Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

https://wasliestdu.de/dateien/styles/width-200/public/cover/A/A3/A3C/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben-matt-haig.jpeg?itok=Rm9YIPSmAutor: Matt Haig
DT: Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben
OT: Reasons To Stay Alive
Genre: Biografie, Ratgeber
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 2015
Verlag: dtv
Preis: 18.90 € (Gebunden)
Länge: 304 Seiten
ISBN: 978-3-423-28071-6

Dies ist ein Buch, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn mit 24 Jahren wird Matt Haig von einer lebensbedrohlichen Krankheit überfallen, von der er bis dahin kaum etwas wusste: einer Depression. Plötzlich findet er sich buchstäblich am Abgrund wieder… Dieses Buch beschreibt, wie er allmählich die zerstörerische Krankheit besiegt und ins Leben zurückfindet. Es ist eine bewegende und mitreißende Hymne an das Leben und Menschsein geworden [Klappentext].

Matt Haig schildert ein seinem Buch seine Depression (welche mit einer Angststörung gekoppelt ist) auf verschiedenen Ebenen: Zum einen erzählt er in kleineren Sequenzen von persönlichen Momenten, u.a. wie er sich fühlte, als er nicht mehr leben wollte. Außerdem gibt es häufig Listen, z.B. über Symptome, Dinge, die ihm helfen usw. Ich glaube, in erster Linie ist dieses Buch für jeden, der an einer Depression leidet, oder jemanden kennt, der depressiv ist, sinnvoll. Man darf nicht erwarten, dass Matt Haig großartig mit Ratschlägen um sich wirft, oder wie der Titel suggeriert, Gründen, die einem zum Leben motivieren (es gibt eine Liste mit Twitterbeiträge dazu).
Für mich persönlich wirkte es mehr wie ein therapeutisches Werk, das einem zeigt, dass man mit bestimmten Gedanken und Gefühlen nicht alleine ist. In erster Linie ist dies die Geschichte Haigs, seinem ganz persönlichen Schicksal. Man muss sagen, dass er viel Glück hatte: eine sehr unterstützende Partnerin und eine fürsorgliche Familie, die wür ihn da waren, deshalb ist für Haig die Schlussfolgerung vor allem, dass ihm Liebe gut tut. Nicht jeder, der unter Depressionen leidet, hat solche Personen im Leben und ich habe reichlich Rezensionen u.a. auf Amazon gelesen, wo sich Menschen genau deshalb aufgeregt haben. Letztenendes ist „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ eine Autobiografie mit Ansätzen und Ratschlägen – Haig selbst schreibt häufig genug, dass er sich nicht anmaßt, für alle zu sprechen. Ihm tut das Schreiben und Lesen gut, vielleicht hilft es auch anderen Menschen. Ein schlichter, genialer Gedanke!

Ich sehe es als eine Inspiration oder als einen Einstieg in dieses Thema, denn häufig geht es nicht in die dunkelste Tiefe der Depression, stattdessen schneidet Haig viele verschiedene Aspekte an, z.B. nicht die Kraft zu haben, überhaupt etwas zu tun; wie schwer es für jemanden seien kann, ohne in Tränen auszubrechen, schlichtweg einkaufen zu gehen – oder am schlimmsten: Panikattaken.
Hier möchte ich ein Lob aussprechen, da ich diese Herangehensweise sehr toll finde: jeder, aus welchen Motiven er dieses Buch liest, kann sich einen eigenen Schwerpunkt heraussuchen und für sich reflektieren.
Zusätzlich empfiehlt Haig Literatur, die ihm geholfen hat in gewissen Phasen seiner Depression. Ganz toll fand ich die Gespräche mit seinem früheren Ich, wer würde das eigentlich nicht gerne machen?

