[Unileben #5] Rückblick: 1.+ 2. Semester

Diesen Beitrag wollte ich schon seit Ewigkeiten schreiben, aber ich wusste ganz lange nicht wie. Ehrlich gesagt, habe ich irgendwann diese Sorge über Bord geworfen und einfach drauf losgeschrieben. Bereits letztes Jahr habe ich ca. zu dieser Zeit einen Artikel zu Dingen, die ich über die Uni und das Unileben gelernt habe, geschrieben, der ganz gut bei euch ankam und mich dazu motiviert hat, meinen Blog mehr in diese Richtung zu bewegen. Dieses Jahr werde ich zum Glück nicht wieder dasselbe schreiben (also, mich beklagen), in erster Linie, weil ich der Wechsel zu einem anderen Fach und die „Wiederholung“ des 1. und 2. Semesters in meinem neuen Studiengang, mir sehr viel Positives mitgegeben haben.

Für mich waren zwei Dinge in den letzten 2 Semestern einschneidend und entscheidend: Zum einen das beruhigende, gute Gefühl endlich am richtigen Ort zu sein und etwas zu studieren, das ich nicht nur interessant finde (denn interessant ist ja Vieles), sondern Etwas, das ich auch tatsächlich verstehe und gerne lerne, zum anderen, dass ich auch Erfolgserlebnisse hatte und langsam in den „flow“ kam, das heißt im Grunde: dass ich dieses System verstehe. Denn Uni ist nun grob gesagt nichts Anderes, als ein System, in dem bestimmte Leistungen erwartet werden, die man gut oder schlecht erfüllen kann, und ich habe gut ein Jahr gebraucht um herauszufinden, wie hier alles funktioniert, wie Prüfungen aussehen, wie ich effektiv vorangehen kann, um mich rechtzeitig vorzubereiten (klappt mittlerweile deutlich besser als letztes Jahr), wie ich mit Menschen umgehe, die mit ihrer Klugscheißerei nur schlechte Energie ausstrahlen und wie ich mich trotz Stress, Druck und blöden Idioten über Wasser halte und noch mehr, davon loslasse und mein eigenes Ding mache.

Aber ich möchte mich hier gar nicht zu sehr über toxische Menschen und schlechte Erfahrungen auslassen (die gibt es leider überall im Leben und man darf sich nicht so sehr von ihnen beeindrucken lassen) oder  großzügig gutgemeinte Ratschläge verteilen, sondern ein bisschen das Schöne beleuchten, die gute Dingen, die mir irgendwie gezeigt haben, dass Studieren gar nicht so übel ist. Natürlich ist es keine rosarote Filmwelt, wo ich durch die prestigehaltigen Hallen eines englischen Elitecolleges mit meiner tollen Gang schreite, den „Look“ habe und ohne jede Mühe die besten Noten erziele und Männer abgreife, aber wenn man sich so langsam einlebt, und merkt, hey, das ist ganz cool hier, ist das schon ein großartiges Gefühl.

Ich glaube im übrigen rückblickend auch, dass es für mich wichtig war, die schlechte Erfahrung mit Politikwissenschaft gemacht zu haben. Ich weiß, dass es Andere gibt, die noch deutlich länger studieren, bis es ihnen aus den Ohren kommt, oder gar dieses schreckliche Studium beenden und im Job feststellen, wie unglücklich sie sind, oder drei Mal abbrechen und vor der Ahnungslosigkeit stehen, was sie mit ihrem Leben tun sollen. Man darf nicht vergessen, dass es keine Schande ist, nicht sofort zu wissen, was man werden will und gut kann, sobald man sein Abitur in den Händen hält.

Manchmal beneide ich die Menschen, die ein FSJ, eine Ausbildung oder etwas ähnliches vor ihrem Studium gemacht haben um ihre lebensweltliche und berufliche Erfahrung. Man hebt so leicht im akademisch-arroganten Gaul im Studium ab! Rückblickend würde ich jedem raten, der ahnungslos sein Abitur abschließt, sich Zeit zu nehmen, um die eigenen Fähigkeiten erstmal kennenzulernen. Ich kenne genug Leute, die seit der 9. Klasse Jura oder Medizin studieren wollen und im 1. Semester erschrocken gegen die Wand rennen – totale Katastrophe. Aber es ist okay. Vielleicht mag dieser kleine, etwas therapeutische Absatz für manche offensichtlich erscheinen, aber ich glaube, vielen Menschen ist dieses „Scheitern“ peinlich. Wenn ich letztes Semester in meinem Pädagogikseminar oder durch meine Erfahrung als Nachhilfelehrerin etwas Essentielles gelernt habe, dann dass Fehler machen wichtig und hilfreich ist!

