Kolumne: Erwartungshaltungen

Oder: Dinge nicht mehr zu Tode denken

Man stelle sich die Situation vor: Donnerstag gegen 10 Uhr, ein lauter, sich rege unterhaltender Leistungskurs des 2. Semesters – Deutsch oder Geschichte. Manche noch ein bisschen schläfriger als andere, eigentlich ist ein ganz normaler Tag- da kommt der Lehrer durch die Tür, unter dem Arm ein dicker, verdächtig aussehender Stapel Papier.
Einige werden langsam unruhig, noch sagt der Lehrer nichts. Es wird sich begrüßt, Floskel hier, Überprüfen der Anwesenheit, Formalitäten da, während der Stapel auf dem Tisch des Lehrers wortlos liegt. Ein leises Gemurmel geht herum, ach ja, vor ein paar Wochen wurde doch Klausur geschrieben. Ist sie das?
Schließlich verkündet der Lehrer fast feierlich, dass es sich tatsächlich um die Klausur handle, wir sie jedoch erst am Ende der zweiten Hälfte des Unterrichtblockes erhielten – spricht in ca. 80 Minuten. Das Herz stockt. Nun liegt irgendwo in diesem Blätterstapel das eigene Werk, korrigiert, begutachtet und nun soll ich 80 Minuten ruhig hier rumsitzen? Jetzt kommen zwei Züge in den Menschen hervor: Optimismus und Pessimismus.
Aber wie denkt man eigentlich richtig? Versetzt man sich kurz wieder in das Gefühl nach der Klausur? Mag man darauf vertrauen, dass man sein bestes gegeben hat und es doch gar nicht so schlimm sein kann? Oder stellt man fest, dass die vermeintlich geniale Interpretation total unverständlich und schlecht begründet war? Oder noch schlimmer: Hatte man nicht während der Klausur schon so ein flaues Gefühl im Bauch? Diese blöde Klausur kann da doch nicht ernsthaft noch 80 Minuten liegen! Noch schlimmer ist es, erst 45 Minuten über die Klausur zu diskutieren, ohne die eigne gesehen zu haben und sich selbst auch nicht so genau daran zu erinnern, ob man geschrieben hat, dass in Vers 8 ein wichtiges Hendiadyoin steht oder ob man Jacques Necker im Bezug zur Französischen Revolution erwähnt hatte. Manchmal frage ich, ob den Lehrer, der diesen Stapel über Tage korrigierte, sich ein bisschen daran ergötzt, einen derartig auf die Folter zu spannen…
Die Panik steigt einem bis zum Halse und gurgelt langsam in Rachen. Soll ich mit dem schlechtesten Rechnen, damit ich nicht enttäuscht werde? Hab ich nicht heimlich ein gutes Gefühl? War die Klausur das letzte Mal, als ich ein gutes Gefühl hatte denn gut? Oh bitte lass es wenigstens 10 Punkte sein! Und überhaupt: Warum sieht mein Sitznachbar so unbesorgt ruhig aus?
Die Fragen drehen und wenden sich durch die Hirnwindungen des nervösen Gymnasiasten. Es hilft ja nichts, denkt er sich seufzend und versucht nicht an die Klausur zu denken, die direkt vor seiner Nase liegt.
Und es hilft, denke ich, tatsächlich nicht. Tief einatmen und versuchen, sich abzulenken, denn Dinge totzudenken macht meiner Erfahrung nach Dinge noch viel schlimmer. Nun kann man auch nichts mehr ändern, nun hilft es aber an sich selbst zu glauben und ein bisschen Zuversicht schadet auch nicht.

Love, Katha

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2 Kommentare zu „Kolumne: Erwartungshaltungen

  1. Das Gefühl, was du verspürst, kenne ich natürlich auch nur zu gut ^^
    Aber wie du schon gesagt hast, bringt es nichts. Wobei, ein bisschen. Wenn du dich pessimistisch fertig machst, freust du dich umsomehr über deine viel bessere Note, als die, die du erwartet hast 😀
    Und ich glaube auch, das Lehrer das absichtlich machen. Ob man jetzt nicht aufpasst, weil wir auf die Folter gespannt werden oder wegen der Klausur nicht aufpassen, macht nicht sehr viel Unterschied ^^
    Aber wozu wird man denn auch Lehrer? Genau! Um endlich seinen Quältrieb ausüben zu können! 😉

    LG
    GNB

    1. Ich glaube mittlerweile, man sollte hinnehmen was kommt – man kann es ja nicht mal mehr ändern ^^ ich glaub, ein bisschen Schnappatmung und „Hoffentlich ist es eine XY“ gehören in gewisser Weise dazu

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