Maria Stuart

Autor: Stefan Zweig
OT: Maria Stuart
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 1935
Verlag: Fischer Verlag
Preis: 8 Euro(Taschenbuch)
ISBN: 978-3-596-90359-7
Länge: 448 Seiten

Biografie Maria Stuarts (1542- 1587), Köngin von Schottland

Eine kleine Vorgeschichte: Vermutlich wäre ich nie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu lesen, wenn mir nicht ein bisschen auf die Sprünge geholfen wäre. Vor einiegn Jahren bekam ich es zum Geburtstag geschenkt und war regelrecht eingeschüchtert – Zweig, ein großer Autor. Bin ich dem gewachsen? Meine Klassiker-Liebe blühte in den kommenden Jahren langsam auf und manchmal war ich mir unsicher, ob ich es nicht vielleicht lesen sollte, bis es mir auf meiner Arbeit von einem Kunden empfohlen wurde, Maria Stauart habe sein Leben und seine Ansichten verändert. Ich war verblüfft und wollte dem auf den Grund gehen.

Das ist die erste Biografie, die ich gelesen habe und dennoch dünkt mich, dass es keine wirkliche Biografie ist, sondern eine Art proasische Lebensgeschichte mit Stefan Zweig als Moralapostel und leidenschaftlicher Dramaturg.  Ein außerordentlich detailliertes Werk und eine Art von Prosa, wie ich sie bisher nie gekannt habe. Kurz : Dieses Buch ist gewöhnungsbedürftig.

Zunächst sei gesagt: Maria Stuarts sehr dramatisches Leben ist recht deprimierend, wer keine traurigen Geschichten ertragen kann, ist hier falsch. Stefan Zweig ist ehrlich und beschreibt die spannenden Momente so herrlich mitreißend, das man selbst staunt und Seite um Seite liest und kaum aushält, was wohl als nächstes passiert. Die weniger aktiven und handlungslastigen Momente sind jedoch so schrecklich öde, wie sie Stuart vielleicht selbst empfunden hat – man langweilt sich gewissermaßen mit ihr. Obwohl es in Prosa geschrieben ist, erinnert es mich ein wenig an ein antikes Bühnenstück, nicht nur auf Grund der dramatischen Handlung, sondern auch  weil Zweig, ähnlich wie der kommentierende Chor in Sophokles „Antigone“ stets  den moralischen Finger kundtut. Einerseits wertet er, andererseits bezieht er allerdings – besonders im Konflikt Elisabeth I. gegen Maria Stuart! – keine Stellung.

Hat dieses Buch mein Leben verändert? Eher nicht. Was mir allerdings gut gefallen hat, ist nicht nur die Reichhaltigkeit, die vielen Details, aber vor allem dass Zweig keine richtige Position einnimmt und die außerordentliche Wichtigkeit Elisabeths I. herausstellt und wie sich Zeit ihrer Leben langsam die Unmöglichkeit entwickelt hat, dass es nur eine starke Frau auf dieser Insel geben kann. Zweig beweist ein Talent, Charaktere, die er nur aus Dokumenten von Zeitgenossen Stuarts in dieses Buch überträgt und selbst nie erlebt hat, aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und faszinierend plastisch erscheinen zu lassen. Es scheint nahezu unmöglich, dass er nicht selbst dabei gewesen ist. Zweig inspiriert dazu, Geschichte aus mehreren Winkeln zu beleuchten und übertragen ins eigene Leben kleine psychologische Beobachtungen zu machen.

Was ich von diesem Buch gelernt habe? Kenne deinen Feind, sei wachsam und lass ihn Fehler machen.

Mich als großer England und Schottland Fan hat dieses Buch teils wirklich packen können, ich war positiv überrascht wie lebendige das 16. Jahrhundert sein kann. Allerdings ist es wirklich frustrierend und teils langweilig zu lesen, da man letztlich die ganze Zeit auf Stuarts Tod hinliest und weiß, dass es für sie nur schlimmer wird bis zu ihrer „Erlösung“.  Man muss es wirklich konzertiert lesen, allein schon wegen der vielen Charaktere und der Intrigen, um den Inhalt gut mitverfolgen zu können, deshalb denke ich, dass es definitiv kein Buch für Jedermann ist.

Zu dieser Ausgabe: Das Cover, obwohl es leider nicht Maria Stuart sondern eine unbekannte Dame von Hans Holbei d.J. darstellt, gefällt mir außerordentlich gut, es erinnert tatsächlich an die romantische Stuart, die es eher schlicht mochte und viel schwarz in ihrem Leben tragen musste.

THE VERDICT: Eine interessante Biografie, wenn einen Schottland, das 16. Jahrhundert und böse Intrigen und Charakterstudien  faszinieren, für mich aber kein Klassiker, den man gelesen haben muss. Ich konnte mich nur in Teilen ergreifen lassen.  6,5  von 10 Sternen

Love, Katha

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Liebe in Wessex

Autor: Thomas Hardy
DT: Am grünen Rand der Welt
OT: Far from the Madding Crowd
Genre: Drama, Klassiker
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 1874
Verlag: dtv
Preis: 9.90 Euro
Länge: 732 Seiten
ISBN: 978-3423144018

2015 neu verfilmt mit Carey Mulligan, Matthias Schoenaerts und Tom Sturridge

Schon bei ihrer Ankunft fasziniert Bathsheba Everdene die ländlichen Bewohner rund um den kleinen Ort Weatherbury. Sie ist schön, kapriziös und kess und damit erregt sie vor allem das Interesse der Männerwelt. Schon bald umkreisen besonders drei Verehrer die freiheitsliebende und unabhängige Erbin: der treuherzige Farmer Gabriel Oak, der wohlhabende Grundbesitzer William Boldwood in der charmante Soldat Francis. Bathsheba genießt das Werben um ihre Gunst und trifft schließlich eine Entscheidung. Doch das Schicksal verfolgt einen anderen Plan (Klappentext)

Kleines Aber am Anfang: Ich würde bei „Am grünen Rand der Welt“ keinesfalls von einer „Klassischen Liebesgeschichte“ sprechen, wie es im Klappentext heißt. Zwar handelt es sich um einen Klassiker – und wahrscheinlich ist klassisch irreführenderweise so gemeint – aber einer klassischen Liebesgeschichte, wie beispielweise „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë gleicht er keinesfalls.  Dieser Roman ist so herrlich zynisch, besonders gegenüber von der Liebe, man sollte lieber  von einem Klassiker der Literatur und einer unkonventionellen Liebesgeschichte sprechen.

Die Figuren sind in diesem Roman dank ihrer Verschiedenheit, ihren Fehlern und Tugenden, der schlichten Menschlichkeit ohne Zweifel ein Juwel. Auch wenn Hardy herrlich blumig schreibt und man das weitläufige Südengland vor seinem geistige Auge aufblühen sehen kann mit jedem kleinen verwitterten Mäuerchen, so sind es Bathsheba, Oak, Boldwood und Francis, die einen bleibenden Eindruck beim Lesen hinterlassen.
Es gibt keinen wirklichen Helden, kleiner sticht heraus mit seinen Tugenden und man kann sich in jede der einzelnen Rollen hineinversetzten. „Am grünen Rand der Welt“ fordert förmlich heraus, sich mit verschiedenen Perspektiven und verschiedenen Charakteren auseinanderzusetzen, ihre Motive zu verstehen (auch wenn sie nihct zwangsläufig nachvollziebhar sind), denn niemand ist per se „der Böse“, auch wenn eine Figur in vielem Momenten vermutlich den düstersten Charakter zu haben scheint.