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Ein paar wirklich gute Momente aus den letzten zwei Semestern:

Wenn du dich neben jemanden im Kurs setzt und ihr euch auf Anhieb so gut versteht, dass ihr alles nur noch zusammen macht und das Unileben plötzlich so viel leichter erscheint.  Wenn der andere einem den Platz freihält, wenn man zu spät ist. Denn zusammen studiert es sich besser.

Wenn du kaum etwas verstehst, aber einen Kumpel hast, der dir diese verflixte Syntaxaufgabe so lange erklärt, bis du es auch geschnallt hast. Denn Hilfe anzunehmen muss man auch erstmal lernen.

Wenn dein Dozent so viel Humor und so eine erfrischende, leichte Art hat, dass sogar Handlungstheorie plötzlich interessant scheint und du vieles bereits in der Vorlesung verstehst und nicht stundenlang zu Hause dich durch Bücher und das Internet arbeiten musst (Danke, Herr Prof. Dr. Keil!).

Wenn du alleine in die Mensa gehst und immer wieder Leute triffst, die dir beim Essen neue Leute vorstellen und du dich am Ende stets in einer Gruppe wiederfindest.

Oder wenn du im Sommersemester nicht mehr in der deprimierenden, lauten Mensa essen musst, sondern draußen im großen hellen Innenhof unter den großen, alten Kastanien auf den Bänken sitzt und einfach entspannen kannst – was auch alleine sein schön ist.

Wenn du irgendwann das Gefühl hast, kein verlorener Ersti mehr zu sein, sondern mittlerweile problemlos deine Räume findest.

Wenn du deine erste gute Klausur schreibst und endlich das Gefühl hast, die Früchte deiner Arbeit in mehr als 3,0 oder 4,0 sehen zu können. Plötzlich weißt du, dass du mehr als nur etwas Inhaltliches verstanden hast und fängst an, dich langsam wohlzufühlen. Natürlich muss man sich irgendwie adaptieren und das kann dauern.

Wenn du das Fahrradfahren für dich entdeckt hast und dich jedes Mal bei deinem 8 Uhr Kurs ein bisschen freust, ohne Probleme einen Parkplatz zu finden. Und feststellst, dass du weitaus wacher nach der kleinen Spritztour, als wenn du dich mit der S-Bahn zur Uni gequält hättest.

Wenn deine Dozenten so unfassbar lustig, entspannt und beeindruckend gute Lehrer sind, dass du am Ende überrascht zugeben musst, dass dir entgegen deiner Erwartung das Modul zur Literatur des Mittelalters mit Abstand am besten gefallen hat.

Kurzum, es war natürlich wieder super stressig, ich habe viel gelernt, mich viel geärgert, aber definitiv mehr gefreut, bin viel Fahrrad gefahren, habe tolle neue Leute kennengelernt, habe prokrastiniert, aber effektiver gelernt als im letzten Semester und kann entspannt und erleichtert eine positive Bilanz ziehen.

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3 Kommentare zu „[Unileben #5] Rückblick: 1.+ 2. Semester

  1. Danke für die Schilderung. So geht es nicht wenigen Studierenden. Das „System“ kennen lernen und dabei Schritt für Schritt die eigenen Ziele und Wünsche.
    Dabei leuchtet mir ein, dass nicht für alle die Politische Wissenschaft passt. Wenn Literatur eher geht, ja!
    Vorhin habe ich – als Politikwissenschaftler – hier in der Blog-Welt einen Kommentar zu einer Shakespeare-Buchempfehlung geschrieben. Das muss sich ja nicht ausschließen, sondern kann sich wechselseitig ergänzen.
    Wie auch immer: alle guten Wünsche fürs Studium
    und schöne Herbsttage

    1. Ach, wie lustig! Sehe ich auch so, das kann sich gut ergänzen. Ich finde beispielsweise die politische Philosophie sehr spannend, ich denke, dass das für mich ein guter Kompromiss ist mich noch immer mit Politik zu beschäftigen, aber auf einer Ebene, in der ich mich mehr finden kann.
      Welches Shakespeare Werk war es denn?
      Danke dir, liebe Grüße!
      Katha

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