10 Dinge, die ich in den letzten 2 Semestern beobachtet, mitgenommen und gelernt habe

Es ist schon einige Wochen her, dass ich meine letzte Prüfung hinter mit habe und die letzte Vorlesung überlebte. Ich glaube ohne Einschränkung sagen zu können, dass mich mein Sozialwissenschaften-Studium der letzten 2 Semester nicht nur ziemlich gequält hat, sondern auch einiges gelehrt. Ich möchte diese Erfahrungen hier teilen, zum einen als kleinen Reminder an mich selbst, zum anderen hoffe ich, jemanden da draußen, der vielleicht unglücklich mit seinem Studium ist oder nächstes Semester das erste Mal die Uni-Bank drücken wird, ein paar Ratschläge geben zu können.
Zuletzt sei gesagt: Ich habe kein Erfolgsrezept, ich habe nicht mal eine Ahnung, wie man Uni-Erfolg kocht, allerdings denke ich, ein gesundes Uni-(Selbst)Bewusstsein ist ein großer Schritt, um erfolgreich(er) zu werden. Ein kleiner Disclaimer: Es geht hier um meine individuelle Erfahrung und meine Eindrücke nach 2 Semestern, ich möchte nichts verallgemeinern, nichts in den Dreck ziehen und schon gar nicht den Eindruck erwecken, Uni sei schlichtweg nur schlecht.

Ich und die Anderen

1. Vergleich dich nicht mit anderen – Ganz dick hinter die Ohren schreiben! Und nicht nur wissen, sondern auch praktisch anwenden. Vergleiche, wenn sie nicht mit einem selbst und den eigenen Leistungen sind, können einen echt vergiften und ein schlechter Anreiz sein. Schließlich lernt man für sich selbst und nicht, um besser zu sein als XY.

2. Zwischen Blendern und Lotterlebenstudenten. Jung, voller Hoffnung, frisch aus der Schule mit gutem Abi geht’s in Studium. Man hofft, Menschen mit ähnlichen Interessen zu treffen, endlich mal etwas Anderes zu lernen als in der Schule, hofft auf mehr Freiheit und Unabhängigkeit. Dabei traf ich schnell auf zwei Stereotypen, von denen man sich absolut nicht irritieren darf, was mich erstmal eine gewisse Zeit gekostet hat. Einerseits gibt es die scheinbar perfekten Studenten, die nur 1,0en kassieren und sagen, wie leicht Uni doch sei, dabei noch Yoga machen und Spanisch lernen und natürlich im Studi-Rat sind und stets gut drauf, beliebt und es wirkt, als könnten die alles schaffen – was einen hart trifft, wenn man genau dieser Mensch wäre. Mich hat es in eine Verzweiflung geschürzt: Wie bekommen sie das hin? Und wieso schaffe ich das nicht? Die Wahrheit ist, es gibt wahrscheinlich nur sehr sehr wenig Menschen, die sofort alles können. Schön für sie.

Vom zweiten Typen sind die Noten relativ unbekannt, aber um die geht’s vorrangig nicht. Es ist dieser Typus Studierende*r, wo man ständig mitbekommt, dass dieser Mensch zwischen einem Club und dem anderen pendelt, die coolsten It-Pieces trägt und ach so viel Spaß hat – ganz schön frustrierend, während man drei Stunden lang zu Hause die komplizierte Vorlesung nachbereitet hat. Das Problem ist ähnlich, was in der Schule schon auftritt, aber mir scheint, hier ist es viel stärker (vor allem, weil man am Anfang niemanden wirklich kennt): Ich habe mich beeindrucken lassen, irritieren lassen, was einen einfach nur runterzieht. Es geht nicht um die anderen, es geht um mich – deshalb darf man sich einfach nicht davon emotionaliseren lassen, wenn die anderen scheinbar alles besser machen.