Fast schon etwas Kommentierendes hat Hardy eingebaut, wie er über die Liebe, die Gier und Habsucht, Betrug, Stolz, die Schwäche, die Ergebenheit seiner Charaktere herzieht. Verächtlich? Vielleicht, aber vor allem mit sehr wachem Blick. Die erste, flammende, blind machende Liebe wird hier so realistisch erzählt und gleichzeitig der Leser wachgerüttelt, neben all der Romantik genauer hinzusehen, was diesen Roman zu einer  zeitlosen Erzählung macht.

Allerdings ist es manchmal für meinen Geschmack doch etwas langatmig. Selbst, wenn man alsbald mit Hardys Humor und den wunderbaren Landschaftsbeschreibungen belohnt wird, hätte die Geschichte weitaus flotter vorangehen können. Vermutlich hält dies primär die Menschen vom Lesen dieses Romans ab, die an der Grundidee sehr interessiert wären, aber mehr Energie in der Handlung wünschen – denn manchmal flüchtet sich hier die Handlung ins Irrelevante. Natürlich, ein Klassiker hat es oft an sich, dass er, grob gesagt “ nichtzu Potte zu kommt „, was  grundsätzlich nichts schlechtes ist und manchmal höchst notwendig für die Entwicklung der Figuren, aber  hier stört es manchmal leider wirklich beim Lesefluss.

Im Hinblick auf die Verfilumg: Dies ist eines der Bücher, bei welchen ich die filmische Adaption zuerst gesehen habe und danach das literarische Werk genossen. Ich wusste uvor nicht einmal, wer Thomas Hardy war, geschweige denn, dass es dieses Buch gibt. Insofern empfand ich den Film als sehr inspirierend. Rückblickend empfinde ich die Verfilmung (Rezension hier) auch angenemessen und hervorragend gemacht, wenn ich gedanklich das Buch miteinbeziehe, jedoch muss ich auch sagen, dass der Film die Geschihte romantsicher auslegt, als der Roman es vorsieht. Jedem, der Thomas Hardy „light“kenennlernen möchte, kann ich den Film ans Herz legen.

THE VERDICT: Ein ungewöhnlicher Klassiker mit scharfen Beobachtungen über die ländliche Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts, gut geschrieben und mit faszinierenden Figuren. Für eine Liebesgeschichte etwas zu nüchtern, für eine Gesellschaftskritik zu romantisch.  Ein guter Roman, der mich jedoch nicht vollständig mitreißen konnte. 7,5 von 10 Sternen

Love, Katha

Der Leuchturm und das Kind

Autor: M.L. Stedman
OT: The Light Between Oceans
Genre: Drama
Sprache: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Ersterscheinung: 2012
Verlag: Scribner / Simon and Schuster
Preis: 17 US Dollar
ISBN: 978-1-4516-8175-8
Länge: 345 Seiten

Auf Deutsch unter dem Titel „Das Licht zwischen den Meeren“ erschienen.

„The light between oceans“ erschien gleichnamig 2016 als Film mit Michael Fassbender, Alicia Vikander und Rachel Weisz in den Hauptrollen.

Als Tom Sherbourne nach Jahren an der Front des Ersten Weltkrieges, eine Stelle als Leuchtturmwärter auf der Insel Janus Rock erhält, verfolgen ihn noch immer traurige Erinnerungen. Dann und wann fährt ein Boot ihn zur Küste, in den nächstgelegene Stadt Partageuse, wo er eines Tages die junge Isabel Greysmark kennenlernt. Auf eine ganz besondere Weise schafft sie es wieder, das Totgeglaubte in ihm zum Leben zu erwecken. Bald heiraten sie und ziehen gemeinsam auf die isolierte Insel. Isabel wünscht sich neben ihrem geliebten Mann unbedingt ein Kind und träumt davon, als Mutter aufzublühen, doch nach zwei Fehlgeburten, ist sie nicht mehr die alte. Als jedoch eines Tages auf mysteriöse Weise in einem Boot ein toter Mann und ein lebendes Baby angespült werden, weiß Isabel, dass das ein Zeichen Gottes ist und so tauft sie das Kind liebevoll Lucy. Tom hingegen plagen schreckliche Schuldgefühle, besonders als sich herausstellt, dass eine Frau namens Hannah Roennfeld auf dem Land ihren Mann und ihr Baby vermisst…

Wer vielleicht den Trailer der Verfilmung gesehen haben mag, wird glauben, dass der Plottwist in meiner Zusammenfassung schon gesagt worden ist – so ist es definitiv nicht. Im Grunde erledigt sich diese Vorgeschichte auf gut ein drittel des Buches und wird ziemlich schnell angedeutet und bildet somit den Grundstein für dieses Drama.

M.L. Stedmans Roman ist in drei Teile gegliedert: Zum einen das herrlich romantische und zarte Zusammentreffen von Tom und Isabel, welches sich beim Lesen anfühlt, als sie man selbst verliebt.
Im zweiten Teil deutet sich die Tragödie an und bildet die zwei Seiten, zwischen denen Tom steht und verzweifelt versucht die Gerechtere zu finden: Seine Frau, die von nichts mehr träumt, als eigene Kinder zu haben, allerdings keine haben kann und ohne Lucy in eine schwere Depression fallen würde und Hannah, die Tochter eines reichen Tycoons, die einen Deutschen geheiratet hat, welcher von der ganzen Stadt gehasst und auf das Meer getrieben wurde, da er von wütenden Veteranen verfolgt wurde und seither samt Kind aus ihrem Leben gerissen wurde.
Im dritten schließlich, nun, ich will nicht spoilern.

Besonders durch den Schreibstil werden die schönen Momente wie in leuchtendem Licht darstellt, die Kargheit eines Insellebens genauso trocken ausgedrückt und irgendwo dazwischen liegt eine seltsame Grundstimmung, welche sich wie ein Gewitter aufbaut.

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Das fiese an dem Roman ist, dass aus diesen drei Perspektiven geschrieben wird und man sich sehr gut in Isabel, Tom und Hannah hineinversetzten kann, da man von jeder Figur ihre Wünsche, Gedanken, Hoffnungen und Gefühle direkt mitbekommt und der Roman dadurch nicht nur inhaltlich grausam tragisch ist, sondern auch der*die Lesende selbst, weil es unfassbar schwer ist, selbst zu entscheiden, mit wem man sympathisieren soll. M.L. Stedman hat ein Drama von einem sehr authentischen Gefühlschaos mit viel Tiefe konstruiert und ist dabei keineswegs kitschig, sondern strikt und knallhart. Was die Charaktere besonders real macht, ist die Tatsache, dass sie alle ihre Ecken und Kanten haben und stellenweise auch ziemlich unsympathisch seien können.

„Das Licht zwischen den Meeren“ ist dramatisch aufgebaut wie eine griechische Tragödien, nur mit dem Unterschied, dass nicht alle am Ende sterben – stattdessen ist das eigene Herz gebrochen und einige Tränen vergossen.

Insofern lässt es sich nicht anders ausdrücken, als zu sagen, wer diese Art von Roman lesen will, muss schon masochistisch verlangt sein (zumindest lesetechnisch), weil es einfach nur unglaublich wehtut, verzweifelt und hilflos dieser drei Schicksale ausgeliefert zu sein.
Ich habe dem ersten Teil des Buches für seine besonders zarte Seite sehr geliebt, doch im tragischen Teil wurde es mir manchmal auch einfach zu viel, ich war den endlosen Kreisbewegungen der Frage um das Kind einfach nervlich nicht gewachsen.

