dystopie
Sprache: Englisch
Ersterscheinung (GB): 1948
Verlag: Penguin
Preis: ca. 6-7 Euro (Taschenbuch)
ISBN: 978-0140817744
Länge: 329 Seiten

Winston Smith lebt in Ozeanien, einem Machtblock, der sich im permanenten Krieg gegen Eurasien und Ostasien befindet, an dessen Spitze Big Brother steht. Seine Welt ist kontrolliert durch überall anwesende Fernseher, die ihn beobachten können und einer Polizei, die die Gedanken der Bevölkerung kontrolliert. Alles in reguliert, sogar die Sprache, in der die Menschen kommunizieren. Eines Tages überkommt ihn jedoch das Gefühl, sich gegen das System wehren zu wollen.

Schon lange wollte ich das bekannte Buch des britischen Autors Orwell lesen, doch fürchtete ich mich etwas davor, dass ich dem ganzen nicht gewachsen seien könnte. Zugegebenermaßen empfinde ich Zukunftsromane (zum Erscheinunszeitpunkt war es schließlich in der Zukunft) und besonders Dystopisches meist seht unheimlich. So sammelte meine Ausgabe auch schon ein bisschen Staub, bis das erste Kapitel ich letzte Woche für meinen Politische Theorie Kurs an der Uni lesen sollte – und da war’s geschehen und ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Fast schon angeekelt, aber außerordentlich gefesselt und mit einem großen Gesprächsbedarf arbeite ich mich durch 1984, dem Sinnbild für einen totalen Überwachungsstaat.

Meine Eindrücke sind noch recht verwischt, aber meine Gefühle zu diesem Buch recht eindeutig. Ich habe noch nie etwas so abartig verstörendes gelesen (und es gibt bestimmt noch viel schlimmere, unheimlicher dystopische Bücher), was mich gleichzeitig aber auch positiv geprägt hat. Orwell zeichnet eine Welt, wo alles kontrolliert wird, erschreckenderweise sogar die Sprache, die nach und nach ins sogenannte „Neusprech“ umgewandelt werden soll und das politische aus Wörtern wie Freiheit entnimmt und folglich das Denken begrenzt.

Ich könnte stundenlang über dieses Buch reden, weil es extrem clever und überraschend simpel konstruiert ist, eigentlich für jeden verständlich, wenn man es mindestens in der eigenen Sprache liest, es lässt sich wunderbar diskutieren und interpretieren. Ist es ein Konterwerk zu Thomas Morus´ scheinbar idealer Gesellschaft in „Utopia“ aus 1516? Kritisiert es schlichtweg totalitäre Systeme? Mal Orwell eine mögliche Zukunft eines außerordentlichen Überwachungsstaats? Ist dieses Buch ein Warnschuss oder eher Bewältigung eines vergangenen Systems? Verarbeitet es das Dritte Reich und den Kommunismus unter Stalin? Was können wir aus unserer Zeit wiedererkennen?  Und wie lässt sich das alles  damit vereinbaren, dass Orwell sich selbst als demokratischen Sozialisten ansah?- Fragen über Fragen, die zeigen, wie aktuell, einschüchternd und vor allem wichtig dieses Buch ist. Was von diesen Thesen stimmt, Sinn macht und möglich ist, möchte ich offen lassen, feststeht die enorme Bedeutung dieses Buches und sicherlich auch anderer dystopischer Werke und auch wenn ich mich gut gegruselt habe, denke ich, sollte ich mehr lesen, denn Orwell zeigt so schön, dass dieses Genre so gut als Gesellschaftskritik genutzt werden kann.

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende – ich war wirklich auch etwas erleichtert, als ich mit dem Buch fertig war. Ich weiß nicht, ob ich es noch einmal lesen will, nicht, weil es schlecht wäre – ganz im Gegenteil! – sondern weil es etwas mit einem anstellt, als würde man selbst Gehirngewaschen und so einsam und isoliert mit diesem Werk, wie sich der Protagonist Winston fühlt. Denn das ist die abartige Wirkung von Totalitarismus, der Privatraum, eine Zuflucht für einen selbst, Gedankenfreiheit – es geht alles verloren.

Ein zweifelsohne wichtiger, erschreckender und gut durchdachter und schlau geschriebener Roman. Dennoch glaube ich nicht, dass er es trotz seiner Genialität zur besten Bewertung schafft. Das ist zum einen dem etwas dünneren Mittelteil „verschuldet“ zum anderen, weil dieses Buch ein bisschen zu viel für mich war, auch wenn es wirklich schlau ist.  Ich kann zweifelsohne sagen, auch wenn es nicht eines der besten Bücher ist, dass es eines der wichtigsten Bücher ist, die jede und jeder gelesen haben sollte.

Zu dieser Ausgabe: Mehr zufällig, als absichtlich legte ich mir die Schüler-Version von 1984 zu bin und rückblickend sehr froh darüber. Das Englisch ist für jeden, der halbwegs regelmäßig mit der Sprache in Berührung kommt, gut verständlich und die Klärung einzelner, teils spezifischen oder umgangssprachlichen Wörter erfolgt im Anhang. Dazu gibt es Analyse-Fragen (die vermutlich vor allem dafür geeignet sind, wenn man das Buch in der Schule behandelt) und Charakterbeschreibungen wie knappe Inhaltsangaben, was nicht nur perfekt ist, wenn man dieses Buch in der Schule behandeln, sondern auch wenn man einen Klassiker im Original liest und noch ein bisschen mehr darüber nachdenken mag, als das reine Lesevergüngen.

THE VERDICT: Beklemmend, beunruhigend, erschreckend, abartig und dennoch ein Meisterwerk. Ein Spiegel für eine Gesellschaft, die auf den Überwachungsstaat zu läuft und eine zeitlose Kritik. Für meinen Geschmack war es etwas zu unheimlich, aber dieses Werk ist zweifelsohne wichtig und ein Lesemuss. 8.5 von 10 Sternen

Love, Katha