Utopie als Dystopie? 1984.

Autor: George Orwell
OT: Nineteen Eighty-Four
Genre: Dystopie
Sprache: Englisch
Ersterscheinung (GB): 1948
Verlag: Penguin
Preis: ca. 6-7 Euro (Taschenbuch)
ISBN: 978-0140817744
Länge: 329 Seiten

Winston Smith lebt in Ozeanien, einem Machtblock, der sich im permanenten Krieg gegen Eurasien und Ostasien befindet, an dessen Spitze Big Brother steht. Seine Welt ist kontrolliert durch überall anwesende Fernseher, die ihn beobachten können und einer Polizei, die die Gedanken der Bevölkerung kontrolliert. Alles in reguliert, sogar die Sprache, in der die Menschen kommunizieren. Eines Tages überkommt ihn jedoch das Gefühl, sich gegen das System wehren zu wollen.

Schon lange wollte ich das bekannte Buch des britischen Autors Orwell lesen, doch fürchtete ich mich etwas davor, dass ich dem ganzen nicht gewachsen seien könnte. Zugegebenermaßen empfinde ich Zukunftsromane (zum Erscheinunszeitpunkt war es schließlich in der Zukunft) und besonders Dystopisches meist seht unheimlich. So sammelte meine Ausgabe auch schon ein bisschen Staub, bis das erste Kapitel ich letzte Woche für meinen Politische Theorie Kurs an der Uni lesen sollte – und da war’s geschehen und ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Fast schon angeekelt, aber außerordentlich gefesselt und mit einem großen Gesprächsbedarf arbeite ich mich durch 1984, dem Sinnbild für einen totalen Überwachungsstaat.

Meine Eindrücke sind noch recht verwischt, aber meine Gefühle zu diesem Buch recht eindeutig. Ich habe noch nie etwas so abartig verstörendes gelesen (und es gibt bestimmt noch viel schlimmere, unheimlicher dystopische Bücher), was mich gleichzeitig aber auch positiv geprägt hat. Orwell zeichnet eine Welt, wo alles kontrolliert wird, erschreckenderweise sogar die Sprache, die nach und nach ins sogenannte „Neusprech“ umgewandelt werden soll und das politische aus Wörtern wie Freiheit entnimmt und folglich das Denken begrenzt.

Ich könnte stundenlang über dieses Buch reden, weil es extrem clever und überraschend simpel konstruiert ist, eigentlich für jeden verständlich, wenn man es mindestens in der eigenen Sprache liest, es lässt sich wunderbar diskutieren und interpretieren. Ist es ein Konterwerk zu Thomas Morus´ scheinbar idealer Gesellschaft in „Utopia“ aus 1516? Kritisiert es schlichtweg totalitäre Systeme? Mal Orwell eine mögliche Zukunft eines außerordentlichen Überwachungsstaats? Ist dieses Buch ein Warnschuss oder eher Bewältigung eines vergangenen Systems? Verarbeitet es das Dritte Reich und den Kommunismus unter Stalin? Was können wir aus unserer Zeit wiedererkennen?  Und wie lässt sich das alles  damit vereinbaren, dass Orwell sich selbst als demokratischen Sozialisten ansah?- Fragen über Fragen, die zeigen, wie aktuell, einschüchternd und vor allem wichtig dieses Buch ist. Was von diesen Thesen stimmt, Sinn macht und möglich ist, möchte ich offen lassen, feststeht die enorme Bedeutung dieses Buches und sicherlich auch anderer dystopischer Werke und auch wenn ich mich gut gegruselt habe, denke ich, sollte ich mehr lesen, denn Orwell zeigt so schön, dass dieses Genre so gut als Gesellschaftskritik genutzt werden kann.