3. Einen kleinen Schock bekommt man- wenn man wie ich an einer großen Uni studiert, wie voll es anfangs ist. Selbst wenn ich 25 min vor Vorlesungbeginn (akademisches Viertel miteinberechnet) da war, bekam ich anfangs nicht unbedingt einen Platz im Hörsaal. Manche Kurse sind bewusst mit kleineren Hörsälen ausgestattet, war mein Eindruck. Nicht erschrecken: es werden weniger, vor allem in den unbeliebten Kursen habe ich das Früh bemerkt (*kleines Husten* Statistik). Der zweite, viel beunruhigende Gedanke, der sich mir erschleicht, ist das Prinzip des Aussiebens. Da versucht man, mit dem System Uni klarzukommen und schon beginnt das Aussieben in der Klausuren mit Prüfungen, mit Lernausmaß des Abitur und mit Anforderungen, die man zweitlich nicht bewältigen kann (scheint mir). Vielleicht ist es Verschwörung, aber gerade an großen Unis, wo knapp 200 Leute im Monobachelor studieren und dann vielleicht noch 80 im Kombibachelor, sollen es weniger werden.

Wie Uni ist und wie ich (nicht) klarkomme

4. Uni ist nicht wie Schule. Wahrscheinlich ist dieser Punkt unglaublich offensichtlich. Ich glaube dennoch, es ist ein Unterschied, das theoretisch zu wissen und es dann praktisch es am eigenen Leibe erfahren zu müssen. Dazu zählen besonders diese zwei Punkte:  Einsamkeit und Anonymität an einer großen Uni sind Alltag. Keiner interessiert sich scheinbar für einen und man kann von Glück sprechen, wenn in einem kleinen Seminar der Dozent gewillt ist, Namen zu lernen. Es ist eine große Umstellung, nachdem man 12 Jahre (in meinem Fall) Lernanstalten als etwas Soziales erlebt hat. Mit ein bisschen Glück lernt man auch sehr angenehme Menschen kennen – aber es dauert, bis man angekommen ist, ein eignes Tempo entwickelt und sich an die neue Situation gewöhnt. Das können Monate sein und das ist total okay.

5. Vorlesungen sind nicht für jeden und jede Vorlesung ist anders. Es gibt Dozenten und Dozentinnen, die anstatt 90 Minuten auch gerne mal 110 reden, dabei 60 PowerPoint Folien oder mehr verwenden, die gnadenlos voll sind (keiner von denen hätte die 5. Prüfungskompontene im Abitur in Berlin bestanden) und sie einfach nur vorlesen, aber sie wenigstens nach der Vorlesung hochladen – das sind Vorlesungen, die man de facto nicht besuchen muss. Dann gibt es Kandidaten und Kandidatinnen, die überhaupt nichts hochladen und nur nette Bildchen von alten Soziologen auf die Folie klatschen. Ebenfalls schockiert haben mich Vorlesungen, in denen schlichtweg nur die Meinung der oder des Dozierenden gepredigt wurde, die total zerstreut und ohne roten Faden waren, mit Leuten, die Deusch mit einem starkem Akzent sprachen, an den man sich erstmal gewöhnen musste.

Kurzum, ein absoluter Alptraum, für jeden, der einfach nur Wissen pädagogisch wertvoll vermittelt bekomemn möchte. Die Schlüsse, die ich aus diesem Vorlesungswahnsinn gezogen habe, sind folgende:

  •  Selbstständigkeit will früh gelernt sein
  • Man muss anders (ich habe leider auch noch nicht ganz herausgefunden wie), deutlich mehr und systematischer lernen. Manchen hilft es, sich in die Bibliothek zu setzten, da dort alle lernen und der Ablenkungsfaktor niedrig ist.
  • Lerne deinen Rhythmus (wie viel Vor-/Nachbereitung notwenig ist und wann du Pausen brauchst. Durchatmen und kleine Freuden sind sehr wichtig) und tritt dir in den Arsch!
  • Rechtzeitig anfangen und auch rechtzeitg aufhören, denn meiner Erfahurng nach funktionieren trockene todlangweilige schlechtgehaltene Vorlesungen ohne Schlaf nicht besonders
  • Nachbereitung ist alles! Oder kurz: Fleiß, Fleiß, Fleiß
  • Manchen helfen Lerngruppen, andere lernen besser allein und abgeschottet

