Ein Tag in Straßburg

Oder: erste Eindrücke einer neuen Liebe

Als ich vor einigen Jahren in Paris war, hatte sich ein Eindruck von Frankreich in mir verfestigt, der nicht sonderlich positiv war. Es war heiß gewesen, eng, oft dreckig, laut, die Menschen unfeundlich und alles war einfach zu hektisch und die Stadt der Liebe erschien mir eher grau und statisch, als bezaubernd. Jeher hatte ich Frankreich mit einem negativen Stempel in meinem Gedächtnis dank meiner Paris-Erfahrung gespeichert und war auch wenig interessiert daran gewesen, dies zu ändern.

Seither hatte ich oft von Menschen in meinem Umkreis gehört, dass Paris und der rest von Frankreich zwei Welten sein – ich war allerdings wenig überzeugt, obgleich mir  meine beste Freundin entzückende Bilder aus Südfrankreich schickte. Zugegeben, ich hatte es mir ordentlich bequem gemacht, Frankreich als unschön abzustempeln – ich weiß mittlerweile, was für ein kurzsichtiger Unfug das war.

Ende Dezember bekam ich die Möglichkeit, einen kleinen Ausflug mit einer Freundin nach Straßburg mit zu planen, und kam ich als, es ist kein Scherz, anderer Mensch zurück. Zugegeben, Straßburg ist wohl schon auf Grund des politischen und historischen Hintergrunds sehr europäisch, vielleicht auch, ich möchte vorsichtig mit der Einschätzung sein, geprägt von deutschen Einflüssen, oder sagen wir, alemannischen, und durch die vielen Touristen ziemlich international. Zum Glück ist es aber längst nicht so unerträglich überlaufen wie in Zaanse Schans in Holland, woran ich mich noch mit Grauen erinnere.

Straßburg ist mit seinen alten Gebäuden, den zauberhaften Gassen und den freundlichen Menschen einfach hinreißend und es ist schwer, sich nicht sofort zu verlieben. Ich fand mich plötzlich so entzückt wieder, ich wusste nicht, wohin ich schauen soll, weil ich so verzaubert vom Gesamtbild war: Alles war einfach so hübsch, eine Augenweide für jeden Architekturfan. In gewisser Weise kann ich sagen, dass ich mir Frankreich genauso vorgestellt habe, so charmant, und was mich tatsächlich am meisten berührt hat, war die Atmosphäre, denn genau das war es, was ich in Paris vermisst hatte.

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Ich hatte so einen seltsamen, melancholischen Augenblick, als ich am Nachmittag in einem Café saß, alles um mich herum sprach französisch, ich verstand mangels Sprachkenntnissen kein Wort, draußen zog die Dunkelheit ein und die Straßen tauchten in warmes Licht und an dem Tisch neben uns saß eine hübsche junge Frau, elegant in schwarz gekleidet, mit weichen Zügen und karamellfarbenen Haar, die sich angeregt mit einem leicht ergrauten Mann mittleren Alters unterhielt, der sicherlich ihr Vater war. Beide tranken ihren Tee und aßen Kuchen. Ich weiß nicht, woran es lag, aber diese Szene hätte kaum französischer seien können. Sie erinnerte mich an diese Filme, die ich mit 14 Jahren gesehen hatte und die mir dieses romantisch-elegante an Frankreich vermittelt hatten, was ich nun endlich sah. Es klingt sicher sonderbar, aber ich fand mich so glücklich wieder, mein kleines Paris-Trauma überwunden zu haben.

Ich möchte nicht zu sehr mit Stereotypen spielen, aber diese warme, elegante, in der Zeit verlorene, aber doch so lebendige Atmosphäre war, wie ich stets geglaubt hatte, dass Frankreich sein würde. Nicht dieses schreckliche Paris, wo alles Furchtbare an einem Ort zusammmenkam, groß, voll, dreckig, überlaufen und keinerlei Flair (außer in Montmatre).  Aber irgendwann gebe ich Paris sicher auch noch eine zweite Chance.

Aber ich will schon aufhören, mich endlos in Schwärmereien über die Atmosphäre zu verlieren.