Die Kehrseite dieses sprachlich auch sehr ungewöhnlichen Romans, zeigt sich im dritten Teil, wo das hin und her von Lucys Schicksal doch deutlich langatmiger ist, als die ersten beiden Teile des Romans. Hier muss man sich als Lesende*r als geduldig erweisen und durchhalten, was echt schade ist, da das den Spannungsbogen ziemlich senkt.

THE VERDICT: Ein tragischer, trauriger, das Herz zerschmetternder Roman, der sich zweiweise echt hinzieht, aber auch zu Tränen rührt und im Innersten schmerzt. Zusammenfassend war es teils einfach zu viel für mich. Deshalb gute 7,5 von 10 Sternen.

Love, Katha

Die unsterbliche Familie Salz

https://i2.wp.com/www.dtv.de/_cover_media/450b/9783423280921.jpgAutor: Christopher Kloeble
OT/DT: Die unsterbliche Familie Salz
Genre: Familiengeschichte
Ersterscheinung: 2016
Verlag: dtv
Preis: 22 Euro (gebunden)
Länge: 440 Seiten
ISBN: 978-3423280921

Diesmal möchte ich meine Rezension etwas anders aufbauen, um meinem Ärger Herr zu werden, denn dieses Buch ist für mich der Beweis davon, wie sehr man sich beim Überfliegen eines Klappentextes, von einem tollen Cover und einem interessanten Buchtitel blenden lassen kann.

Inhalt Klappentext vom Verlag (dtv) : Reich an Glanz un voller dunkler Seiten ist die Geschichte der außergewöhnlichen Familie Salz: Sie beginnt Anfang des 20. Jahrhundertd mit Intrigen in Münchener Bierkellern und einem folgenschweren Mord in Leizig. In den 40er Jahren muss sich Lola Salz auf eine Odysee quer durch das Deutsche Reich begeben; das Leben mit ihr beschreibt ihre Tochter in den 60er Jahren als Horror. Kurz Salz ist 1989 Teil einer herrlichen Wendekomödie, in der alle Karten der Familie neu gemischt werden. Seine Tochter Emma Salz sucht aber 205 detektivisch nach ihrem Schatten und der Wahrheit. Im Zentrum stehen immer das prächtige Hotel Fürstenhof in Leipzig, Zuhause und Existenzgrundlage der Familie Salz, – und die Frage: Welcher Schatten werfen wir auf die Generationen nach uns?

Wer sich nun eine Familiensaga vorstellt wie die Verfilmung der Adlon-Dynastie oder Ähnliches irrt sich. Wer sich eine Familiengeschichte vorstellt, irrt sich.
In einem hat der Klappentext allerdings recht „Horror“. Kurz und knapp, der Inhalt ist eher so:

Tatsächlicher Inhalt: Lola Rosa Salz und ihre Familie machen sich das Hotel „Fürstenhof“ 1914 zu eigen, indes wird Lolas Mutter krank und fällt ins Koma. Als Lola nachts dem Jungen Maria auf dem Dach begegnet, deutet Lola fortan alles nach den Schatten eines Menschen deuten. Als der Junge sie überzeugt ihre halbtote Mutter mit einem Kissen zu ersticken, wird Lola in ein Internat geschickt und vom Fürstenhof verbannt, den sie für die nächsten 50 Jahre abgrundtief hassen wird.
Sie lernt ihren Mann kennen, bekommt zwei Kinder, sie müssen sich durch den Krieg schlagen. In den 60er Jahren wird Lola alkoholsüchtig und erzählt ihrer knapp 17 Jährigen Tochter Aveline stets vor dem Einschlafengehen, dass sie auf den Schatten der Menschen achten muss, um nicht vergewaltigt werden zu müssen. Aveline entdeckt in dieser Zeit ein alkoholhaltiges Beruhigungsmittel, konsumiert dieses exzessiv, lässt sich von einem jungen Mann schwängern, der sie zur Geburt ihres Sohnes verlässt. In den späten Achtzigern verliebt sich ihr Bruder bei einer Polizeikontrolle und einenm kurzen Blick in ein DDR-Mädchen und will das Hotel wiedererobern, was die Familie komplett auf den Kopf stellt, weil „Mutti“ Lola ganz andere Pläne hat.

Die Schattenparanoia bleibt durchgehend und steigert sich sogar: zum Ende hin wirkt es, als seien Charakter oder Äußeres ganz gleichgültig und als könne der Schatten durch eine Art übernatürliche Macht etwas über das tiefste Innere eines Menschen aussagen, was mir etwas zu absurd wurde, denn wenn ein Mensch keinen Schatten hatte (wie auch immer das funktionieren sollte), dann sei er böse. Erschrocken las ich auf mehreren Seiten Begeisterungslieder über die Genialität und die philosophische Tiefe dieser Schatten, was es vielleicht gewesen wäre, wenn nicht jeder Schatten zur zweiten Hälfte des Buches als Vergewaltiger gedeutet worden wäre und ihm die Bedeutung angemessen wurde, als sei er der Heilige Gral. Nach einer Weile war ich schlichtweg genervt und gegruselt, was für ein furchtbaren Schmarrn ich las.
Gleichzeitig gab es auch einen Fall im Buch, wo eine Figur keinen Schatten sehen konnte – was mich verwirrt und verstört zurückließ. Wohin wollte dieses Buch? Es schien mir, als sei sich der Autor selbst nicht sicher gewesen, worüber er schriebn. Meiner Meinung nach wurde aus einer interessanten Legende ein abgedroschenes Mystery-Ding.

Ein Pluspunkt war für mich der Anfang, wo Lola auch noch etwas urig und sympathisch war, ich hatte lauter Ideen, wie sich das Buch entwickeln könnte, die besondere Freundschaft zu Maria wurde leider abgebrochen (was noch nachvollziehbar war), der Kampf ums Leben und durch den Krieg war sehr fesselnd und traurig, wirkte aber durch seine Brutalität und der beschriebenen Angst äußerst realistisch, was mir sehr gefiel – doch ab der Nachkriegszeit wurde die ganze Familie komplett verrückt.

Allerdings muss man dem Buch lassen, dass es in jeder Hinsicht außergewöhnlich ist, ja, auch die Idee mit dem Schatten, aber auch die Betrachtung der Geschichte aus den verschiedenen Perspektiven, empfand ich als ziemlich grandios und abwechslungsreich. Nur die Umsetzung war gruselig und abschreckend.
Beispielsweise mochte ich sehr, dass Aveline ihren Teil aus der „Du“-persepktive erzählt, fand es aber bei Alfons ganz schrecklich das sämtliche wörtliche Rede schlichtweg kursiv geschrieben wurde. Aber das war noch in Ordnung, später im Buch war wörtliche Rede überhaupt nicht mehr gekennzeichnet und war nur bedingt zu erkennen (meist erst im Nachhinein, was den Lesenfluss nicht begünstigt.)

Dieses Buch habe ich als Rezensionsexemplar von Vorablesen erhalten.

THE VERDICT: Anfangs noch sehr reizvoll und spannend, wird der Roman bei gut der Hälfte zunehmend mysteriöser, böser, verwirrender und komplett NICHT nachvollziehbar und war deshalb eine riesige, nervige Enttäuschung. Ich war froh, als ich es endlich weglegen konnte. 1 von 10 Sternen – Hände weg, es gibt so viel bessere, mysteriöse Familiengeschichten.

