Vom Zeitreisen und Verreisen [Rezension]

Dieses kleine Buch, was ich in einem winzigen, vollgeräumten Antiquariat in Budapest gefunden habe, hat mich auf eine ganz besondere Art und Weise begeistert. Zugegeben, das ist der erste Reisebericht, den ich gelesen habe und mir ist dieses Genre noch fremd, jedoch kann ich sagen: das wird nicht der einzige bleiben.

Als Zweig-Fan konnte ich bei diesem alten Schatz nicht nein sagen, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was ich da in den Händen hielt. Es ist eine Sammlung, die vom Verlag zusammengesucht wurde, nicht chronologisch, sondern eher geografisch zusammenhängend (wobei ich auch hier nicht ganz die Logik durchschaut habe) und die eine Sammlung aus Impressionen aus aller Welt zusammengesammelt: Frankreich, Österreich, England, Belgien, Indien, Russland, Brasilien, Panama und die Vereinigten Staaten – es geht wirklich ein mal um die Welt, nur mit dem unterschied, dass dies alle um die 100 Jahre alte Einblicke sind, etwas seltsam, aber gleichzeitig faszinierend. Dabei kannte ich ein paar Orte wie den Hype Park, Oxford, (nun auch) Wien und Brügge selbst, was es interessant machte, meine moderne Sicht mit seiner alten zu vergleichen: zeitreisen und verreisen zu gleich!

Dabei war mein erster Eindruck weniger überschwenglich, die Beschreibungen vom schönen Sevilla oder der Provence waren so unentwegt romantisch und in der Süße und Nostalgie des Moments schwelgend, dass ich mir nicht sicher war, ob ich das 200 Seiten lang lesen könnte – sicher, man konnte die Landschaft und die Wärme der Luft sehen und spüren, aber es war auch einfach sehr kitschig – ich las weiter, plötzlich wandelte sich der Tonfall, als es um die düstere, nahezu tote Stimmung in Brügge ging und dann hatte mich Zweig langsam erobert. Wie immer schreibt Zweig sehr ausführlich, manchmal sehr blumig, manchmal sehr scharf, aber immer versucht das Uneinfangbare festzuhalten, was ihm wirklich gut gelingt.

Besonders die Kapitel zu Ypern, Russland und Brasilien haben mich echt gepackt und nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Diese haben mich vor allem deshalb bewegt, weil sie so politisch waren, zeigten, was für ein nachdenklicher, kosmopolitischer und offener Mensch Zweig gewesen sein muss, trotz seines Hangs zur Romantik, wenn es beispielsweise um Wien geht. Wie er ganz bewusst die Neue Welt und das Alte Europa vergleicht, aber stets mit so viel Geist und Respekt nach einer möglichst naturalistischen Beschreibung der Dinge sucht. Es hat mich so getroffen, wie er über den Totentourismus in Ypern gesprochen hat, wie nachdenklich und reflektierend, auch im Versuch diese Leute zu verstehen, die gerade erst 4 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg (also, wenn es einem noch im Mark sitzt) nach Belgien, an diesen grausamen Ort pilgern und sich dabei etwas erhoffen. Oder wie Zweig von der europäischen Ahnungslosigkeit gegenüber von Russland und Brasilien spricht, das ist schlichtweg wortgewaltig und, ich finde kein besseres Wort dafür, modern im besten Sinne.

Man muss sagen, dass diese kleinen Impressionen eigentlich ein kleines Meisterwerk des Fingerspitzengefühls sind. Mich konnten nicht alle Berichte vom Hocker reißen, aber zweifelsohne konnten sie etwas in meiner Vorstellungskraft und in meinem Herzen anregen. Sehr geehrter Herr Zweig, Sie begeistern mich immer wieder aufs Neue, ich weiß nicht, wie Sie es tun, und manchmal ist Ihre Ausführlichkeit ein bisschen ermüdend, aber das Gesamtbild, sowie die vielen, cleveren und liebevollen Details, das macht all Ihre (von mir bisher gelesenen) Werke aus. Danke, für diese Geschichten, sie sind so unbekannt und so besonders und ich bin froh, durch Zufall darauf gestoßen zu sein.

Zusammenfassend kann ich dieses kleine, wunderbare und unheimliche schlaue Büchlein nur vom Herzen empfehlen. Lest selbst und findet heraus, was es mit euch anstellt.

Details:

Autor: Stefan Zweig
OT: Länder, Städte, Landschaften
Ausgabe: Fischer Verlag, erschienen 1981
ISBN: 9783596222865

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