Es war ein windiger und kalter Tag, aber der historische Kern diese Stadt, fern ab von den ganzen, mir verhassten Shoppingstraßen, war Einach zauberhaft. Wir besuchten viele kleine Indie-Läden, einem großen Comic Shop und schauten uns in einem zauberhaften Antiquariat um.
Natürlich wurde, wie man es tut, wenn man im Elsaß ist, Flammkuchen gegessen: Die Freundin, mit der ich da war, teilten und jeweils einen herzhaften und einen süßen Flammkuchen, die hervorragend schmeckten. Straßburg ist zweifellos die Stadt für optischen und kulinarischen Genuss. Es jagt ein süßes Restaurant das andere, man weiß gar nicht, wo man hingehen soll, weil alles so gut aussieht – auch, wenn es etwas auf den Geldbeutel schlägt.

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Straßburg ist die richtige Stadt, um in stundenlangen Spaziergängen verloren zu gehen, im Sommer sicher noch mehr, als bei dem kalten, verschneiten Wetter, das wird Ende Dezember hatten. Man läuft und entdeckt immer mehr verwunschene Gassen, interessante kleine Läden und Cafés und das alles umgeben von einer entzückenden Architektur. Die Stadt hat zweifelsohne einen sehr internationalen Hauch, ohne seinen historischen Charme zu verlieren. Die Menschen, denen wird begegneten, waren sehr offen und freundlich und ich hoffe sehr, dass es mich irgendwann, vielleicht auch für etwas längere Zeit, nach Straßburg oder irgendwo anders im Elsass verschlagen wird, um erneut durch bezaubernde Straßen zu laufen und guten Essen bis zum Umfallen zu genießen.

Leider habe ich es erst nach sage und schreibe drei Monaten geschafft, diesen Beitrag vollständig zu schreiben, dennoch glaube ich, dass eine Reise nach Straßburg einfach zeitlos ist und der zeitliche Abstand deshalb nicht so ausschlaggebend ist.

Wart ihr schon ein Mal in Straßburg? Ich freue mich wie immer auf eure Kommentare!

Love, Katha

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Suite française

OT: Suite française
DT: Suite française – Melodie der Liebe
Cast: Michelle Williams, Kristin Scott Thomas, Matthias Schoenaerts, Margot Robbie, Ruth Wilson, Tom Schilling
Genre: Drama
Regie: Saul Dibb
Drehbuch: Matt Charman
Musik: Rael Jones
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

Verfilmung des gleichnamigen Romans von Irène Némirovsky.

Frankreich im Sommer 1940 während der deutschen Besatzung: Die junge Lucile Angellier lebt unter der Obhut ihrer dominanten Schwiegermutter Madame Angellier. Ihr Ehemann ist im Krieg und beide Frauen warten auf Nachricht von ihm, Luciles einzige Freude ist das Klavierspiel. Ihr Leben ändert sich dramatisch, als Pariser Flüchtlinge im Dorf eintreffen – bald gefolgt von einem deutschen Regiment, das in dem kleinen Ort stationiert wird. Viele Einwohner müssen Soldaten bei sich aufnehmen. Der deutsche Offizier Bruno von Falk wird im Hause der Familie Angellier einquartiert. Lucile versucht den attraktiven und kultivierten Bruno zu ignorieren doch schon bald kommen sich die beiden durch ihre gemeinsame Leidenschaft für Musik näher. [Klappentext]

Ich muss gestehen, dass ich den guten Matthias Schoenaerts immer mehr lieben lerne, denn auch in diesem Film zeigt er, dass er in der Rolle des romantischen, aber nicht  kitschigen und jungen Mann mit mehrdimensionalem Charakter brilliert! Michelle Williams spielt das absolute Gegenstück zu dem Soldaten: eine ängstliche, verschlossene junge Frau. Zwar spürt man von Anfang an ein unglaubliches (in gewisser Weise geheimes) Kribbeln, doch nur ganz langsam und vorsichtig lässt sie die Annäherungsversuche des galanten Mannes zu – eine wirklich einzigartige Geschichte folgt.

Als Hintergrund ist wichtig zu wissen, dass die Autorin Irène Némirovsky leider nie die Möglichkeit hatte, ihr Werk zu beenden, weil 1942 sie nach Auschwitz deportiert wurde. Der Romanzyklus sollte insgesamt aus fünf Teilen bestehen, sie konnte allerdings nur zwei davon schreiben. Das Manuskript wurde gute 60 Jahre später wiederentdeckt und 2004 erstmal veröffentlicht.