Love Katha

Quellen
Cover

Vom Ende der Einsamkeit

Autor: Benedict Wells
OT/DT: Vom Ende der Einsamkeit
Genre: Drama
Ersterscheinung: 2016
Verlag: Diogenes
Preis: 22 Euro (in Leinen gebunden)
Länge: 368 Seiten
ISBN: 978-3-257-069587

Ausgezeichnet mit dem Europäischen Preis für Literatur

Jules und seinen älteren Geschwistern Liz und Marty, welche ihre Eltern durch einen Unfall im Kindesalter verlieren und in den 1980ern in einem Internat in Süddeutschland großwerden. Grundverschieden, bekäpmft jeder Charakter den Verlust anders, doch im Mittelpunkt steht Jules, einst selbstbwusst, zieht er sich nun zurück.

Ist das Leben ein Spiel, in dem Glück mit Pech bestraft wird, eine Art Nullsummenspiel? Dieser Frage geht Benedict Wells Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ nach. Der Roman erzählt von Aufarbeitung, Verlust, verpassten Chancen, großen Hoffnungen, Einsamkeit und vor allem Liebe.

Mit den Worten „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich“ beginnen, wirft Wells einen sofort in die Erzählung – ein ganz großartiger erster Satz, der mich sofort neugierig machte. Ein Mann wacht nach einem Motorradunfall im Krankenhaus auf und erinnert sich plötzlich, warum er dort liegt. Doch dann beginnt der Roman chronologisch mit seiner Kindheit.

Jules‘ Erwachsenwerden wird von grundlegenden philosophische Fragen des Seins begleitet, sowie kleinen Zitaten von Rainer Maria Rilke oder Zeilen aus Liedern wie Paolo Contes „Via Con Me“, welches ein wiederholendes Motiv ist. Dabei sorgen diese überlappenden Momente für eine mitfühlbare Lebenswirklichkeit, als würde man sich mit Jules miterinnern. Häufig scheinen Kapitel wie Fragmente aus seinem Leben, die wie Puzzelteile aneinandergereiht das Bild vom verwirrten Mann mit dem Motorradunfall klarer werden lassen – um ihn nicht nur zu verstehen, sondern auch mitzufühlen! Denn genau das Fühlen steht bei diesem Roman im Vordergrund, mal Schmerz, mal Aufregung oder die reinste Freude, welche durch Wells sehr ruhigen, poetischen Schreibstil untermalt werden. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die Beschreibung vom Jules Schwester, die während seiner Kidnheit im Heim unglaublich fern und unerreichbar war: „Sie redete, wie ein Verdurstender trinken würde: gierig nach jedem einzelnen Wort“

Es sind die Sehnsüchte und das Innenleben der Menschen, welche Wells sehr gut zu verstehen scheint. So wird von der äußeren und innen Welt gesprochen und wie Jules nicht mehr den Zugang zu ersterer findet. Ständig stellt er sich die Frage, was wäre wenn… Dese Menschlichkeit und die Liebe für das Detail lassen die Figuren in diesem Roman sehr plastisch wirken, als würde man sie kennen – aber irgendwie auch nicht, wie im echten Leben.

Auch die große Frage nach einem Beruf, einer Lebensaufgabe ist ein wichtiges Thema: Kaum ein Mensch kommt an Jules rann, er trottet erfolglos durch das Leben und weiß nicht, was er will, nur die Erinnerung an die geheimnisvolle Alva, die er bereits aus Schulzeiten kennt, scheint ihn nicht loszulassen. In seiner Jugend pflegten sie eine besondere Freundschaft, doch werden die beiden sehr lange nicht über ihre Gefühle sprechen. Berührend und mit Erinnerungsfragmenten erzählt Wells von den intensivsten Momenten einer Liebesgeschichte.
Überwältigend schön und gefühlsintensiv kreiert Wells in seinem Roman eine Geschichte, die mit ihrer zarten Melancholie, aber auch der leuchtenden Freude wie aus dem Leben gegriffen scheint.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist eines dieser Bücher, die man fast schon langsam lesen will, um jede Seite auszukosten und die ein merkwürdiges Gefühl von Leere und Erfüllung hinterlassen, wenn man es durchgelesen hat. Ich bin noch immer absolut berührt und möchte diesen Roman jedem ans Herz legen.

Zu guter Letzt möchte ich das Cover loben, welches wie die typischen Diogenes Bücher aufgebaut ist und eine Illustration von Elizabeth Peyton zeigt, die hervorragend zur Geschichte passt – schlicht und schön.

THE VERDICT: Ich wüsste es nicht besser auszudrücken, als einfach zu sagen, dass dies eines der besten und berührensten Bücher ist, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. 10/10 Sternen

Love, Katha

Tiefe Melancholie

Autor: Charlotte Brontë
DT: Jane Eyre. Eine Autobiografie
OT: Jane Eyre. An Autobiography
Genre: Klassiker, Liebesgeschichte
Ersterscheinung: 1847
Verlag: dtv
Preis: 9.90
Länge: 656 Seiten
ISBN: 978-3423143547

Zunächst möchte ich sagen, dass sich meine Rezension zu großen Teilen auf den Inhalt des Romans konzentriert, ich in Teilen aber auch diese Ausgabe bewerte. Wie bei vielen Klassikern, kann man auch Jane Eyre in unterschiedlichsten Ausgaben und Übersetzungen erhalten.

Charlotte Brontës Roman erzählt die Geschichte des Waisenmädchens Jane Eyre, welches eine triste Kindheit bei ihrer Adoptivfamilie erlebt und schließlich fortgeschickt wird auf eine strenge Mädchenschule. In Lowood erlebt Jane Eyre eine Welt aus Sparsamkeit, Demut und wird in dieser aufgezogen zu einer stillen, tüchtigen Person. Als sie schließlich die Schule verlässt, um die Stelle als Gouvernante anzutreten, ahnt sie nicht von den Konsequenzen. Die ersten Monate auf Thornfield Hall verlaufen ruhig, Jane fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben wohl und am richtigen Platz. Doch als eines Tages der Hausherr Mr. Rochester eintrifft, verändert sich alles.

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Es gibt manche Bücher, von denen geht ein ganz gewisser Zauber aus, Geschichten, die es schaffen etwas mit mehrdimensionalen Charakteren und einer wunderschönen Prosa in einem erblühen zu lassen. Jane Eyre von Charlotte Bronte ist eines dieser unglaublich schön geschriebenen Bücher, die einen selbst nach dem Lesen noch immer beschäftigen.
Vor ein paar Jahren sah ich das erste Mal den Film zu Jane Eyre mit Mia Wasikowska und Michael Fssbender (Rezension hier!) und war von der Weise der ruhigen,verwunschenen Melancholie total angetan. Entsprechend nahm ich mir vor, den großen Klassiker zu lesen – es sollte nicht lange dauern, dass ich mir die wunderschöne dtv Ausgabe zu legte, aber noch ein ganzes bisschen, bis ich tatsächlich zu lesen anfing.

Zugegebnerweise habe ich etwas länger gebraucht, um mich wirklich in den Roman hineinzufühlen, mehre Male legte ich das Buch für Wochen weg, besonders auf den ersten 100 Seiten packte mich keineswegs die Begeisterung – andererseit waren es genau die tristen Zeit Janes, die so verdammt authentisch waren, dass es grausam traurig war, von der schreienden Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt, zu lesen. In mancherlei Hinsicht, ist dieses Buch nicht leicht zugänglich. Als es dann weg von Lowood ging, konnte ich das Buch nicht mehr weglegen und war hin und weg, Jane wurde immer mehr zu einem wirklichen, greifbaren Charakter, den ich bewunderte! Teils lässt Charlotte Brontë den Leser richtig zappeln, es ist fast schon seltsam, wie spannend ein Liebesroman werden kann.