Das Schöne ist, dass man im Laufe des Buchs richtig bemerkt, wie sich die Psyche Haigs kräftigt! Ich denke, das gibt nicht nur das Gefühl, dass der unsichtbare Ich-Erzähler Buches für einen da ist, sondern es tatsächlich realistisch und machbar ist ( mindestens ein bisschen) aus seinem Loch hervorzukommen. Matt Haig betont – richtigerweise!- häufig, dass eine Depression eine unsichtbare Krankheit ist mit einer großen Macht. Dazu führt er viele Statistiken an, die mich eher gegruselt haben, aber zeigen, wie ernst man eine Depression nehmen muss, und weil er ein Mann ist, auch das Thema „Boys don’t cry“.

Was tut mir gut? Was nicht? Matt Haig hat mich inspiriert, genauer darüber nachzudenken, denn man tut häufiger Dinge, die eigentlich gar nicht optimal für einen sind. An dieser Stelle kann man mit ein bisschen Liebe anfangen – mit Selbstliebe, egal, ob man selbst unter der unsichtbaren Krankheit leidet.

1. Eine kleine Bemerkung am Rande: Meistens bin ich sehr zufrieden mit dtv-Ausgaben, sie sind einfach in vielerlei Hinsicht richtig: gutes Layout, richtige (angenehme) Schriftgröße, gute und solide Übersetzung, Standardpreise.
Aber die gebundene Version von „Reasons to stay alive“ ist nicht nur preistechnisch richtig happig, sondern in einer Schrift für Senile gedruckt. Natürlich hat dies nichts im dem Inhalt zu tun, trotzdem empfehle ich jedem, der kann, nicht diese Mogelpackung, sondern die englische Version zu kaufen.

„Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ liest sich sehr schnell und angenehm, ich hatte es binnen weniger Stunden durchgelesen. Weshalb ich empfehle, mindestens hineinzuschnuppern, falls man z.B. in einer Buchhandlung die Möglichkeit hat – es geht schnell „zur Sache“.

2. Eine größere Bemerkung: Ich hoffe, dass es nun keinen großen Aufschrei gibt, inwieweit man überhaupt qualifiziert ist, ein Buch über Depressionen zu beurteilen. Ich finde, dass Depressionen etwas sehr Persönliches und Individuelles sind und keine Depression mehr oder weniger ernstgenommen werden sollte. Ich denke, jeder sollte sich um sein Seelenwohl kümmern und dass dieses Buch gewissermaßen auch dazu rät.

THE VERDICT: Eine bewegende Autobiografie mit Ansätzen von Ratschlägen und interessanten Gedanken. Matt Haig thematisiert verschiedene Aspekte einer Depression und hinterlässt eine Spur von warmer Hoffnung. Dieses Buch lebt von einer gewissen Leichtigkeit, hebt aber (zum Glück) nicht ab. Auf jeden Fall empfehlenswert! 8 von 10 Sternen.

Ein großes Danke an Charlie von Keine Zeit für Langeweile für das Leihen dieses Buches!

Love, Katha

Quellen
Cover

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5 Kommentare zu „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

  1. Ich will dich ja nicht enttäuschen, aber was Seitenanzahl und Schriftgröße angeht, nehmen sich die deutsche und die englische Ausgabe nicht viel ^^. Die englische kostet natürlich weniger, aber das liegt halt an der fehlenden Buchpreisbindung. Trotzdem stimme ich dir zu; ich hätte sicher nicht so viel Geld für das Buch ausgegeben.

    Ich fand auch diesen bescheidenen Gedanken toll, dass er nicht über Depressionen allgemein irgendwelche „Wahrheiten“ schreiben sondern einfach von seinen Erfahrungen berichten wollte.
    Und es freut mich, dass er dich mit diesem Buch inspiriert hat :).

