Vom Ende der Einsamkeit

Autor: Benedict Wells
OT/DT: Vom Ende der Einsamkeit
Genre: Drama
Ersterscheinung: 2016
Verlag: Diogenes
Preis: 22 Euro (in Leinen gebunden)
Länge: 368 Seiten
ISBN: 978-3-257-069587

Ausgezeichnet mit dem Europäischen Preis für Literatur

Jules und seinen älteren Geschwistern Liz und Marty, welche ihre Eltern durch einen Unfall im Kindesalter verlieren und in den 1980ern in einem Internat in Süddeutschland großwerden. Grundverschieden, bekäpmft jeder Charakter den Verlust anders, doch im Mittelpunkt steht Jules, einst selbstbwusst, zieht er sich nun zurück.

Ist das Leben ein Spiel, in dem Glück mit Pech bestraft wird, eine Art Nullsummenspiel? Dieser Frage geht Benedict Wells Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ nach. Der Roman erzählt von Aufarbeitung, Verlust, verpassten Chancen, großen Hoffnungen, Einsamkeit und vor allem Liebe.

Mit den Worten „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich“ beginnen, wirft Wells einen sofort in die Erzählung – ein ganz großartiger erster Satz, der mich sofort neugierig machte. Ein Mann wacht nach einem Motorradunfall im Krankenhaus auf und erinnert sich plötzlich, warum er dort liegt. Doch dann beginnt der Roman chronologisch mit seiner Kindheit.

Jules‘ Erwachsenwerden wird von grundlegenden philosophische Fragen des Seins begleitet, sowie kleinen Zitaten von Rainer Maria Rilke oder Zeilen aus Liedern wie Paolo Contes „Via Con Me“, welches ein wiederholendes Motiv ist. Dabei sorgen diese überlappenden Momente für eine mitfühlbare Lebenswirklichkeit, als würde man sich mit Jules miterinnern. Häufig scheinen Kapitel wie Fragmente aus seinem Leben, die wie Puzzelteile aneinandergereiht das Bild vom verwirrten Mann mit dem Motorradunfall klarer werden lassen – um ihn nicht nur zu verstehen, sondern auch mitzufühlen! Denn genau das Fühlen steht bei diesem Roman im Vordergrund, mal Schmerz, mal Aufregung oder die reinste Freude, welche durch Wells sehr ruhigen, poetischen Schreibstil untermalt werden. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die Beschreibung vom Jules Schwester, die während seiner Kidnheit im Heim unglaublich fern und unerreichbar war: „Sie redete, wie ein Verdurstender trinken würde: gierig nach jedem einzelnen Wort“

Es sind die Sehnsüchte und das Innenleben der Menschen, welche Wells sehr gut zu verstehen scheint. So wird von der äußeren und innen Welt gesprochen und wie Jules nicht mehr den Zugang zu ersterer findet. Ständig stellt er sich die Frage, was wäre wenn… Dese Menschlichkeit und die Liebe für das Detail lassen die Figuren in diesem Roman sehr plastisch wirken, als würde man sie kennen – aber irgendwie auch nicht, wie im echten Leben.

Auch die große Frage nach einem Beruf, einer Lebensaufgabe ist ein wichtiges Thema: Kaum ein Mensch kommt an Jules rann, er trottet erfolglos durch das Leben und weiß nicht, was er will, nur die Erinnerung an die geheimnisvolle Alva, die er bereits aus Schulzeiten kennt, scheint ihn nicht loszulassen. In seiner Jugend pflegten sie eine besondere Freundschaft, doch werden die beiden sehr lange nicht über ihre Gefühle sprechen. Berührend und mit Erinnerungsfragmenten erzählt Wells von den intensivsten Momenten einer Liebesgeschichte.
Überwältigend schön und gefühlsintensiv kreiert Wells in seinem Roman eine Geschichte, die mit ihrer zarten Melancholie, aber auch der leuchtenden Freude wie aus dem Leben gegriffen scheint.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist eines dieser Bücher, die man fast schon langsam lesen will, um jede Seite auszukosten und die ein merkwürdiges Gefühl von Leere und Erfüllung hinterlassen, wenn man es durchgelesen hat. Ich bin noch immer absolut berührt und möchte diesen Roman jedem ans Herz legen.