Doch zurück zum Film: Da die zarte Liebesgeschichte besonders auf der gemeinsamen Liebe für Musik begründet wird, musste der Film zwangsläufig einen guten Soundtrack haben, um diese Liebe zu untermalen – und ich wurde nicht enttäuscht: Nostalgische, französische Chansons und zarte Streicher- und Klavierthemen, die mit ihrer melancholie unter die Haut gehen! Die andere Seite des Filmes spiegelt der Soundtrack auch wieder: das Grauen und die Angst vor der Willkür der deutschen Bestzung, sowie alltägliche Demütigung durch ganz besonders unverschämte Offiziere.

Ohne zu Spoilern, möchte ich betonen, diese Geschichte überaus tragisch und bewegend ist, und dank der grandiosen Besetzung extrem unter die Haut geht. Als ein Mensch, der relativ viele herzzerreißende Dramen gesehen hat, wie zum Beispiel „die Königin und der Leibarzt“ oder „Abbitte“ , dachte ich, eine gewisse Abhärtung bereits zu besitzen, aber die Intensität dieses Film brach mein Herz! Suite Française gehört allein durch seine unvollendete Geschichte und dem tragischen Schicksal seiner Autorin zu den erstaunlichsten und auch spannendsten Liebesgeschichten (ohne auch nur ein einziges Mal überhaupt an Kitsch heranzukommen), welche ich je gesehen habe.
In gewisser Hinsicht möchte ich hier aber auch warnen, denn ich glaube ein Film mit solch melancholischer, drückender Grundstimmung, ist nicht leicht zu verkraften und jedermanns Geschmack – vor allem durch das offene Ende, welches mir selbst zu schaffen gemacht hat.

Trotz der düsteren und tragischen Handlungen, spielt der ganze Film in einem hellen, sommerlichen Licht, was diese zarte und vorsichtige Liebesgeschichte, die eigentlich mehr eine Liebesandeutung ist, auf eine bezaubernd Art untermalt. Denn viele historisch angehauchte Filme arbeiten mit Farbfiltern, welche die Szenerie bestenfalls besonders düster wirken lassen und leider häufig erschreckend unnatürlich wirken (und ab und zu nicht passen). Hier jedoch wird mit dem natürlichen Licht eines französischen Sommers gearbeitet, es werden provinzielle Straßen in der Sonne gezeigt oder wie das satt grüne Gras in einem Blumenmeer vom Wind durchzogen wird: So entsteht eine nostalgisch, ja melancholisch und wie aus einem verzauberten, alten Traum wirkende Stimmung, welche die Gefühlstiefe ungeheuerlich betont.

THE VERDICT: Besonders tief berührend und besonders optisch wunderschön, mit zwei grandiosen Hauptdarstellern und einem Soundtrack, der nicht mehr aus dem Kopf geht, hat dieser Film mein Herz erobert – und gebrochen! 9 von 10 Sternen.

Love, Katha

A Little Chaos

OT: A Little Choas
DT: Die Gärtnerin von Versailles
Cast: Kate Winslet, Matthias Schoenaerts, Alan Rickman, Stanley Tucci, Helen McCrory
Genre: Liebesfilm, Kostümfilm
Regie: Alan Rickman
Drehbuch: Allison Deegan
Musik: Peter Gregson
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 6 Jahren

Frankreich, Endes des 17. Jahrhunderts: Die unkonventionelle Landschaftsgärtnerin Sabine De Barra (Kate Winslet) erhält den Auftrag, einen Park für den Sonnenkönig Ludwig XIV. (Alan Rickman) zu bauen, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Keine leichte Aufgabe für die selbstbewusste Witwe, die fortan nicht nur gegen neidische männliche Kollegen und subtile Hofintrigen zu kämpfen hat, sondern sich auch immer stärker zum obersten Gartenarchitekten des Königs, André Le Nôtre (Matthias Schoenaerts), hingezogen fühlt. Während Andrés eifersüchtige Ehefrau die zarte Liaison mit aller Macht zu sabotieren versucht, drängt der ungeduldige König auf baldige Fertigstellung seines Gartens…