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende – ich war wirklich auch etwas erleichtert, als ich mit dem Buch fertig war. Ich weiß nicht, ob ich es noch einmal lesen will, nicht, weil es schlecht wäre – ganz im Gegenteil! – sondern weil es etwas mit einem anstellt, als würde man selbst Gehirngewaschen und so einsam und isoliert mit diesem Werk, wie sich der Protagonist Winston fühlt. Denn das ist die abartige Wirkung von Totalitarismus, der Privatraum, eine Zuflucht für einen selbst, Gedankenfreiheit – es geht alles verloren.

Ein zweifelsohne wichtiger, erschreckender und gut durchdachter und schlau geschriebener Roman. Dennoch glaube ich nicht, dass er es trotz seiner Genialität zur besten Bewertung schafft. Das ist zum einen dem etwas dünneren Mittelteil „verschuldet“ zum anderen, weil dieses Buch ein bisschen zu viel für mich war, auch wenn es wirklich schlau ist.  Ich kann zweifelsohne sagen, auch wenn es nicht eines der besten Bücher ist, dass es eines der wichtigsten Bücher ist, die jede und jeder gelesen haben sollte.

Zu dieser Ausgabe: Mehr zufällig, als absichtlich legte ich mir die Schüler-Version von 1984 zu bin und rückblickend sehr froh darüber. Das Englisch ist für jeden, der halbwegs regelmäßig mit der Sprache in Berührung kommt, gut verständlich und die Klärung einzelner, teils spezifischen oder umgangssprachlichen Wörter erfolgt im Anhang. Dazu gibt es Analyse-Fragen (die vermutlich vor allem dafür geeignet sind, wenn man das Buch in der Schule behandelt) und Charakterbeschreibungen wie knappe Inhaltsangaben, was nicht nur perfekt ist, wenn man dieses Buch in der Schule behandeln, sondern auch wenn man einen Klassiker im Original liest und noch ein bisschen mehr darüber nachdenken mag, als das reine Lesevergüngen.

THE VERDICT: Beklemmend, beunruhigend, erschreckend, abartig und dennoch ein Meisterwerk. Ein Spiegel für eine Gesellschaft, die auf den Überwachungsstaat zu läuft und eine zeitlose Kritik. Für meinen Geschmack war es etwas zu unheimlich, aber dieses Werk ist zweifelsohne wichtig und ein Lesemuss. 8.5 von 10 Sternen

Love, Katha

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9 Kommentare zu „Utopie als Dystopie? 1984.

  1. Hallo Katha,
    ich finde es spannend, dass wir beide zu demselben Schluss gekommen sind: Gerade eben habe ich auf einem anderen Blog jemanden dieses Buch empfohlen mit den Worten: Es ist gruselig, aber sehr beeindruckend, sollte man gelesen haben! Ich habe nicht vor, es noch einmal zu lesen – dieses beklemmende Gefühl habe auch ich erfahren und es lässt mich vor einer zweiten Lektüre zurückschrecken. Aber gerade das ist meiner Meinung nach so spannend an dem Werk: Warum löst es diese Gefühle in uns aus?
    1984 literarisch in einer Gruppe aufzuarbeiten ist sicherlich sehr wertvoll. Leider hatte ich diese Gelegenheit nicht, ich hab es lediglich privat gelesen. Von daher finde ich es sehr spannend, hier von deinen Leseeindrücken zu erfahren 🙂
    Liebe Grüße, Alex

    1. Hey Alex,
      wie schön zu hören, dass dir meine Rezension gefallen hat und du dich anschließen kannst bei meinem Urteil. Ich hab echt ein paar Wochen benötigt, um meine Gedanken und Gefühle richtig ordnen zu können. We du schon selbst sagst, die Emotionalität ist eine spannende Sache.
      Ich fand es auch sehr beruhigend, darüber mit anderen reden zu können, da ich einen enormen Bedarf empfand, einfach zu sprechen – vielleicht auch, weil der Protagonist das eben nicht konnte.

