„Lies mir vor, Jungchen“

Ahoi!

Bei Schullektüre scheiden sich die Geister, während der eine Lehrer eher philosophisch gerichtete Bücher lesen lässt (z.b. „Nichts“ von Janne Teller, was ich ganz grausam fand, aber ich möchte mich jetzt nicht darüber aufregen), zwingt der andere einem ein staubiges Drama wie „Antigone“ auf. Natürlich sieht der Rahmenplan auch bestimmte Werke vor… Aber ganz selten – jedenfalls in meiner bisherigen schulischen Laufbahn – gibt es gute Lektüre.

Autor: Bernhard Schlink
OT: Der Vorleser
Genre: Roman
Sprache: Deutsch
Ersterscheinung: 1995
Verlag: Diogenes
Preis: 9,90€ (Taschenbuch)
ISBN: 978-3257229530
Länge: 207 Seiten

Sie ist reizbar, rätselhaft und viel älter als er… und sie wird seine erste Leidenschaft. Sie hütet verzweifelt ein Geheimnis. Eines Tages ist sie spurlos verschwunden. Erst Jahre später sieht er sie wieder. Die fast kriminalistische Erforschung einer sonderbaren Liebe und bedrängten Vergangenheit.“

Copyright© Diogenes Verlag
Copyright© Diogenes Verlag

Ein Klappentext, wie er leibt und lebt, will ich fast schon sagen, er deutet auf Dinge hin, sagt aber auch nicht zu viel und macht meiner Auffassung nach sogar neugierig – Und er protz von begeisterten Pressestimmen. Bevor ich zum inhaltlichen komme, will ich noch über das Drumherum des Buches reden, denn das Cover ist alles andere als ansprechend. Natürlich ist der Roman gestaltet, wie alle anderen Diogenes Bücher auch, dieses eierschalenweiß an Vorder- und Hinterseite, mit dem Unterschied das vorne noch lieblos ein recht hässliches, aber passendes Bild (E. L. Kirchners „Nollendorfplatz“ aus 1912 hingeklatscht wurde.

Zum inhaltlichen: Michael Berg verliebt sich in die sehr viel ältere Hanna –  dabei will der nur zu ihr, um sich zu bedanken, dass sie ihm geholfen hatte, als ihm mitten auf der Straße schlecht wurde. Doch er besucht sie, sie schlafen miteinander, das Verhältnis bricht und Jahre später, bereits als Michael Jura studiert und einem Prozess als Beobachter beiwohnt, trifft er sie. Es handelt sich um einen KZ-Prozess.

Mehr möchte ich nicht verraten!

Es ist hervorragend, wie sich die Schuld, Unschuld und Gewissensfragen auftun (obwohl wie diese sogar in einer Klausur durchgekaut haben). Man stellt sich während des Lesens selbst fragen , wird selbst nachdenklich, aber auf gewisse Weise stört es keineswegs den Lesefluss.

„Genügt es, dass der Paragraph, nachdem z.B. KZ-Wächter verurteilt wurden, schon zur Zeit ihrer Taten im Strafgesetzbuch stand, oder kommt es darauf an, wie er zur Zeit ihrer Taten verstanden und angewandt wurde und dass er damals eben nicht auf sie bezogen wurde? Was ist Recht, was im Buch steht oder was in der Gesellschaft tatsächlich durchgesetzt und befolgt wird? Oder ist Recht, was, ob es im Buch steht oder nicht, durchgesetzt und befolgt werden müsste, wenn alles mit rechten Dingen zuginge?“ [B.Schlink, „Der Vorleser“ S.86, Copyright © 1995 Diogenes Verlag AG Zürich] – Ich LIEBE diese Passage, wie er es formuliert, wie die Fragen einem echten Gedankenfluss folgen, aufeinander aufbauen!

Doch irgendwie störte mich Michaels  sehr distanzierte Haltung zu sich selbst ab und an, obwohl sie auf der anderen Seite faszinierend ist. Er scheint sich selbst ein Fremder zu sein, vlt ist insofern eine Ich-Erzählhaltung nicht sehr sinnvoll. Was mir bereits zu Anfang aufgefallen ist, ist der Kontrast zwischen Sprache und Inhalt. Denn letzterer ist eher wie eine Impression, Schlink beschreibt ihn schnörkellos; präzise setzt er perfekt abgestimmte Striche auf seine Leinwand. jedoch muss ich mich als Freund von hypotaktischen, ellenlangen Bandwurmsätzen á la Theodor Fontane oder Thomas Mann aussprechen, es war also in der Abwechslung gut zu lesen, aber auf Dauer würde ich Schlinks Werke, wenn sie denn alle im selben Stil verfasst worden sind, nicht mögen – sprachlich.

Alles in einem ein Roman, der zum Grübeln und Nachdenken einlädt, manchmal etwas befremdlich, ja sogar unsympathisch ist und dessen Stil akzeptabel ist. Ich denke, dass man thematisch betrachtet, ein richtig gutes Buch vorliegen hat, perfekt umgesetzt wurde es aber nicht. Nichtsdestoweniger bin ich der Auffassung, dass man, den Film mit der hervorragenden Kate Winslet sehen sollte, er bietet ab und zu mehr Gefühl als der Roman. 3,5/5 Sternen.