Natürlich besticht der Film vor allem durch seine Optik, der Prunk und die Kostüme sind mindestens so überwältigend, wie sie seinerzeit Ludwig XIV. getragen hat. Mit einer Liebe fürs Detail sorgt auch die Kameraführung dafür, dass diese Pracht zu Geltung kommt.
Wenn man bereits den Trailer sieht oder den Cast betrachtet wird deutlich, dass es sich eindeutig um einen Film mit hoher Starbesetzung handelt – das kann häufig in die Hose gehen, bei „der Gärtnerin“ ist das aber definitiv nicht der Fall!
Ganz großartig ist Alan Rickman in der Rolle Ludwig XIV.: prächtig, blass und erhaben und mit einer kühnen, ästhetisch überwältigenden Art gibt er jedes Mal, wenn er seinen Auftritt hat dem Film etwas glamouröses und zauberhaftes. Man überlege sich mit Schichten von glitzernden Klamotten und einer turmhohen Perücke herumzustolzieren und dabei kein bisschen lächerlich zu wirken, sondern unverfroren natürlich – das ist eine Kunst!
Matthias Schoenaerts, der neuerdings überall zu sehen ist, zeigt in diesem Film auch, weshalb: Der belgische Schauspieler verfügt über das Talent in seinen Rollen (und mit seinen großen Hundeaugen) eine so innige Form der Liebe zu zeigen, die einen wahrhaftig berührt. Ach und Kate Winslet – was soll man schon sagen? Sie ist wie eine Rose, mit der Zeit wird sie immer schöner und vollkommener.

Alan Rickmans zweiter und leider auch letzter Film lebt von einem feinen, detailierten Humor und schönen der Botschaften für das Leben, wie die Stärke der Liebe und den Glauben an sich selbst und das so toll verpackt macht „Die Gärtnerin von Versailles“ zu einem liebenswürdigem und süßen Film.

Ein großer Kritikpunkt ist für mich der Titel, welcher den Film in seiner Qualität nicht berührt, aber die Einstellung, mit dem man ihn ansieht: von „A Little Chaos“ zu „die Gärtnerin von Versailles“ zu kommen ist schon ein großer Sprung. Zwar spiegelt der deutsche Titel den Sachbestand dar, aber er wirkt so abgedroschen und erinnert an diese Reihe von Frauenromanen (was keine Kritik an diesen seien soll) wie „Die Wanderhure“, „Die Kastellanin“, „Die Bogenschützin“, „Die Sündenheilerin“ usw. Aber „A Little Chaos“ weißt auf die Botschaft der Sabine de Barra hin, dass sie auf die klassische Ordnung des Gartens verzichtet, etwas Chaos verwendet, um ihre eigene Vollkommenheit, ihr Eden zu finden! Der englische Titel gibt meines Erachtens nach sehr viel mehr her.

Leider hat sich für mich die etwas offensichtliche Geschichte sich nicht vollständig entladen: Dass die Witwe Sabine von ihrer Vergangenheit heimgesucht wird und die neidische Frau die Liebe zwischen André und Sabine zu sabotieren versucht, ist wenig überraschend, dass die Liebe stärker ist als das, auch nicht, aber das ist in Ordnung. Das gibt dem Film so ein gutes Gefühl, wenn man aus ihm rauskommt, ein glücklicher und befriedigter Zuschauer.
Nein, nur die „Nebengeschichte“ des Gartenbaus hätte nach meinem Geschmack mehr in den Vordergrund rücken müssen und nicht so nebensächlich behandelt werden, so dass am Ende alles fein ist, ich hätte wirklich gerne genauer erlebt, wie die Arbeiten funktioniert haben und so wirkt der Film etwas „zu“ Liebeslastig – ja, auch ein bisschen kitschig, aber das ist ok.

Der Soundtrack Peter Gregsons ist definitiv hörenswert, stark streicherlastig und melancholisch erinnert er an die Werke Vivaldis, schafft also das Leben und das Lebensgefühl so energiereich und elegant darzustellen, was perfekt mit dem Thema Garten und Liebe übereinstimmt.

THE VERDICT: „Die Gärterin von Versailles“ ist ein liebevoller und optisch prächtiger Film mit Starbesetzung, der Lust auf den Frühling macht. Das perfekte für einen lauschigen und ruhigen Abend unter netten Leuten. 7,5 von 10 Sternen

Love, Katha

Die dunkle Welt der Madame Bovary

Autor: Gustave Flaubert
DT: Madame Bovary
OT: Madame Bovary : Mœurs de province.
Genre: Klassiker, Drama
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 1856
Verlag: Insel Klassik
Preis: 8,99€ (Taschenbuch)
ISBN: 978-3458362333
Länge: 455 Seiten

