Ungeduld des Herzens

Autor: Stefan Zweig
OT/DT: Ungeduld des Herzens
Genre: Roman
Ersterscheidung (DE): 1939
Verlag: Fischer Verlag
Preis: 10 DM (Taschenbuch)
ISBN: 9783596119127
Länge: 456 Seiten

Durch einen Zufall bekommt der junge Leutnant Anton Hofmiller die Möglichkeit einem Abend auf dem Anwesen der reichen ungarischen Familie Kekesfalva zu verbringen. Als er jedoch die Tochter des Hauses, Edith, zum Tanzen auffordert, passiert ihm ein schrecklicher Fauxpas, denn er hatte zuvor nicht gemerkt, dass sie an den Beinen gelähmt ist. Aus Mitleid  wird er sie besuchen später, um sich zu entschuldigen. Immer wieder und wieder kommt er aus Mitleid vorbei und verstrickt sich in einen Kampf mit seinem Gewissen.

Mit diesem teils grausamen, oft bewegenden und immer grandios geschriebenem Roman hat sich Stefan Zweig definitiv einen Platz in meinem Herzen gesichert. Der englische Titel „Beware of Pity“ zeigt meiner Meinung nach noch stärker, die gefährlich das Ausmaß von Mitleid werden kann, welches Anton Hofmiller nach und nach stärker beherrscht.

Zeigs Buch hat etwas, was mehr anmuten lässt, als sei es nicht Ende der 1930er, sondern eher in den 1880ern geschrieben worden, eine Hommage an das Wien in seiner Glänzenden Zeit, an Offiziere, an Festlichkeiten und eine alte, eigentlich schon heile Welt, die verloren gegangen ist. Dieser Charakter mit der alten, ausschweifenden Sprache und dem extrem interessant konstruiertem moralischen Dilemma, in der jede Figur einen nachvollziehbaren Standpunkt vertritt und man selbst leidet, da man sich nicht entscheiden kann, macht dieses Buch so unglaublich wichtig und brilliant.

Wunderbar ist auch die psychologische Einsicht in den Protagonisten, den Mitleid und Wahnsinn befällt und wie es die satte Wortwahl, die langen Sätze und das Sprachgefühl Zweigs es möglich machen eine so starke emotionale Dichte und Intensität zu erzeugen, das man wortwörtlich mitleidet.

Letztendlich habe ich lange überlegt, was eine angemessene Bewertung für dieses Werk ist, um meine Begeisterung auszudrücken, aber es trotzdem nicht ganz das perfekte Buch nennen zu können, weil das meinem Gefühl nicht gerecht wird. Zum einen bin ich fest davon überzeugt, dass dieser ellenlange, Metaphern- und Nostalgiereiche Schreibstift nicht jedem gut bekommen wird. Ich, wo ich wirklich diesen langen prosaischen Stil schätze, hatte dann und wann auch Momente, wo ich mir durchaus etwas mehr Tempo gewünscht hätte, da der Spannungsbogen durch lange Abschweifungen etwas leidet.

Auch das moralische Dilemma wirkt erstmal banal, doch wenn man von den Gefühlen in der Geschichte ergriffen wird, erscheint es höchst authentisch. Leider war ich nicht ganz überzeugt vom Ende des Romans, denn es fehlte sich so abrupt an, als würde man nach einer langen Reise einfach urplötzlich, vielleicht einen halben Kilometer vor dem Ziel  von etwas überfahren werden. Zwar ist es ein schlaues Ende, aber wie es eingeleitet wurde, ward nicht dem Rest der Geschichte gerecht. Mir gefiel der Anfang mit dem Beobachtenden Literaten, der die Geschichte Hofmillers erfährt extrem gut und ich hatte gehofft, dass wenigstens ein paar Worte von dieser Konversation am Ende zur Abrundung aufgegriffen werden. Vielleicht wäre das auch zu viel gewesen, Stefan Zweig wird seine Gründe dafür gehabt haben, ich möchte nur betonen, dass mir ein abgerundeter Schluss besser gefallen hätte.

Eins steht zweifelsohne fest: Ich kann nicht anders als zu verkünden, als mehr von Stefan Zweig lesen zu müssen!

THE VERDICT: „Ungeduld des Herzens“ wird sich von nun an unter meinen liebsten Klassikern befinden. Herrlich geschrieben mit einer interessanten, aber auch grausame Geschichte und einer tiefgehenden emotionalen Intensität, wie ich sie noch bei keinem Klassiker gefühlt habe. 9 von 10 Sternen.

Love, Katha

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2 Kommentare zu „Ungeduld des Herzens

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