Zu guter Letzt möchte ich das Cover loben, welches wie die typischen Diogenes Bücher aufgebaut ist und eine Illustration von Elizabeth Peyton zeigt, die hervorragend zur Geschichte passt – schlicht und schön.

THE VERDICT: Ich wüsste es nicht besser auszudrücken, als einfach zu sagen, dass dies eines der besten und berührensten Bücher ist, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. 10/10 Sternen

Love, Katha

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13 Kommentare zu „Vom Ende der Einsamkeit

  1. Mir hat dieses Buch auch sehr wohlgefallen, und ich schließe mich Deiner positiven Einschätzung an.

    Benedict Wells hält in diesem Roman eine gute Balance zwischen gefühlvollen und nachdenklichen Elementen. Es gibt anrührende Szenen zwischenmenschlichen Scheiterns und Gelingens, amüsante familieninterne Sprachcodes, sinnlich-atmosphärische Details, kindliche Schuldgefühle, erwachsene Reue, tröstliche Einsichten, lebhafte Assoziationen, einleuchtende Rückblenden, anschauliche Beziehungsportraits, poetische Reflexionen, emotional-treffsichere Psychogramme und eine sehr stimmige Entwicklung und Reifung der Figuren.
    Hier findest Du meine Besprechung:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/14/vom-ende-der-einsamkeit/

    Ich habe unter meine Rezension einen Link zu Deiner Rezension eingefügt, ich denke, Du bist gewiß damit einverstanden.

    Nachtaktive Grüße 😉
    Ulrike von Leselebenszeichen

    1. Oh vielen Dank, das ist echt lieb. Du hast es echt schön ausgedrückt, die Balance in dem Roman ist sehr angenehm. Ich mochte übrigens die Wendung „stark im Ei“ ganz besonders.
      Ich bin echt begeistert, dass du das Buch auch möchtest du werde mir so schnell wie möglich deine Rezension durchlesen.

      Alles Gute,
      Katha

  2. Ich freue mich wirklich sehr, dass du mir das Buch ausgeliehen hast :).
    Es ist wirklich ein sehr besonderer, emotionaler und berührender Roman.

    Den ersten Satz fand ich auch großartig! Und, wie gesagt, in Kombination mit dem letzten.

    Das Cover finde ich auch sehr passend, so schlicht und doch gefühlvoll. Nimmt man an, dass das Jules und Alva sind, passt es sogar, dass die beiden zwar zusammen sind, aber einander nicht ansehen, so wie Jules und Alva von Anfang an nicht völlig offen zu einander waren.

    Ich frage mich ja, wie Wells so einen intensiven Zugang zum Innenleben so verschiedener Menschen finden konnte. Er muss eine beeindruckende Menschenkenntnis haben, denn das alles, das kann er doch nicht alles selbst erlebt und gefühlt haben.
    Generell frage ich mich bei Autoren, die so viele authentische Figuren entwerfen, woher diese Menschen in ihren Köpfen kommen. Inspiriert von echten Menschen? Oder sind es Menschen, die sie hätten sein können, wäre alles anders gekommen?

    Ich weiß wirklich nicht, wie ich dieses Buch rezensieren soll…
    Hut ab, dass du das wieder so wunderbar geschafft hast!

    Alles Liebe,
    Charlie

    1. Ich bin sehr sehr glücklich, dass dir der Roman so gut gefallen hat. Ich würde wirklich unglaublich gerne mal für 10 Minuten mit Benedict Wells reden (am liebsten noch länger) um dieses Genie kennenzulernen. Oder erfahren, was für Literatur ihn selbst geprägt hat!
      Danke, dass du meine Rezension magst, ich werde deine as soon as possible lesen. Natürlich bin ich auch froh, endlich mit jemanden darüber diskutieren zu können.

      Alles Liebe, Katha

    1. Solltest du auf jeden Fall! Ich habe gerade erst ein anderes Buch von ihm beendet (Spinner), worüber ich auch bald schreiben werde und muss sagen, Wells ist schlichtweg ein begnadeter Autor!!

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