Die wohlbehütet aufgewachsene Emma hat ihre ganz eigene Vorstellung von der Liebe: romantisch und erfüllend stellt sie sich ihre Zukunft als Madame Bovary vor. Doch schon bald folgt die Ernüchterung. Aus Lebens- und Liebeshunger entfiehlt sie der ehelichen Langeweile – und stürzt sich in ein Abenteuer, das unvorhergesehene Konsequenzen nach sich zieht…

Ein Klassiker, den man gelesen haben muss, dachte ich mir bereits beim ersten Anblick. Mit Effie Briest und Anna Karenina gehört Emma Bovary nicht nur zu den großen Höhepunkten der Weltliteratur, sondern auch zu den großen, berühmten Ehebrecherinnen. Liest man diesen Roman, muss man allerdings immer bewusst sein, was diese Handlung für die damalige Zeit bedeutet hat – heute: ein hässliche Untat, damals jedoch: ein unfassbares Verbrechen. Wieso also bricht jemand eine Ehe – besonders in dieser Zeit?
Emma ist ein zartes Wesen und lebt von einer romantischen Vorstellung zu Ehe und doch wird genau diese zerstört.
Dabei ist sie nur anfangs Mitleidsträgerin: Sie lebt in einer unglücklichen Ehe, ihr Mann behandelt sie nicht sonderbar liebevoll und sie vermisst den Ruhm und Glanz in ihrem Leben, den sie sich für diese Zeit ausgemalt hat: Bälle, schöne Kleider. Stattdessen lebt sie mit einem langweiligen Mann in der öden Provinz. So lässt sich Emma von einem prunkvollen Herrn verzaubern für einen großen Preis – ihr Leben verändert sich unaufhaltsam und sie lässt sich fast leidenschaftlich in das Gestrick der Lügen ein, man glaubt fats sie ist fanatisch! Doch statt großer, tiefromantischer Gefühle, hat Emma fast schon etwas psychopathisches, habgieriges, egoistisches, sie stürzt sich in ihre Gefühle und möchte immer nur noch mehr. Das macht sie jedoch auf eine nahezu perverse Art für den Leser interessant – und erneut ruft man sich in den Kopf: eine Frau in dieser Zeit, eine Frau die auch ihre Sexualität leben will. Verboten! Es begeistert mich, wie revolutionär dieser Roman in der Hinsicht ist. Inzwischenzeit spielt ein anderer alter Herr mit ihr, der Stoffhändler, und nutzt ihr blankes Unwissen über Kredite herzlos aus. Die Tragödie ist perfekt.
Flaubert wählt die Worte sorgsam, präzise umschmiegen sie die traurige Welt des kleinen Dorfs, so dass der Leser in die Handlung gut reinfällt. Wunderschön geschrieben, meist etwas ausgeladen, wird einem die tiefe, innere, dunkle Welt Emmas erklärt – sie zu verstehen ist dabei weniger die Aufgabe, als aus ihren Fehlern zu lernen. Sympathisch wird sie nicht. Aber das soll sie auch nicht, worin ich jedoch eine Schwierigkeit sehe, da man als Leser häufig nach einer Figur sucht, mit der man sich identifizieren kann.

Es gibt so eine seltsame indirekte Verpflichtung, sich mit Klassikern auseinanderzusetzen und man muss es, wie ich denke auch mit einer gewissen Vorsicht tun, denn schließlich darf man nie vergessen, dass der heutige Blickwinkel ein ganz anderer ist. Genau darin sehe ich die Schwierigkeit von Madame Bovary, die sich zwar von gesellschaftlichen Konventionen befreien lässt, aber keinesfalls Opfer davon wird, es ist ihr Fehler und sie lebt ihn bewusst. Ich finde es sehr schwierig, Emma als eine Heldin zu betrachten – und ich glaube auch nicht, dass sie von Flaubert als solche angelegt war. Sie sollte schocken, entsetzen.

Als Beitragsbild habe ich ein Foto aus der neusten „Madame Bovary“-Verfilmung gewählt, welche wahrscheinlich gegen 2016 in Deutschland erscheinen wird. Ich bin neugierig!

THE VERDICT: Madame Bovary ist ein trauriger, faszinierender, manchmal recht langatmiger Roman, der zu den Klassikern schlechthin gehört. Manchmal möchte man das Buch genervt in die Ecke werfen, manchmal verfällt man in der Spannung. Diesen Roman liest man nicht nebenbei. Bewusst und mit Pausen. Ich gebe 6,5 von 10 Sternen, da es eine interessante Geschichte ist, aber mich leider nicht mit Herzblut begeistern konnte.

Love, Katha