Kolumne: In der Thunfischdose

Oder: eine Ode ans U-Bahnfahren.

Berlin hat seinen gewissen Charme, der durch allerlei vertraute und manchmal auch überraschende Liebenswüridgkeiten ausgemacht wird. Manche denken dann an die Hipsterviertel Kreuzberg oder Prenzlauerberg mit ihren alten Straßen, die bunte und sich klimaktisch nach ihrer Exotik steigende Cafés säumen, oder an die vielen schmucken Altbauten. Doch zuerst muss man dahin gelangen – und das ist eigentlich noch viel spannender.

Ich habe, man sehe vom GDL-Streik und anderen winterlichen Weichenkrisen ab, das Gefühl, dass Berlin doch ein recht gutes und meist zuverlässiges Verkehrswesen hat, was einen schnell von A nach B bringt, vorausgesetzt man befindet sich nicht in der absoluten Einöde der Randbezirke, die inoffiziell schon nach Brandenburg aussehen. Bus, im Osten der Stadt Tram, S-Bahn und U-Bahn schleppen einen ganz gut durch die Gegend.

Es gibt viel über U-Bahnfahren in Berlin zu sagen und fährt man erstmal regelmäßig durch dieses Metropolenwirrwarr, bekommt man eine ganz andere Sicht auf die Öffis. Wer mit mir U-Bahn fährt, ist schon von vornerein zu bemitleiden, denn ich rege mich regelmäßig über die nicht vorhandene Ästhetik von optischen Scheusale wie Bayerischer Platz, Halemweg oder Berliner Straße auf. Dazu ein anderes Mal mehr. Jetzt mal wirklich: diese Decke der Berliner Straße ist so beängstigend-erdrückend niedrig, dass man beim Anblick zu ersticken vermag, zudem ist Bahnhof in ein plastikartiges, versifftes Weiß getaucht, dass man sich fühlt wie in einer verschimmelten Psychartriezelle, wobei die blutroten Emaillefliesen noch zusätzlich Torrero-Stier-artige Wutanfälle erzeugen.

Aber eigentlich möchte ich von meinen schönen U9-Erlebnissen berichten. Für alle Nicht-Berliner: Die ca. 13km lange charakteristisch orange-markierte U-Bahnlinie pendelt zwischen Osloer Straße (im Norden Berlins) und Rathaus Steglitz (Süden Berlins) und trifft dabei im Herzen der Stadt auf den sagenumwobenen Zoologischen Garten. Aus mir unersichtlichen Gründen ist diese Linie immer voll. Sagte ich voll? Überfüllt. Zugegebenermaßen, keine Tokio’schen Zustände, aber durchaus voll. Wenn ich Freitag abends gen Steglitz fahren will oder um drei Uhr nachmittags am Dienstag zur Turmstraße möchte, stets fühlt man sich wie in einer Thunfischdose – um ehrlich zu sein, manchmal auf olfaktorisch.

Dennoch fahre ich gerne mit dieser Linie. Vielleicht, weil ich mich gerne über den U-Bahnhof Berliner Straße aufrege, vielleicht weil ich das bereits eingegraute Babyblau des Bundesplatzes mag, oder einfach die bunten Kacheln der Spichernstraße heimlich feier, vielleicht steh ich auf die grauen Wände des Hansaplatzes oder diese wunderbare Blau-Orange-Augenkrebskombi der Schloßstraße, oder ich fahre einfach gerne mit den uralten Wagen der Berliner U-Bahn, wo die Bezüge der Sitze markenzeichlich mit rot-blauen Fleckchen besprenkelt sind.

Und dann soll jemand sagen, man sieht beim U-Bahnfahren nichts. So ein Blödsinn.

Love, Katha

P.S. Verantwortlicher für dieses optische Scheusal ist Rainer G. Rümmler.

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2 Kommentare zu „Kolumne: In der Thunfischdose

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