Love, Katha


„Von allen Welten, die der Mensch geschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.“ -Heinrich Heine

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3 Kommentare zu „„Lies mir vor, Jungchen“

  1. Oh ja, wem sagst du das? Ich habe glaube ich bis jetzt genau zwei wirklich gute Schullektüren gelesen und ich gehe immerhin schon fast 10 Jahre zur Schule und lese glaube ich seit der 2. Klasse Bücher im Unterricht. Entweder haben die Lehrer alle einen grausigen Geschmack oder sie wollen, dass den Schülern der Spaß am Lesen vergeht. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass Schullektüren mit Schuld daran sind, dass viele Jugendliche nicht gerne lesen.

    Die Frage, ob sie themtatisch und von der Umsetzung her für Jugendliche geeignet sind, ist ziemlich wichtig, finde ich. „Die Entdeckung der Currywurst“ hätte ich zum Beispiel keiner 9. Klasse angetan. Falls ich diese Beziehung jemals verstehen werde, dann bestimmt nicht mit 14.

    Tja, die Aufmachung ist wirklich nicht das Wahre, aber wie du schon sagst, sehen so alle Diogenes-Bücher aus. Und du weißt ja: „Never judge a book by its cover“ ;).

    Die Frage nach Recht ist tatasächlich gut, aber du weißt ja, was ich von dem Buch halte. Um ehrlich zu sein hätte man das Thema wesentlich besser umsetzen können, vor allem ohne die absolut unverständliche Beziehung. Meiner Meinung nach hat Hanna einen Psychologen nötig, da sie offenbar nicht in der Lage ist, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Stattdessen lebt sie in dieser Liaison die weder ihr noch Michael guttun kann.
    Schade fand ich auch, dass man nie so wirklich versteht, wie es dazu gekommen ist, dass sie im KZ gearbeitet hat. Was das alles eine Folge ihrer Scham darüber, dass sie Analphabetin ist?

    Ich kann dir zwar nicht unbedingt zustimmen, aber du beschreibst dne Stil echt toll :). Oh Mann, Bandwurmsätze à la Fontante… da bist du wohl eine der wenigen, die die auf Dauer aushalten. Sowas muss man auch können, damit der Leser am Ende des Satzes auch noch weiß, wie er angefangen hat. Ich verstehe da immer nicht, wieso man den Satz nicht aufteilen kann. Wollte ja jemand Kommasetzung üben?

    Deinem Fazit kann ich dann erstaunlicherweise wieder zustimmen ^^. ich glaube meine Bewertung ist ähnlich ausgefallen. Den Film werde ich trotz toller Besetzung aber nicht sehen, weil Michael und Hanna mich immer aufregen, besonders am Ende.

    LG
    Charlie

    1. Zunächst einmal möchte ich mich natürlich für deinen Kommentar bedanken (Mein erster Kommentar:D!) Ich bin auch etwas gespalten, was den Roman betrifft, denn generell beschleicht mich das Gefühl, dass B.Schlink versucht, Kindheitstraumata loszuwerden oder der gleichen, weil mir dünkt, dass man sich solch Geschichte kaum ausdenken kann… Außer, man ist ein Perverser.
      Haha, das mit den Bandwurmsätzen finde ich recht witzig, weil ich ehrlichgesagt kein Problem damit habe, so was zu lesen, ich denke ca. 700 Seiten Buddenbrooks bereiten einen gut darauf vor;) Irgendwann hat man richtig Spaß daran, aber es benötigt schon Übung.
      Ob Analphabetismus eine gute ‚Entschuldigung‘ für den Sachverhalt ist, haben wir relativ heftig im Unterricht diskutiert, aber ich denke, genau das möchte Schlink bewirken: das man zweifelt.
      Was ich persönlich ganz gut finde, ist, dass Hanna eine sehr interessant und präzise gezeichneten Charakter hat (Kate Winslet spielt die Rolle so gut, du solltest dir das vlt überlegen), der jedoch sehr wiedersprüchlich und manchmal seltsam einseitig ist.
      Da ich ein ziemlich künstlerischer Mensch bin, lege ich eigentlich schon wert auf ein hübsches Cover, aber immerhin macht es sich gut im meinem Bücherregal, frei nach dem Motto „da liest jmd Weltliteratur“;)

      Love, Maret

      1. Die Vorstellung mit dem Kindheitstrauma finde ich jetzt ein bisschen gruselig, würde aber einiges erklären :D. Zum Beispiel diese genauen Beschreibungen..
        Und immerhin ist er auch Jurist…

        Wir haben damals glaube ich mit Fontane Kommasetzung geübt, weil die Sätze so schön lang waren :D.

        Einen interessanten Charakter hat sie schon, aber ich hätte ihr manchmal gerne in den Kopf geschaut, weil mir ihre undurschaubare Art auf den Keks ging. Interessant sein ist schön und gut, aber wenn der Leser so überhaupt nichts über ihre Motive weiß, wird das etwas einseitig, finde ich. Und das kann dann auch Kate Winslet nicht mehr raushauen. (Ein paar Szenen haben wir im Unterricht geschaut.)

        Deswegen habe ich ja auch gerne Reclamhefte im Regal stehen – weil sie intelektuell aussehen :D.

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