6. Es ist frustrierend, wenn man gut in der Schule war und nicht genauso gut in der Uni ist. Für mich ist dies ein harter Schlag. Mir ist zwar in der Schule nicht alles zugeflogen und ich musste lernen – für manche Fächer mehr für anderen kaum – aber ich bekam auch in der Oberstufe gute Noten und ich habe ein gutes Abitur, ich verließ Schule im Glauben einigermaßen klug zu sein und zu wissen, wie man lernt. Und dann kam Uni und Bullimie-Lernen und ich fühlte ich, als wäre ich die dümmste Person, die dieses Studium jemals angefangen hat – und da scheinbar alle so gut klar kamen (s.o.), setzte mich das unheimlich unter Druck, aber irgendwann hörte ich bewusst auf, über die anderen nachzudenken und zu überlegen, wie ich das gut bewältigen kann und es hat geholfen.

7. Uni ist nicht für jeden was. Nicht jeder ist ein Uni-Typ und nur weil man ein 1,4er Abi (oder besser) hat, ist man nicht dazu verurteilt zu studieren. Ich habe sogar den Eindruck, so wie Uni heute läuft, dass sie gegen einen gerichtet ist, aussieben will und nicht Wissen an möglichst viele, sondern an eine Art Bildungs-Elite vermitteln will. Ein Kampf, bei denen am Ende einige übrig bleiben. Und man soll mit 16, 17, 18 oder 19 (oder älter) schon bereit und nicht mehr zerbrechlich sein? Eiskalt robotermäßig lernen und mit Bravour und Leichtigkeit durchtanzen?  Ich glaube übrigens auch, dass wenn man wirklich das studiert, wonach man sich sehnt und wo die eignen Stärken und Kompetenzen gut ausgeschöpft werden, man das wirklich kann. Aber dazu muss man erstmal „das richtige“ studieren und für mich war dies der Punkt, wo ich ansetzten musste.

Der seelische Faktor

8. Es ist in Ordnung, überfordert zu sein – besonders anfangs. Stundenplan erstellen, die ganzen neuen Räume finden, mit den ganzen neuen Leuten klarkommen (und sich nicht von Ihnen beeindrucken lassen), die Vorlesung vor- und nachbereiten, die gesamte Pflichtlektüre lesen, zwischen den Vorlesungen von der Mensa zu einem anderen Campus hetzten, Thesenpapiere wöchentlich abgeben, später vielleicht seine erste Hausarbeit bewältigen und eventuell noch ein soziales Leben führen und vielleicht sogar nebenbei Arbeiten. Oh Gott, wie soll das gehen? Und warum sehen alle so entspannt aus? Erstmal durchatmen. Zweitens, nicht blenden lassen. Drittens: Es ist okay. überfordert zu sein. Es ist mehr als normal und meistens, wenn man einen der Komiliton*innen näher kennenlernt, wird man feststellen, dass es anfangs nicht so vielen leichfällt, wie es der erste Wimpernschlag glauben lässt. Aber noch viel wichtiger: Warum interessiert einen das denn bitte? Ich glaube, im Grunde genommen, lässt sich das herunterbrechen auf meine Hauptaussage in diesem ganzen Gedankengewusel, die ich schon mehrmals angemerkt habe und die mir besonders wichtig ist: Ich vergleiche mich mit mir selbst, mir ist meine mentale Gesundheit wichtiger als die Topnoten und ich lasse mich nicht einschüchtern von dieser Masse an Menschen.

Ob der Leistungsdruck der eigene ist, weil man in der Schule so gut war und hier plötzlich nicht oder ob er ein Fremdeinfluss ist, ich glaube dieser Druck kann ab einer bestimmten Menge eher zerstörende als motivierende Einflüsse nehmen.

Während in der Schule sich tatsächlich noch jemand für dich interessiert hat und bestenfalls auf die zugegangen ist, um dir zu helfen, steht man hier ganz alleine da. Ich glaube, dass man zwar zusammen lernen kann (für die, die das gut können), aber das Klarkommen, sich nicht wahnsinnig machen, muss man ganz allein schaffen.  Regelstudiuenzeit ist meines Erachtens nach utopisch und teils echt grausam, Topnoten scheinen unerreichbar und über Zulassungskriterien und Noten für den Master will lieber niemand nachdenken. Wie war das nochmal mit dem nicht verrückt werden?