    Darüber, dass er sich viel auf Liebe bezieht, die vielleicht nicht jeder in seinem Leben hat, habe ich noch nie nachgedacht. Ich lese aber auch prinzipiell selten Rezensionen anderer zu Büchern, weil die immer mein eigenes Urteil trüben.
    Aber er zeigt ja auch, dass Liebe nicht immer nur ein Partner sein muss. Man muss auch sich selbst lieben und sich selbst hat eigentlich jeder.
    Ich finde auch nicht, dass das ein Grund zum Aufregen ist, schließlich hat der Autor nie behauptet, dass das, was ihm hilft, allen hilft.

    Was mich persönlich verwirrt hat, war, dass er kein bisschen über Therapien redet. Hat er nie eine gemacht? Bei Medikamenten erwähnt er ja auch, dass er sie nicht nimmt, sie aber vielleicht anderen helfen.

    Freut mich jedenfalls, dass dir das Buch gefallen hat :).

    LG,
    Carlos

    1. Wahrscheinlich habe ich vergessen, auf den Kommi zu antworten, weil wir uns so viel darüber unterhalten haben. Ich fand das auch komisch, dass er über Therapien nicht gesporchen hat, insobesondere, weil ich ganz persönlcih Therapien für was wunderbares halte. Ich denke, ich werde mehr in diesem Genre und Themenfeld lesen, mich hat das Buch definitiv inspiriert 🙂

      deine Katha

  2. Liebe Katha,
    dieses Buch habe ich auch gerade gelesen und für empfehlenswert befunden. Die unkonventionelle und leicht verständliche Herangehensweise, die auch depressionsunerfahrenen Lesern einen Zugang zur unsichtbaren Krankheit Depression ermöglicht, finde ich gelungen. Die entwaffnende Verletzlichkeit und zugleich tapfere Hoffnung, die er mit seiner authentischen und selbsterfahrenen Informationszusammenstellung vermittelt, dürfte auch für Betroffene eine erste Hilfe sein.
    Es gibt keine Pauschalrezepte, die für jeden passen, und deshalb ist es in Ordnung, daß er einfach von den Bedingungen und Methoden berichtet, die für ihn heilsam und unterstützend sind.

    Auf der DTV-Verlagswebseite gibt es übrigens einen Buchtrailer:
    http://www.dtv.de/special/ziemlich_gute_gruende_am_leben_zu_bleiben/trailer/2388/

    Matt Haigs Roman „Ich und die Menschen“ kann ich Dir auch wärmstens empfehlen. Er handelt von einem hochintelligenten Außerirdischen, der von einem Planeten stammt, auf dem Mathematik RELIGION ist und Logik das einzige Gebet. Dieser Außerirdische besucht die Erde.

    Der Gast aus dem All hat eine Mission zu erfüllen: Um des universellen Friedens willen soll der menschliche Fortschritt aufgehalten werden. Ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „Riemannschen Vermutung“ erbracht.

    Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das soll aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden, da die menschliche Spezies ohnehin schon über zu viele technische Mittel verfügt – bei gleichzeitiger psychosozialer und logischer Unterbelichtung.
    Dieser Roman hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des sehr vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden und denkenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

    Hier folgt der Link zu meiner ausführlichen Rezension:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

    Sonnige Grüße
    Ulrike 🙂

    1. Liebe Ulrike,
      zunächst tut es mir leid, dass ich deinen Kommentar übersehen habe, ich habe keine Ahnung, wie das passiert ist. Ich freue mich jedoch zu lesen, dass meine Rezension dir gefallen hat und möchte mich für deinen ausfürlichen Kommentar bedanken, da wird die Bloggerseele doch ganz warm!
      Von dem Trailer habe ich gehört, es gibt auch einige YouTuber, die sich von dem Buch habe inspirieren lassen, ich habe viel auf den Social-Media-Seiten wie Instagram zu diesem Buch gefunden, was mich auch echt gefreut hat, da ich absolut jedem dieses Buch ans Herz legen will.
      Ich werde auf der Stelle deine Rezension dazu begutachten, so wie immer!

      Bis bald und alles Liebe,
      Katha 🙂

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