      Liebe Grüße und schönes Wochenende
      Katha 🙂

  2. Ich habe das Buch vor Jahren gelesen und mir letztes Jahr (oder war es schon vorletztes?) das Hörbuch angehört – den Klassiker-Status hat das Buch völlig zu Recht. Vieles, was da noch als (horrende) Zukunftsmusik dargestellt wurde, ist längst Realität, oft noch viel weitreichender, als Orwell es sich jemals hätte träumen lassen. Der Orwell war ein echter Prophet…

  3. Deinem Urteil kann ich mich nur anschließen. Ich fand das Buch ebenfalls verstörend und gruselig und zum Teil dadurch auch anstrengend zu lesen, weil ich es so quälend fand, das alles quasi mitzuerleben. Aber ich finde auch, dass es ein enorm wichtiges Buch ist und jeder es gelesen haben sollte! Nicht nur, weil man es zum Teil als Vergangenheitsbewältigung sehen kann, sondern auch, weil man es als eine Warnung sehen kann. Eine, die zum Teil leider umsonst war, denn einige der Dinge, die Orwell, sind danach durchaus eingetreten (die Überwachung dort erinnert zB ein wenig an die Stasi) oder es gibt sie immer noch.

    Bei mir hat das Buch auch nicht die volle Punktzahl erhalten, weil ich den Teil, in den aus diesem Buch von diesem einen Typen zitiert wurde, wo es um den Aufbau die Funktionsweise dieses Staates oder so ging, ziemlich langatmig und schwer zu folgen fand. Und das, obwohl ich es schon auf Deutsch gelesen habe.

    Was ich nicht ganz verstehe: Wieso ist es eine Frage, wie das Buch mit Orwells Selbstbild eines demokratischen Sozialisten vereinbar ist? Passt das nicht eigentlich gut, die Kritik an einem totalitären Staat?

    Besonders krass fand ich übrigens das Ende. So gar nicht das, was man aus diesen modernen, zum Teil weichgespülten Jugendbuch-Dystopien kennt.

    LG
    Carlos

    1. Hey Charlie! Ich gehe als gleich als erstes auf deine Frage ein: ein totalitärer Staat kann natürlich auch eine Sozialistische Natur haben. Ich weiß selbst nicht, wie stark diese Tendenzen bei ihm gewesen sind. Ich habe die Frage aus meinen Kurs entnommen und wollte sie einfach zur Inspiration verwenden, um zu zeigen, dass Orwell auch nicht gerade die unkontronverseste Ansicht hat. Aber ich denke wie du, dass es ganz gut vereinbar ist.

      Ich fand genauso wie du diesen erläuternden Teil irgendwie frustrierend, der hat das Tempo aus der Story genommen.

      Was du bezüglich des Endes gesagt hast, man ich mich absolut in jeder weise anschließen. Apropos, vielleicht könnte dir Dave Eggers‘ „Circle“ gefallen.

      LG
      Katha

  4. Meine Lektüre von „1984“ liegt lange zurück – das war vor 1984 – und hat mein politisches Erwachsenwerden durchaus beeinflusst. Ich schrieb auf ein Plakat „Big brother is watching you. You are watching big brother“. Dies gefiel manchen Teilnehmern der Wahlkampf-Kundgebung gar nicht so gut und rissen es mir aus den Armen ohne weitere Diskussion … „doppelplusungut“.
    Dave Eggers „Circle“ hörte ich als Hörspiel-Fassung im Rundfunk .
    Nun würde mich interessieren, wie die Utopien und Dytopien im Seminar Politische Theorie diskutiert wurden. Thomas Morus „Utopia“ (1516) ist über 500 Jahre alt. „Das Buch von der Stadt der Frauen“ von Christine de Pizan (1405) ist noch älter. Und viele nehmen bewusst oder nicht bewusst bezug auf Platons Politeia. Gerade las ich Ludwig Marcuses „Plato und Dionys. Geschichte einer Demokratie und einer Diktatur“ (1950 / 1968) mit einem interessanten Nachwort über „Die Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft“ und die Utopien …
    Gutes und frohes Studieren und weiter lesen!

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