Ich muss zugeben, dass ich absolut begeistert bin, vor allem die romantischen Szenen, die ich im Film bemängelte, ließen mein Herz beim Lesen höher schlagen, als könne ich selbst in die dunklen, geheimnisvollen Augen von Mr Rochester sehen und bekäme augenblicklich Gänsehaut.
Eine weitere Sache, die mir unglaublich gut gefallen hat, waren die Charaktere, insbesondere Jane Eyre, die von einem rebellischen Kind zu einer sehr zurückhaltenden Dame wird, aber nie ihr Mundwerk mit bissigen, klugen Kommentaren verliert. Sie besitzt eine gewisse Wandlungsfähigkeit, scheint aber eher mit dem Buch zu lernen, ein stärkerer Charakter zu werden. Zu dem besitzt Charlotte Brontë einen unglaublichen Geist, eine Art Weitblick – ich hatte beim Lesen gar das Gefühl mit einer sehr intelligenten jungen Dame zu sprechen, die für ihre Zeit tatsächlich emanzipiert ist. Doch nicht nur Jane Eyre, sondern sämtliche andere Charaktere werden detailgetreu gezeichnet und gewinnen durch Janes Ich-Perspektive noch mehr Fülle durch ihre Kommentare und Beobachtungen.

Was auf den ersten Blick etwas befremdlich schien, war die religöse Komponente, die allerdingt in Anbetracht der Zeit, in welcher der Roman spielt, keineswegs überraschend ist. Diese wird vor allem auf Janes „Reise“ im letzten Teil des Buchs betont, zeugt gleichzeitig aber auch von der enormen Vielfältigkeit des Romans.

Ein großer Pluspunkt ist, dass der Roman wunderschöne Beschreibungen von Räumen, Landschaften und Personen enthält, die das Buch förmlich zum Gedankenkino werden lassen. Natürlich – wie auch bei fast jedem Klassiker – gibt es Momente, da sind diese fast schon zu romantisch und man wünscht sich mehr wörtliche Rede, die kommt zum Glück aber auch nicht zu kurz. Meiner Meinung nach leben diese Romane allerdings auch von dieser prosaischen Kraft, präzise beschreiben zu können.

Zu dieser Ausgabe: Zum ersten möchte ich diese wunderschöne Ausgabe, die nun neben anderen Klassikern mein Bücherregal ziert, loben. Das Format ist in eine Art Stoff gebunden, dennoch ein sehr handlichen Taschenbuch. Für manche mögen die Buchstaben möglicherweise etwas klein gedruckt sein, ich empfand es nicht als störend. Zur Übersetzung ist mir aufgefallen, dass der Stil teils recht modern klingende Wörter verwendet und dadurch der Roman recht frisch und flüssig lesbar daher kommt. Wie bei jedem Klassiker empfielt es sich natürlich, dass jeder, der kann, dieses Meisterwerk im Original liest. Alles in einem also sehr gelungen und einem mehr als gutem Preis. Ich bin ehrlich begeistert und würde mich freuen, wenn der dtv zu mehr als nur Jane Austen und den Bronte Schwestern so tolle Ausgaben zaubern würde!

THE VERDICT: Ich muss nicht viel mehr sagen, als dass ich dieses Buch liebe, denn es hat mich verzaubert durch seine Charaktere und den wunderbaren Schreibstil, da verzeiht man auch gerne ausufernde Landschaftsbeschreibungen. Nun ist es eines meiner Lieblingsbücher. Unbedingt lesen! 10 von 10 Sternen.

Love, Katha

Die dunkle Welt der Madame Bovary

Autor: Gustave Flaubert
DT: Madame Bovary
OT: Madame Bovary : Mœurs de province.
Genre: Klassiker, Drama
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 1856
Verlag: Insel Klassik
Preis: 8,99€ (Taschenbuch)
ISBN: 978-3458362333
Länge: 455 Seiten

Die wohlbehütet aufgewachsene Emma hat ihre ganz eigene Vorstellung von der Liebe: romantisch und erfüllend stellt sie sich ihre Zukunft als Madame Bovary vor. Doch schon bald folgt die Ernüchterung. Aus Lebens- und Liebeshunger entfiehlt sie der ehelichen Langeweile – und stürzt sich in ein Abenteuer, das unvorhergesehene Konsequenzen nach sich zieht…

Ein Klassiker, den man gelesen haben muss, dachte ich mir bereits beim ersten Anblick. Mit Effie Briest und Anna Karenina gehört Emma Bovary nicht nur zu den großen Höhepunkten der Weltliteratur, sondern auch zu den großen, berühmten Ehebrecherinnen. Liest man diesen Roman, muss man allerdings immer bewusst sein, was diese Handlung für die damalige Zeit bedeutet hat – heute: ein hässliche Untat, damals jedoch: ein unfassbares Verbrechen. Wieso also bricht jemand eine Ehe – besonders in dieser Zeit?
Emma ist ein zartes Wesen und lebt von einer romantischen Vorstellung zu Ehe und doch wird genau diese zerstört.
Dabei ist sie nur anfangs Mitleidsträgerin: Sie lebt in einer unglücklichen Ehe, ihr Mann behandelt sie nicht sonderbar liebevoll und sie vermisst den Ruhm und Glanz in ihrem Leben, den sie sich für diese Zeit ausgemalt hat: Bälle, schöne Kleider. Stattdessen lebt sie mit einem langweiligen Mann in der öden Provinz. So lässt sich Emma von einem prunkvollen Herrn verzaubern für einen großen Preis – ihr Leben verändert sich unaufhaltsam und sie lässt sich fast leidenschaftlich in das Gestrick der Lügen ein, man glaubt fats sie ist fanatisch! Doch statt großer, tiefromantischer Gefühle, hat Emma fast schon etwas psychopathisches, habgieriges, egoistisches, sie stürzt sich in ihre Gefühle und möchte immer nur noch mehr. Das macht sie jedoch auf eine nahezu perverse Art für den Leser interessant – und erneut ruft man sich in den Kopf: eine Frau in dieser Zeit, eine Frau die auch ihre Sexualität leben will. Verboten! Es begeistert mich, wie revolutionär dieser Roman in der Hinsicht ist. Inzwischenzeit spielt ein anderer alter Herr mit ihr, der Stoffhändler, und nutzt ihr blankes Unwissen über Kredite herzlos aus. Die Tragödie ist perfekt.
Flaubert wählt die Worte sorgsam, präzise umschmiegen sie die traurige Welt des kleinen Dorfs, so dass der Leser in die Handlung gut reinfällt. Wunderschön geschrieben, meist etwas ausgeladen, wird einem die tiefe, innere, dunkle Welt Emmas erklärt – sie zu verstehen ist dabei weniger die Aufgabe, als aus ihren Fehlern zu lernen. Sympathisch wird sie nicht. Aber das soll sie auch nicht, worin ich jedoch eine Schwierigkeit sehe, da man als Leser häufig nach einer Figur sucht, mit der man sich identifizieren kann.

Es gibt so eine seltsame indirekte Verpflichtung, sich mit Klassikern auseinanderzusetzen und man muss es, wie ich denke auch mit einer gewissen Vorsicht tun, denn schließlich darf man nie vergessen, dass der heutige Blickwinkel ein ganz anderer ist. Genau darin sehe ich die Schwierigkeit von Madame Bovary, die sich zwar von gesellschaftlichen Konventionen befreien lässt, aber keinesfalls Opfer davon wird, es ist ihr Fehler und sie lebt ihn bewusst. Ich finde es sehr schwierig, Emma als eine Heldin zu betrachten – und ich glaube auch nicht, dass sie von Flaubert als solche angelegt war. Sie sollte schocken, entsetzen.