9. Wechseln heißt nicht Aufgeben. Manchmal merkt man es schon ganz früh, dass etwas nicht stimmt – irgendwie ist man unglücklich und vielleicht auch überfordert. Manchmal sackt die Überforderung ab, wenn man das Ersti-Dasein überlebt hat, manchmal nicht. Und dann kommt die Frage: Wechsle ich? Es liegt keine Schande darin.
Für mich haben sich ein paar red flags ergeben:

  • Bin ich motiviert dafür zu lernen? bzw. interessiert mich das im großen und ganzen?
  • Überwiegen die positiven Sachen im Studium die negativen?
  • Kann ich mir vorstellen, das als Master zu machen?
  • Fühle ich mir wohl?
  • Bin ich momentan überfordert oder dauerüberfordert?
  • Überkommt mich ein Gefühl von träumerischen Neid, wenn ich höre, das XY etwas bestimmtes studiert oder eine bestimmte Ausbildung macht?
  • Bin ich mit meiner jetztigen Situation glücklich?
  • Fühle ich mich krank, kann nicht mehr gut schlafen und fühle mich körperlich nicht in der Lage zur Uni zu gehen (weil mir davor graut)?

10. Ich vermisse die Schule. Ja, wer hätte gedacht, dass ich das sagen würde. Die Schulzeit war so schön. Das Lehrpersonal kennt einen, interessiert sich (abhängig vom Menschen, aber meistens) für einen und seine Probleme. Man fühlt sich mehr oder weniger aufgefangen, hat einen Rahmen.

Es gibt sie aber auch: die inspirierenden, tollen, freundlichen und auch nach dem Kurs oder der Vorlesung ansprechbaren Dozenten, die einfach wissen, wie man Wissen vermittelt, die zur Diskussion anregen und zwar auch sehr fordernd sind, aber auf einem motivierenden Level. Ich bin ehrlich: ich hatte genau einen einzigen von dieser Sorte, aber er hat mein letztes Semester wirklich aufgewertet.

 

Zusammenfassend: Ich habe gelernt, dass ich mich nicht überarbeiten darf, dass ich nicht jeden Tag lernen kann, ohne mental durchzudrehen, aber auch, dass man wirklich rechtzeitig und früh anfangen muss, für eine Klausur zu lernen. 4 Wochen vorher sind empfehlenswert, auch wenn ich das Motivtaionstechnisch selbst (noch!) nicht geschafft habe. Ich möchte gut sein, ich möchte aber dafür nicht mit Anfang zwanzig ein chronisches Nervenleiden inklusive Rückenschmerzen und Reizmagen entwickelt haben. Ich lasse mich von den Blendern nicht beeindrucken und nicht von den Leuten verletzten, die mich ignorieren, obwohl wir in einer Gruppenarbeit sind. Ich bin mir selbst wichtig, ich will gut studieren, aber ich will auch noch nebenbei glücklich sein. Ich glaube nicht, dass man  etwas studieren sollte, wo man sich nicht in seinen eigenen Stärken wiederfindet. Zwar macht im Studium sicherlich nicht alles Spaß, aber doch ein paar Fächer. Ich glaube an mich und ich weiß, ich muss mir auch in den Arsch treten, um zu lernen, denn ich verstehe nicht alles sofort. Das ist wohl das wichtigste: Selbstvertrauen und Fleiß.

Was ich mich frage: Sind wir heute schlecht vorbereitet auf das Studieren, weil wir keine Ahnung haben, was wir machen sollen mit unserem Leben als Frischabiturienten? Sind die Anforderungen noch menschlich oder sind wir zu bequemlich geworden, um für das Studium zu „kämpfen“? Und wie kann man effektiv und gut lernen?

Welche Uni Erfahrungen habt ihr gemacht? Könnt ihr mir einen Tipp geben, wie man besser klar kommt, systematisch und gut lernt?

Love, Katha

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