Als Beitragsbild habe ich ein Foto aus der neusten „Madame Bovary“-Verfilmung gewählt, welche wahrscheinlich gegen 2016 in Deutschland erscheinen wird. Ich bin neugierig!

THE VERDICT: Madame Bovary ist ein trauriger, faszinierender, manchmal recht langatmiger Roman, der zu den Klassikern schlechthin gehört. Manchmal möchte man das Buch genervt in die Ecke werfen, manchmal verfällt man in der Spannung. Diesen Roman liest man nicht nebenbei. Bewusst und mit Pausen. Ich gebe 6,5 von 10 Sternen, da es eine interessante Geschichte ist, aber mich leider nicht mit Herzblut begeistern konnte.

Love, Katha

The Imitation Game

DT: The Imitation Game – ein streng geheimes Leben
OT: The Imitation Game
Drama: Thriller, Historiendrama
Cast: Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Matthew Goode, Mark Strong, Allen Leech, Charles Dance
Regie: Morten Tyldum
Drehbuch: Graham Moore (auf Grundlage von Andrew Hodges‘ „Alan Turnig – Enigma“)
Musik:
Alexandre Desplat
Erscheinungsjahr:
2014
Länge:
ca. 113 Minuten
FSK:
12 Jahre

„The Imitation Game“ handelt von der Geschichte des britischen Mathematikers und Kryptoananalytikers Alan Turning, basierend auf der Biografie „Alan Turing – Enigma“ des britischen Mathematikers Andrew Hodges. Der Film wird auf drei Zeitebenen, Alans Kindheit in King’s College (1927, Cambridge), dem zweiten Weltkrieg (1939) und die kriminalistische Aufarbeitung seiner Vergangenheit (1951), die nicht chronologisch sind, sondern in Rückblenden oder vorausschauend gezeigt werden, erzählt. Der wichtigste Part ist natürlich das Entwickeln der Turning-Bombe in Bletchley Park mit Hilfe von Hugh Alexander, Joan Clarke, Peter Hilton und John Cairncross um Enigma zu knacken.

Besonders über die Besetzung habe ich mich sehr gefreut, da einige Schaupieler, die ich sehr mag und ich mir gut für die Rollen vorstellen konnte, dabei sind.
Hierbie spielt ein sehr überzeugender und authentischer Benedict Cumberbatch die Rolle des Alan Turing. Natürlich ist es immer schwierig, eine Biografie zu verfilmen, ob die Person exakt so war, oder ob in das Drehbuch viel zu viel hineininterpretiert wurde, kann ich nicht sagen. Dennoch muss man anmerken, dass die Rolle sehr glaubhaft und hervorragend geschauspielert wirkt, besonders die Emotionen und der hochgradig interessante Charakter Turings, ziehen einen in den Bann. Allerdings muss ich mich auch als etwas voreingenommen bekennen, da ich ein sehr großer Benedict Cumberbatch-Fan bin.
Auch Keira Knightley, die ich ebenfalls sehr schätze, spielt ihre Rolle der Joan Clarke emotional und mit Überzeugungskraft. Was mich etwas überraschte, war das doch sehr enge Verhältnis der beiden zueinander, von welchem es auch in der Biografie Turings hieß, dass es nicht so innig gewesen sei wie dargestellt, was mich etwas störte.
Ebenfalls gefreut habe ich mich über Mark Strong, der Major General Stewart Menzies spielt, da er auch hier mal wieder in der Rolle des strengen, ausnahmsweise nicht ganz so bösen, aber etwas unheimlichen Chiefs des MI6 brilliert.

Der Score gehört zu meinen absoluten Highlights des Filmes – aber was kann man schon bei Alexandre Desplat erwarten? Er leistet wieder durch charakteristische, den Film sehr gut unterstreichende Themen, Spitzenarbeit. Das Hauptthema „The Imitation Game“ ist ein wunderbares Zusammenspiel aus engergie- und spannungsgeladenen Komponenten, die unter andrem an das Tippen einer Enigma-Maschiene erinnern, im Einklang mit emotionalen Streichern und tiefen Tönen, welche die hoffnungsvollen, spannenden Szenen wundervoll unterstreichen. Dazu laute Töne, um die Wirren und Bomben des Zweiten Weltkrieges darzustellen. All dies, ohne langweilig oder wiederholend zu wirken. Vielleicht kein Soundtrack für zu Hause zum Nachhören, aber makellos geschneidert für diesen Film.

Ich mag den Film an sich wirklich sehr, betrachtet man ihn als fiktives Werk, ist er in sich weitestgehend schlüssig und hervorragend, leider gibt es einige inhaltliche (z.B. im Bezug auf die Turning-Maschine) und historische Fehler, welche die Grandiosität verpfuschen. Zum einen, wie bereits erwähnt, das innige Verhältnis zu Joan Clarke, zum anderen die Zusammenarbeit John Cairncrosses und Alan Turnings, die für hochgradig unwahrscheinlich gehalten wird, hier aber direkt als im „Team“ eingebunden dargestellt wird. Im Übrigen wird auch Tipp-Ex verwendet, den es damals allerdings noch nicht gab. Auf der anderen Seite ist dies natürlich ein Historienfilm und keine Dokumentation, einige Dinge werden etwas massentauglicher gemacht, ob das gut oder schlecht ist, muss jeder für sich selbst wissen. Ich betrachte es mit Zähneknirschen, da mir das Einbinden John Cairncrosses etwas Magenschmerzen bereitet.

THE VERDICT: Mir fällt es ziemlich schwer eine Bewertung zu schreiben, denn aus der anfänglichen Euphorie ist Nachdenklichkeit geworden. Ich erachte es als schwierig, eine Biografie zu verfilmen, umso trauriger sind die enthaltenen Fehler, die ich in meiner Wertung berücksichtigen muss. Dennoch ist natürlich kein Historienfilm perfekt und wahrscheinlich sollte man auch nicht mit dieser Erwartung ins Kino gehen – dafür gibt es die Biogarfie. Die hervorragende schauspielerische Leistung aller Schauspieler und insbesondere Benedict Cumberbatchs und der emotionale und spannungsgeladene Soundtrack machen allerdings die kleinen Fehler nicht wett, weshalb ich nicht die volle Punktzahl geben kann. Deshalb sind  es nur 9 von 10 Sternen – allerdings empfehle ich, ihn zu sehen und sich selbst, ein Bild zu machen.

Love, Katha

P.S. Ich empfehle ihn im Orignialton zu sehen, um in den Genuss Benedict Cumberbatchs Stimme zu kommen!

The End of the Affair

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Autor: Graham Greene
DT: „Das Ende einer Affäre“
OT: The End of the Affair
Genre: Drama
Sprache: Deutsch
Ausgabe: Taschenbuch
Ersterscheinung: 1951
Verlag: dtv
Preis: 9,90€
ISBN: 978-3423127769
Länge: 256 Seiten

London 1946. Bei einem Spaziergang trifft der Romanschriftsteller Maurice Bendrix seinen alten Bekannten Henry Miles, mit dessen Frau Sarah er ein Verhältnis hatte. Zu Bendrix‘ Überraschung erweist sich der sonst so einsilbige Beamte Miles als überaus gesprächig und schüttet ihm sein Herz aus: Miles verdächtigt Sarah, eine Affäre zu haben. Brisanterweise erwartet der ratlose Ehemann ausgerechnet von Bendrix, ihm bei seinen Nachforschungen zu helfen. Und plötzlich ist der Liebhaber eifersüchtiger als der Gatte. Er beauftragt einen Detektiv, denn er selbst ist es, der unbedingt herausbekommen will, ob und wen Sarah liebt, aber vor allem, warum sie ihn damals verließ, nach jener gefährlichen Liebesnacht im Bombenhagel des Krieges.

Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, um diesen Roman zu rezensieren, denn ich meine noch nie ein derart seltsames Buch gelesen zu haben. Der Leser wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers Maurice durch die Geschichte geführt, erlebt all seine Gedanken, Gefühle und Blickwinkel, was das Buch schon sehr besonders macht. Hierbei handelt es sich weniger um den typischen Ich-Erzähler, nein, man wird wirklich Teil der Wut, des Hasses und des Selbstmitleides, in dem sich Maurice über 256 Seiten badet. Zwar ist sehr spannend, de facto alles mit zu bekommen und das gibt der Figur unheimlich Charakter, Salz und Pfeffer, endlich mal kein platter, nichtssagender Charakter – doch es ist auch anstrengend, ganz als jammere einen ständig jemand über seinen Liebeskummer die Ohren voll.
Der Schreibstil ist schön, die Worte gut gewählt aber auch sehr pathetisch und dramatisch. Ich denke, hier ist ein Punkt, an welchem viele den Roman nicht mögen, denn diese sehr selbstmitleidige, pathetische Art kann durchaus nerven – hat dennoch was lehrreiches und faszinierendes. Denn dies ist ein Punkt, welcher mir an dem Roman durchaus gefällt: Man reflektiert sehr viel, Maurice zwingt einen flrmlich, über sich selbst nachzudenken und gibt einem selbst teilweise durch eigenes, offensichtliches Fehlverhalten, die Möglichkeit zu lernen.
Auch den Einstieg in den Roman, wie er darüber philosophiert, dass man bei einem Anfang eines Buches ja einen x-beliebigen Moment aus jemandes ‚Leben‘ nehme und ob dies angemessen sei, faszinierte mich.
Dennoch bin ich etwas enttäuscht, es ist ganz, als sei die Geschichte wirklich gut gemeint, auf eine ganz neue Art und Weise ausgelegt, nichtsdestotrotz erscheinen mit diese fast 260 Seiten lang – langatmig und häufig wiederholend, was mich ziemlich störte, denn ab und an wollte ich es wirklich nur gelernt in die Ecke werfen und Maurice endlich meine Meinung sagen!

THE VERDICT:
Zusammenfassend bin ich gemischter Gefühle: Ja, ich mag den Ansatz, die Umsetzung jedoch ist sehr gewöhnungsbedürftig und dürfe nicht jedermanns Sache sein. Genauso, wie man sich mit viel Liebe und Geduld an eine Freundin mit Liebeskummer und einem Hang zur Dramatik wendet, genauso sollte man dieses Buch behandeln. Irgendwie hatte ich mir etwas mehr erhofft, deshalb 4 von 10 Sternen.

Love, Katha

134 Minuten des Leides

DT: 12 Years a Slave
OT: 12 Years a Slave
Genre: Historienfilm, Drama
Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Benedict Cumberbatch, Paul Dano, Lupita Nyong’o, Paul Giamatti, Brad Pitt
Regie: Steven McQueen
Drehbuch: John Ridley
Musik: Hans Zimmer
Erscheinungsjahr: 2013
Länge: 134 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

Saratoga/New York, Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Afro-Amerikaner Solomon Northup lebt ein einfaches aber glückliches Leben als freier Mann. Als zwei Fremde den virtuosen Geigenspieler für einen Auftritt engagieren und danach noch auf einen Drink einladen, schöpft Solomon keinerlei Verdacht. Umso größer ist sein Entsetzen, als er sich am nächsten Morgen in Ketten gelegt auf einem Sklavenschiff Richtung Louisiana wiederfindet! Jeder Hinweis auf seine verbrieften Freiheitsrechte verhallt ungehört: Solomon wird verkauft und muss unter schlimmsten Bedingungen Fronarbeit leisten. Zwölf lange Jahre sucht er nach einem Weg, sich aus der Gefangenschaft zu befreien und dabei zu überleben… Wird er seine geliebte Familie jemals wiedersehen? [amazon.de]

Es ist definitiv auch kein Film, den man zweimal sehen möchte (was aber für die Rezension notwendig war, dennoch war es grausam), denn man geht nicht gutgelaunt und unterhalten aus dem Kino raus. Die Wahrheit ist, der etwas leere Saal war verstummt und verstört. Man weiß nicht ganz, ob man überhaupt nach Worten suchen möchte.

Dieser Film legt die Verhältnisse in der Sklaverei offen und schonungslos dar. Ich bin nicht sehr bewandert in der Thematik und umso mehr schockte es mich. Zunächst landet Solomon (Chiwetel Ejiofor) unter dem Namen Platt, den er annehmen muss,bei dem Plantagenbeseitze Ford (Benedict Cumberbatch), mit welchem er verhältnismäßig gut auskommt, Ford schenkt ihm sogar eine Geige und man hegt leichte Hoffnungen für Solomon. Der wird jedoch in einen Streit mit einem der Aufseher kommen und zu seinem eigenen Schutze wird er zu einer anderen Plantage geschickt. Doch Edwin Epps (Michael Fassbender) ist überaus brutal und spätestens ab hier beginnt das absolut unfassbare Grauen.

Die Optik des Filmes ist natürlich hervorragend: tolle Landschaftszenen von blutroten (welch Ironie!) Sonnenuntergängen, schweren Weiden im Wind und großen typischen Südstaatenbauten. Das Licht des Filmes ist sehr natürlich gehalten, keine übertriebene Düsterkeit, wie man sie bei anderen Historienfilmen hat. Zu dem kommt der Score, eine Mischung aus typischen Hans-Zimmer-Elementen (als habe man den Score von Inception zusammengeschreddert und ihm eine weniger bedrohliche Note verpasst) und Worksongs der Sklaven. Hans Zimmer hat mal wieder hohen Wiedererkennungswert und dadurch, dass sich in den letzten Jahren seine Stücke beginnen, ziemlich ähnlich anzuhören, sticht die Musik zwar nicht sooo heftig hervor, aber unterschreibt die Traurigkeit des Filmes auf eine angenehme Weise – aber leider nichts so besonderes.

Ich bin absolut befangen, was die Besetzung angeht, da ich ein großer und bekennender Benedict Cumberbatch Fan bin, werde ich es bei: er war großartig, im Wesentlichen belassen. Seine Rolle als Ford war dahingehend eine interessante, weil er eigentlich recht ‚gut‘ zu ihm war. Nun was heißt gut? Jemand der Sklaven hat ist nicht gut. Aber es ist mehr in ihm, ganz, als sei er sich selbst ab und an nicht so sicher darüber und nehme es als selbstverständlich für die Gegend an und wolle sich selbst lieber nicht genauer damit auseinandersetzten, weil er letztlich das Schlechte daran bemerken würde – aber nicht sehen will.

Solomon leidet unendlich, viel und man leidet mit ihm, er wird sehr gut von Chiwetel Ejiofor gespielt und ich habe großen Respekt vor ihm, da es eine schwere Aufgabe ist. Eine weitere Sklavin spielt eine große Rollle: Patsey, welche auf der Plantage von Epps arbeitet und Unmengen von Baumwolle pflückt und dadurch von Epps auf eine äußerst perverse Art begehrt wird. Lupita Nyong’o, die den Ocar für die beste Nebendarstellerin erhielt, spielt sie beeindruckend. All den Schmerz, den körperlichen und seelischen fühlt man mit ihr, es tut einem unendlich weh, jemanden derart leiden zu sehen, Szenen von unmenschlicher Gewalt und eine Vergewaltigung – sie hat dieses Oscar mehr als verdient!
Dann wäre da natürlich Michael Fassbender, den ich aus Jane Eyre kenne und mag – ein unglaublicher Kontrast zu 12 years a Slave. Nun, nach dem Film war er mir eine gewisse Zeit verdammt unsympathisch und das ist eigentlich ein gutes Zeichen. Seine Rolle ist mit Abstand die ekelerregenste im ganzen Film: eine Mischung aus Menschenverachtung, Zynismus,  Perversität und einem kalten Schauder, der einem über den Rücken läuft, wenn dieser Typ zu Brüllen beginnt. Und das bringt mich schon zum nächsten Punkt: Dieser Film sollte definitiv nicht das FSK 12 haben. Ich kannte zwar den Trailer und dieser zeugte schon von abartiger Grausamkeit aber das, was sie zeigen, ist noch mehr und ich glaube nicht, dass ein 12 Jähriger das Verträgt. Das schlimmste daran ist wirklich, dass man weiß, das es so war, das es ein dunkler Fleck in der Menschheitsgeschichte war und als ich den Film mit Tränen in der Augen von Entsetzten sah, habe ich mich gefragt, wie das passieren konnte, dass Menschen zu derartige Monstern werden, fernab von jeder Form von Würde. Man schämt sich, ein Mensch zu sein.

Den einzigen Kritikpunkt, den ich habe, sind die Szenen, wo Solomon ab und an ins Nichts sieht (und nachdenkt?). Es ist nicht so, dass diese Szenen einem eine Art Pause erlauben – sie sind ziemlich lang und befremdlich.

THE VERDICT: Ein mal sehen reicht. Aber man sollte ihn trotz des Schmerzes sehen, weil er unglaublich gut gemacht ist und zugleich auf  eine gewisse Weise lehrreich. Ein grausames Meisterwerk: 9 von 10 Sternen

Love, Katha

A Royal Affair

DT: Die Königin und der Leibarzt
OT: En kongelig affære
Genre:
Historienfilm, Drama
Darsteller:
Mads Mikkelsen, Alicia Vikander, Mikkel Boe Følsgraad
Regie:
Nikolaj Arcel
Drehbuch:
Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg
Musik:
Cyrille Aufort, Gabriel Yared
Erscheinungsjahr:
2012
Länge:
128 Minuten
FSK:
ab 12 Jahren

Der Film handelt von der Dreiecksbeziehung des dänischen Königs Christian VII, seiner Frau Caroline Mathilde und dem deutschen Arzt Johann Friedrich Struensee. Es wird die Geschichte einer der berühmtesten Affären erzählt, die in der Zeit der Aufklärung spielt: Ganz Europa bordelt von den neuen Ideen, die Kant, Voltaire und Rousseau verbreiten, während Dänemark weiterhin noch als Hochburg für Absolutismus und Kirche gilt, Aberglauben ist weit verbreitet und die Bauern leben in Leibeigenschaft.
Die Geschichte ist aus der Sicht Carolines (meist in Rückbelenden) erzählt, wie sie als junges Mädchen nach Dänemark kommt und einen König vorfindet, der fast schon geisteskrank und unglaublich kindisch einzustufen ist: er findet Gefallen an Theatern und Prostituierten. Sie ist enttäuscht und nachdem sie ihre eheliche Pflicht erfüllte und ihm ein Kind gebar, zieht sie sich zurück und möchte nichts mehr mit ihm zu tun haben, sie ist gefangenen in einer traurigen Welt. Unterdessen unternimmt Christian VII eine Europareise, wo ihm der Armenarzt Doktor Struensee bekannt wird, der wohl als einziger mit dem Gemütszustand seiner Majestät umgehen kann. Anfangs verhält sich Caroline recht abschätzig gegenüber von ihm, doch als sie bemerkt, dass er aufklärerische Gedanken hat, entwickelt sich eine Freundschaft, die später zu einer Liebe wird. Die König ermutigt Struensee schließlich, den Einfluss, welchen er auf Christian VII hat, politisch zu nutzen, was anfangs funktioniert, doch bald zu Verhängnis wird.

Der auf der Berlinale 2012 gezeigte Film basiert größtenteils auf Briefen und natürlich kennt man nicht exakt die Vorfälle innerhalb des Hofes, doch umso erstaunlicher ist es, wie präzise und interessant die Geschichte erzählt wird. Carolines Blickwinkel ist der eines unerfahrenen Mädchens, der einer sehr intelligenten und politisch ambitionierten Frau, die beide viel Leid ertragen müssen.
Der Film beginnt mit der Erzählerstimme Carolines, die im Sterben liegt und ihren Kinder, die sie seit Jahren nicht gesehen hat, einen Brief schreibt, in dem sie ‚ihre Geschichte‘ offenlegt.
Es ist ein sehr trauriger Film und doch spielt die Kamera mit dem kühlen Licht und die wenigen Hoffnungsvollen Momente scheinen freudig zu leuchten. Das unterstützt die grandiose, melancholische Musik von Gabriel Yared und Cyrille Aufo: viele Streicher und Bläser, die immer wieder in das Thema des Filmes zurückkommen, das jedoch ein Klavierstück ist. – ein bisschen eine Hommage an die klavierspielnde Caroline: ruhige Klänge mit einer bestimmte Gefasstheit. Das ist natürlich ein riesiger Pluspunk! Optisch besticht er durch wunderschöne Gewänder, Schlösser und Mobiliar.

Die Schauspieler leisten Höchstarbeit: es ist das Debüt von Følsgraad, aber man merkt es ihm nicht an! Er spielt Christian VII so ekelerrgend, kindisch, befremdlich, dass es einem manchmal erschaudert, doch spielt er ihn auch so, dass man nicht nur die ganze Zeit denkt: Himmel, der spinnt doch! Sonder er tut einem auch in gewisser Hinsicht Leid, nicht nur, weil er schamlos vom Hof ausgenutzt wird.
Mads Mikkelsen ist natürlich überragend und so finde ich zwar, dass eher er als Folsgraad den Bären verdient hat. Struensee ist ja kein leichter Charakter: irgendwie ist er mehr oder weniger der Held – aus moderner Sicht -, für damals jedoch nur der Sündenbock. Aber der Held ist nicht perfekt, manchmal etwas stur, manchmal fragt man sich, ob etwas von der Machtbessenenheit in ihm überschwappt. Aber das ist nur eine weitere Stärke! Menschen sind nicht perfekt und abgeschliffen und doch hat man das leider in vielen Filmen, nicht aber hier.

Man leidet und freut sich mit den Liebenden, hofft, dass es gut wird und doch weiß man, dass es nicht seien kann. Ich möchte ja nicht allzu viel spoilern, aber ich muss sagen, dass ich jedes Mal, wenn ich ihn sehe (und ich habe ihn schon einige Male gesehen, auch, wenn’s wehtut) immer mehr Details erkenne und doch jedes Mal zum Ende hin mir das Herz gebrochen wird. Es ist ja nicht so, dass man sagen kann: es ist nur ein Film. Es war wirklich so und das unterstreicht natürlich die Tragik dieses Filmes ungemein.

THE VERDICT: Es ist ein richtig gutes Ding. Ich war am Anfang beim erst sehen skeptisch, da auf der Berlinale doch recht seltsame, meist Kunstfilme laufen. Das ist keiner. „Die Königin und der Liebarzt“ ist allen voran hervorragend gemacht, lehrreich, traurig und etwas deprimierend. Ich liebe den Film sehr und gebe 10 von 10 Sternen.

Love, Katha